laut.de-Kritik

Im Grunde verdient jeder Track eine eigene Review.

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Selten fühlte ich mich angesichts einer Platte kleiner, hilfloser und überforderter von der schier unlösbaren Aufgabe, eine Ahnung von der düsteren Macht zu vermitteln, die in El-Ps wohl gezieltem Zweitschlag steckt. Womit anfangen, und wie jemals wieder aufhören, wenn ich erst einmal angefangen habe? Ich kann das nicht. Doch was hilft das schon? "Everything must go / You wanna get on some fly shit / Get on some butterfly to the fire shit."

Allein der Versuch, sich nebenbei den einen oder anderen Gedanken zu notieren, misslingt gründlich. "I'll Sleep When You're Dead" gestattet es nicht. El-P krallt sich die komplette, ungeteilte Aufmerksamkeit und dreht sie gnadenlos durch die Mangel. Die Komplexität seiner Kompositionen ist auch noch beim dreißigsten Durchlauf nicht ansatzweise zu fassen. Die Bezeichnung "Beats" hält diesen Instrumentals ebenso wenig Stand wie die durchschnittliche Schädeldecke, die unter dem Druck des unglaublichen lyrischen Inputs zu bersten scheint. Schöne Sauerei. Es wird Stunden dauern, die Splitter wieder einzusammeln. "You still think I'm here to save?"

Das zweifellos. El-P rettet mein hin und wieder gefährdetes Vertrauen darin, dass Hip Hop in der Lage ist, zutiefst zu berühren, zu bewegen, zu erschüttern. Er rettet meine Hoffnung, dass unter all den Rappern Dichter zu finden sind, wahre Poeten und Visionäre. Darüber hinaus liefert er mir mit "I'll Sleep When You're Dead" einen schwer zu entkräftenden Beweis dafür, dass Hip Hop nicht nur billiges Sampling sondern Musik ist. In diesem speziellen Fall zuweilen beklemmend, stets finster und von absolut faszinierender Intelligenz. "This is the sound of what you don't know killing you / This is the sound of what you don't believe still true / This is the sound of what you don't want still in you."

Nach den sich in ihrer Intensität stetig steigernden, immer drängender vorgetragenen Lyrics aus "Dear Sirs" oder den Einlassungen in "Run The Numbers" (hier Seite an Seite mit Aesop Rock) mutet es wie ein Witz an, wenn El-P von sich behauptet, er sei kein politisch aktiver Mensch. Geschichten, die zu erzählen andere ein Drehbuch, eine Filmcrew und zweieinhalb Stunden Spielzeit benötigen, wirft El-P in "Habeas Corpses" keine Spur weniger wirkungsvoll mit nichts als etwas Schützenhilfe von Cage innerhalb von fünf Minuten auf die Leinwand in meinem Kopf. Ähnlich derbe trifft "The Overly Dramatic Truth" meinen Nerv. Das Händezittern bleibt mir wohl noch eine Weile.

Im Grunde verdient jeder einzelne Track eine eigene Review. Feelgood-Nummern waren El-Ps Sache noch nie, daran hat sich nichts geändert. Seine Düsternis birgt aber zahlreiche verschiedene Schattierungen. Zuweilen lassen auf wenige Elemente reduzierte Instrumentals die Raps fast wie eine a cappella-Darbietung wirken ("EMG", "No Kings"). An anderer Stelle ist die Vielschichtigkeit des musikalischen Unterbaus kaum zu durchdringen. "And critics all see me twisted / They don't get my whole existence." Ja, ist das denn ein Wunder?

Vertraute Elemente stecken, wie die Bläser und Melodien in "Poisonville Kids No Wins", so tief im dunklen Gewirr, dass sie kaum noch zu greifen sind. Gequältes Stöhnen, Schreie und eiskalte, maschinelle Sounds begleiten "Smithereens". Frickelige Gitarren, beigesteuert von den Herren The Mars Volta, verleihen "Tasmanian Pain Coaster", das ohnehin alleine drei- bis fünfmal Tempo, Stimmung und seine komplette Ausrichtung ändert, einen gejagten Herzschlag. In "Up All Night" sind es dann die wuchtigen Drums, die dem Track das Leben nicht etwa einhauchen, sondern völlig ohne Erbarmen einbläuen.

Einzig "Flyentology" mit Nine Inch Nails' Trent Reznor, natürlich ausgerechnet die Singleauskopplung, erscheint mir ein wenig simpler angelegt und fällt dadurch im Vergleich leicht ab. Ich würde El-P nach wie vor nicht als den größten MC unter der Sonne, wohl aber als einen gewaltigen Lyricist ansehen, dessen Reime die Technik, mit der sie zu Gehör gebracht werden, ohnehin vollkommen überstrahlen. "You would tell me if I were crazy, right?" El Producto, Sie sind irre und Sie dürfen jetzt schlafen gehen. Ich bin tot.

Trackliste

  1. 1. Tasmanian Pain Coaster
  2. 2. Smithereens (Stop Cryin)
  3. 3. Up All Night
  4. 4. EMG
  5. 5. Drive
  6. 6. Dear Sirs
  7. 7. Run The Numbers
  8. 8. Habeas Corpses (Draconian Love)
  9. 9. The Overly Dramatic Truth
  10. 10. Flyentology
  11. 11. No Kings
  12. 12. The League Of Extraordinary Nobodies
  13. 13. Poisenville Kids No Wins / Reprise

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