21. Juli 2006

"Hey, dein Kameramann ist echt sexy!"

Interview geführt von

Am Rande des Open Airs in St. Gallen trafen wir Ober-Eagle Jesse "The Devil" Hughes, um mit ihm die erotischen Vorzüge von Schnauzbärten, Aufnahme-Sessions mit Josh Homme und natürlich das neue Album "Death By Sexy" zu sprechen, das heute erscheint."Wie erkenne ich dich?", fragt mich der Manager der Eagles Of Death Metal am Handy, während ich vor dem Medienzelt des Open Airs St. Gallen in der untergehenden Sonne auf ihn warte. Statt "am Schnauzbart" antworte ich: "Ich trage ein T-Shirt mit der Aufschrift 'Hometrainer'", worauf am anderen Ende der Leitung erstmal genau die Stille eintritt, die auch bei der anderen Antwort eingetreten wäre. Dabei passt ein Turngerät ja zufällig auch ganz gut zum homoerotischen Anstrich der Truppe. Als Kollege Bättig und ich schließlich in die Interview-Katakomben gelangen, haut uns der sonnenbebrillte Jesse "The Devil" Hughes gleich mal beschwingt auf die Schultern. Wie nett. Dann wollen wir die gute Laune mal aufrecht erhalten.

Jesse, Glückwunsch zum Plattenvertrag in Deutschland. Ist ja noch relativ frisch.

Jesse: Oh thank you. Deutschland war immer gut zu uns. Wir kommen gerade von zwei Supershows in Köln und Berlin mit den Strokes. Die Leute hier lieben den Rock'n'Roll. Niemand sagte zu uns (spricht deutsch:) "Ich bin stinksauer". Es lief also sehr gut.

Dabei ist das Strokes-Publikum vielleicht nicht gerade das optimalste für dreckigen Eagles-Rock.

Ich denke, du musst die dir Anerkennung der Leute verdienen. Du kannst nicht erwarten, dass du gemocht wirst, nur weil du in einer Rockband mitspielst. Das respektiere ich und ich arbeite hart dafür, dass die Leute Spaß haben. Als wir damals in Berlin und Köln mit Queens Of The Stone Age spielten, kamen wir auch gut an. Es ist ja auch schwierig, vergnügten Rock'n'Roll abzulehnen, oder? Schonmal meinen Schnauzbart gesehen?

Schon mehrfach.

Dies ist auch ein guter Zeitpunkt, dir zu deinem überaus gelungenen Schnauzbart zu gratulieren. Und es ist ja nicht einfach nur ein Schnauzbart, wie wir beide wissen, sondern ein zarter Balken der Liebe. Klar, ne?

Klar. Aber nochmal zur neuen Platte. Wieso kam sie nicht wie die letzte bei Southern raus?

Ehrlich Mann, wir hatten so viele gute Angebote von anderen Labels, dass es einfach Sinn machte. Nichts gegen Southern Records, ich liebe den Laden. Es war nichts persönliches. Ich will halt die Welt erobern. Ich muss das Ding am Laufen halten. Haie können immer nur vorwärts, sonst ersaufen sie, wenn du verstehst. Wir betreiben hier keine Bibelexegese, wir spielen Rock'n'Roll! Ich will Spaß haben.

Du hattest also keine Angst, dass sich niemand für "Death By Sexy" interessieren würde?

Nein, ich liebe diese Platte. Alle Achtung da draußen, wir haben eine Höllenplatte geschrieben, die Josh produziert hat.

QOTSA-Drummer Gene Trautman ist nun wieder bei euch an den Fellen. Habt ihr Samantha Maloney gefeuert?

Oh nein, aber Peaches wollte Samantha unbedingt haben, also haben wir sie ihr ausgeliehen. Jetzt kann Peaches die Welt erobern. Wir dürfen für sie eröffnen, wenn wir in die Staaten zurück kehren. Was Gene angeht; Josh und ich wussten schon vor der ersten Eagles-Platte, dass er nicht die ganze Zeit zur Verfügung stehen würde, denn wir sind eine richtige Band und kein Nebenprojekt. Meine Traumband bestand immer aus Dave Catching und Gene Trautman. Jetzt habe ich Gene nach langem Zureden für zwei Jahre an meine Band gekettet. Thank God!

"Josh würde Little Richard stolz machen"


Dann würdest du den Drumsessel bei den Eagles nicht als Schleudersitz bezeichnen?

Nein. Für mich sind die Eagles das Sonderkommando des Rock'n'Roll. Manchmal brauche ich für die Eagles Claude Coleman von Ween an den Drums, manchmal Joey Castillo von den Queens und manchmal denke ich an Samantha Maloney, Gene Trautman oder Dave Grohl. Aber ich brauche immer Baby Duck, so nenne ich Josh. Er ist mein Partner in dieser Sache. Und es ist kein Nebenprojekt für ihn, nur weil er auch noch in einer Band namens Queens Of The Stone Age spielt. Während wir hier sprechen, sitzt er übrigens schön fleißig daheim in Hollywood und schreibt an der neuen Queens-Platte. Ich wünschte ich wäre auch dort.

