laut.de-Kritik

Auf-Die-Fresse-Techno: Tanzen gegen das System.

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Deutschlands Elektrostaatsfeind Nummer eins fordert wieder zum Tanz gegen das System auf. Torsun, im gar nicht so märchenhaften WM-Sommer '06 mit seinem "Ten German Bombers" eine der wenigen Stimmen gegen den schwarz-rot-goldenen Massentaumel, legt mit seinem Projekt Egotronic das Zweitwerk "Lustprinzip" vor.

Die Marschgeschwindigkeit gibt "Raven Gegen Deutschland" vor: Stampfende Beats untermalen den Track, der live längst zum festen Bestandteil der Combo gehört, die unlängst live umpositioniert wurde. Statt mit dem langjährigen Mitstreiter Hoerm ist der Wahlberliner jetzt mit Endi am Umhängekeyboard und KT&F am Rechner unterwegs.

Nachdem die erste Parole verhallt ist, und auch der letzte begriffen haben dürfte, dass Egotronic uns Bass, Bass und Bass mitgebracht haben, stellt man verblüfft fest, dass man trotz aller Jahrmarkt-Platitüde im Sound doch kräftig mit dem Hintern gewackelt hat.

In neu abgemischter Version stampft der Titeltrack aus den Boxen, und so hat Torsun schon gleich mit zwei zentralen Eckpfeilern seine Welt abgesteckt. Dass man sich auch als Hedonist noch um politische Themen kümmern kann, wird hier anschaulich. Und so plakativ und platt die Parolen ("Durch Deutschland durchraven und plündern auf Pille") wirken, so sehr ist sich der Verfasser dessen bewusst.

Augenzwinkernd ist hier jedoch nichts gedacht. Für "Der Tausch" holt sich Egotronic Daniel Kulla, entschwörender Blogger, Autor und Journalist hinters Mikro. Aus seinem Mund klingen die Worte: "Oh ja, na klar Mann, sie beherrschen dich, und sie verschwören sich ständig gegen dich" äußerst kompetent.

"Nicht Nur Raver" versucht schließlich die Brücke zwischen Feierei und Politik zu schlagen und zeigt gleichzeitig auf, wie beschränkend das Medium Musik ist, wenn es darum geht, komplexe Zusammenhänge zu erklären. Aber Torsun ist sich dessen bewusst und bricht sich keinen ab. Der Text entstand übrigens direkt nach der Hetzjagd von Mügeln im August, man kann dem Sänger die Wut über die Geschehnisse leicht anhören.

Auf "XTC-Boy" kommt erstmals bei Egotronic eine Frau zu Wort. Tinas scheinbar unbeteiligte Stimme passt wunderbar zum entrückten Geschehen in einem Club früh am Morgen. Hier beginnt man, den Strobo zu sehen, die rauchige Luft zu schmecken und den Bass zu spüren.

"Meine Sonnenbrille" bollert dann ziemlich hart, und auch der Bass zieht die Schrauben wieder an. Das mit Sedlmeir eingespielte "Ich Kann Dich Fahren" erweist sich nach ungewöhnlichem Anfang als ähnlich tanzbar wie der Rest. Dennoch wirkt das Stück ein bisschen wie ein Fremdkörper auf dem Album und stellt den einzigen wirklichen Ausrutscher auf "Lustprinzip" dar.

Mit "Hip Cool Sexy" watscht Torsun noch schnell die Szene-Hipster ab, bevor die beiden kurzen Interludes "Verliebt" und "Die Zehn Wird Nicht Geschrieben" direkt in die "Afterhour" überleiten. Egotronic versuchen sich äußerst gekonnt in Minimal House.

Das Berliner (Ex-)Duo wendet sich mit "Lustprinzip" endgültig vom alten C64-Sound ab und hin zu Auf-Die-Fresse-Techno. Mein Autoscooter ist wichtiger als Deutschland!

Trackliste

  1. 1. Raven Gegen Deutschland
  2. 2. Lustprinzip
  3. 3. Der Tausch (feat. Kulla)
  4. 4. Nicht Nur Raver
  5. 5. XTC-Boy (feat. Tina & Plemo)
  6. 6. Meine Sonnenbrille
  7. 7. Ich Kann Dich Fahren (Vs. Sedlmeir)
  8. 8. Hip Cool Sexy
  9. 9. Verliebt
  10. 10. Die Zehn Wird Nicht Geschrieben
  11. 11. Afterhour

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LAUT.DE-PORTRÄT Egotronic

Die Bandgeschichte von Torsun beginnt recht früh. Im zarten Alter von dreizehn spielt er in seiner ersten Punkband, damals noch klassischen Deutschpunk.

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