Du würdest Josh aus Rücksicht also nie bitten, mit dir auf Tour zu gehen?

Doch klar, aber das bringt ja nichts, denn er kann nicht mit. Er ist mein bester Freund auf der ganzen Welt, ohne Scheiß. Ich liebe diesen Typen. Niemand rockt auf die Art und Weise, in der er rockt. Er würde Little Richard wirklich stolz machen.

Little Richard gilt ja auch als Haupt-Inspirationsquelle für die Eagles Of Death Metal. Wo siehst du Parallelen?

Nun, Little Richard stand für das, was Rock'n'Roll und was Death Metal eigentlich bedeuten. Als er in den 50ern rauskam, trug er einen rosafarbenen Anzug, einen Schnauzbart und er grinste die ganze Zeit. Er jagte der ganzen verdammten Welt einen Riesenschrecken ein. Stell dir vor, sie verbrannten damals seine Platten und versuchten, Rock'n'Roll zu verbieten. Wir sprechen über eine Zeit bevor Elvis kam. Das erste Elvis-Album bestand nicht ohne Grund zur Hälfte aus Little Richard-Coverversionen. Mann, das ist gefährlich! Dabei wollte er nur eine gute Zeit haben. Genau wie wir auch. Wir wissen, dass wir nichts superoriginelles machen. Sorry, wir haben das nicht erfunden. Es ist Rock'n'Roll. Nach der Art von Little Richard oder Chuck Berry oder Angus Young. Oder nach der Art von Die Toten Hosen.

Häh?

Ich liebe diese Band. Schau mal, was ich hier habe ...

Jesse greift in seine Jeanstasche und holt ein Gitarrenplek-Täschchen hervor, aus dem lauter DTH-Pleks heraus purzeln.

Wo hast du die denn her?

Wir haben letztes Jahr mit ihnen auf einem Festival gespielt. Sind die Teile nicht der Killer?

Nicht übel. Dann wirf sie mal nicht aus Versehen ins Publikum!

Im Leben nicht. Die gehen mit nach Hause. Die sind etwas Besonderes.

Thema Schnauzbart: Hast du mehr Sex-Appeal als Little Richard?

Schön wärs, aber niemand kann je so sein wie er. Es ist eher eine Majestätsbeleidigung, mich mit ihm zu vergleichen. Andererseits, so sexy wie ich muss auch erstmal einer sein, was meinst du? Und eins muss ich ja auch mal sagen: dein Kameramann ist echt ziemlich sexy! Die ganze Zeit macht der Bilder, dabei will man am liebsten von ihm Bilder machen.

Wie wichtig ist dein Nasenrasen eigentlich für den Erfolg der Band?

Puh, das ist so eng mit allem anderen verflochten, dass man es nicht in Worte fassen kann. Für mich ist es wichtig, Mann. Wenn man seinen Schnauzbart nur aus Spaß trägt, ist das lahm, aber wenn man ihn wie du als Teil seiner eigenen Männlichkeit trägt, dann ist es cool. Er sagt zu den anderen, hey check mich out, you know? Weißt du, ich liebe Frauen. Girls sind das verdammt beste auf der ganzen Welt. Und mir ist eben aufgefallen, dass wenn du so aussiehst wie deren Väter in den 80ern oder die Jungs während der Porno-Ära, dann heißt das so viel wie "Hey, ich liebe dich und ich respektiere dich so wie du bist. Und ich will mit dir ausgehen."

Hattest du schon mal ein Mädchen, das dich gezwungen hat, den Bart abzurasieren?

Als ich verheiratet war, hatte ich einen Vollbart und meine Ex-Frau hat mir damals geraten, ihn abzunehmen.

Das ist hart.

Ja, ich war etwa zwei Jahre bartlos.

Wie fühlt man sich da?

Nackt. Aber weißt du, ich war damals eine andere Person. Der Rock'n'Roll traf mich völlig unerwartet. Ich durchlief eine Scheidung, wurde depressiv und mein bester Freund Josh musste auftauchen, um mir zu sagen: Dude, schreib Songs, mach ne Platte und vergiss den Scheiß. Und so kam dann alles. Es ist verrückt, es ist wie ein Sechser im Lotto. Es machte einfach "Wuff". Das ist die Kraft des Rock'n'Roll.

Gibt es noch jemanden, ohne den die Eagles nicht existieren könnten?

Absolut: The Sonics, Chuck Berry, Carl Perkins, T-Rex, The Beatles, ganz klar die Rolling Stones, Black Flag, Queens Of The Stone Age, Nine Inch Nails ...

"Wedele mit deinem Pimmel, Mann!"


Dein Manager meinte, du willst dir heute unbedingt noch Massive Attack anschauen.

Fuck yeah. Und Wolfmother spielen hier auch, sehr gute Band. Ich habe sie in den Staaten gesehen. Sie spielten so einen Instore-Gig in einem Plattenladen. Da bin ich erstmal in die DVD-Abteilung nach oben gegangen, um sie besser sehen zu können. Echt cool, das fühlt sich an wie eine Renaissance des Rock'n'Roll.

Wer Led Zeppelin mag, kann an Wolfmother nicht viel auszusetzen haben ...

Genau, oder nimm Cream. Oder Steppenwolf. Das mag ich an ihnen, da ist einfach viel drin in ihrem Sound. So ähnlich halten wir das ja auch bei den Eagles. Meine Mama sagt immer, ich quentintarantinoisiere Classic Radio-Rock. Schöner Gedanke.

Bist du es denn manchmal leid, nur als Sänger einer Band bezeichnet zu werden, hinter der eigentlich Josh Homme steckt?

Nö, die Queens sind eine der größten Rockbands der Welt. Und wir sind eben die Eagles. Mich regt der Shit nicht sonderlich auf. Ich freue mich vielmehr, dass der Leadsinger dieser Band auch in meiner ist.

Ich denke, für eure Promotion ist es auch nicht das Schlechteste.

Ach, wenn du uns live siehst, vergisst du eh alles andere. Come on man, hast du meinen Schnauzbart gesehen? (lacht)

Ist denn geplant, dass du auf der neuen Queens auch mitmischst?

Nein, Pläne solcherart machen wir nicht. Ich schreibe meine Sachen für die Eagles, arrangiere sie und dann kommt Josh und produziert das Ganze. Bei den Queens ist er der Chef. Wir beide beherrschen halt den Falsettgesang. Das ist immer lustig. Sollte auch die Musik mal nach einer Kollaboration schreien, dann geht vielleicht mal was.

Im Video zu eurer neuen Single "I Want You So Hard (Boy's Bad News)" sendet deine Gitarre Vibes aus, die einer Frau auf einem Hotelbett die Klamotten wegblasen. Könntest du diese Szene mal tiefenpsychologisch für uns deuten?

Klar, das ist eine wahre Geschichte. Rock'n'Roll soll dich dazu bringen, mit deinem Pimmel zu wedeln und mit deinem Arsch zu wackeln. But do it hard! Und immer schön lächeln dabei. Es ist auch eine Attitüde: Nimm deine Musik so ernst wie ne verdammte Herzattacke, aber nimm dich selbst nicht zu sehr ernst. Lasst uns die Klamotten vom Leib reißen und eine gute Zeit haben.

War es ein lange gehegter Wunsch, Dave Grohl und Jack Black für ein Eagles-Video zu engagieren?

Auf alle Fälle, das sind zwei meiner größten Idole. Aber jetzt sind wir befreundet und sie sind Teil unserer Gang. Wir kennen uns schon eine ganze Weile.

"Cherry Cola" ist einer meiner Lieblingssongs auf der neuen Platte. Bei der Recherche ist mir aufgefallen, dass Savage Garden auch schon mal diesen Titel hatten.

Echt? Cool, ich liebe Savage Garden. Okay, war nur Spaß. Nein, ich schrieb diese Nummer für ein besonders süßes Mädchen, das ich aufreißen wollte. Und ich nutzte die Magie eines Songs, die mir auf meiner Mission behilflich sein sollte.

Und es hat geholfen?

Na logisch, Mann. Wir sind heute noch sehr gut befreundet. Baby, wenn du das hier liest, ich liebe dich noch immer.

Was können wir von der geplanten DVD erwarten?

Heiße Chicks (lacht). Die Aufnahmen zu dieser Platte überwältigten uns alle so sehr, wir mussten das einfach festhalten. Ein guter Freund, Liam Lynch, der auch den neuen Tenacious D.-Film gemacht hat, dokumentierte unser Studiotreiben mit Bananen und eingebildeten Hasen. Man sieht z.B. Josh, wie er eine arme kleine Banane umhaut, sehr amüsant. Es gibt aber auch echte Gewalt, viele Videos und secret scenes. Da ist dann auch eine Art German Disco-Version von "Solid Gold" dabei. Zu sehen bin hauptsächlich ich oben ohne mit Lederhandschuhen und einem Lederkäppi.

Kannst du abschließend noch erzählen, wie du auf den Albumtitel gekommen bist?

Naja, Josh und ich hingen zusammen irgendwo ab und wir überlegten uns, in welche Richtung die neue Platte gehen solle. Und ich laberte sowas wie "death by sexy wäre eine gute Richtung" und Josh stierte mich nur fassungslos an: "Was redest du denn für eine Scheiße? Death by ... Moment mal, oh Gott, Albumtitel!" Ehrlich gesagt haben wir das dritte Album auch schon betitelt, obwohl wir erst eine Handvoll Demos am Start haben: "Stylus interruptus". Geil, oder? Die wahre Alternative zum Coitus.

Weiterlesen

Noch keine Kommentare