laut.de-Kritik

Die Leiden des jungen ERRdeKa.

Review von

"Ich hab es satt mich selbst zu fragen, wer ich irgendwann mal bin/Wenn ich nicht anfang' jetzt zu sein, komm ich eh niemals dort hin/Auf der Suche nach dem Sinn ging ich immer nur im Kreis/Reicht zum Glücklichsein ein Kind oder ein Friedensnobelpreis?" Während sich sein Entdecker Prinz Pi zunehmend in klischeehaften Jugendbeschreibungen verliert, liefert ERRdeKa ein detailliertes Abbild der Generation Y. Von der suchenden Grundhaltung der Millenials erzählt der Rapper bereits im einleitenden "Funkeln" seines dritten Albums "Solo" und konstatiert auf dem Weg aus der Identitätskrise: "Wir laufen ständig Illusionen hinterher."

Mit "Messer" setzt ERRdeKa zur griechischen Tragödie an, womit er einen der stimmigsten Beiträge des Albums abliefert: "Ich trag noch das Messer, doch sie sehen es nicht/Unter'm rechten Ärmel fest in meinem Griff/Tief hinein ins Herz da stach ich dich/Du warst meine Göttin, warfst mich in die Schlucht/Wangen voller Tränen, ich bin auf der Flucht/Salzig wie das Meer vor einer blauen Bucht." Dazu passend unterstützt ein bedeutungsschweres Streicher-Arrangement den Refrain des Rappers. Angesichts der noch immer weitgehend dauerironisierenden Zielgruppe beweist eine konsequent vorgetragene tragische Geschichte um Schuld und Sühne durchaus Mut: "Leg dir rote Rosen auf dein Marmorbett/Neonweiße Bühne, Fledermaus-Ballett."

Im Vergleich zu "Messer" fällt das darauf folgende Gerede davon, dass nun "wieder Bomben gedroppt" werden ("Bomben"), arg trivial aus. Auch das selbstgenügsame und damit frei von jugendlichem Aufbegehren daher kommende Stück "Uns Geht Es Gut Mit Uns" fällt maximal nichtssagend aus. "Immer dieses Drama", bemängelt ERRdeKa in "Drama", wobei seine schwache, leidenschaftslose Stimme vielmehr so klingt, als befände er sich auf dem Weg in einen tiefen Schlaf. Hier wäre ein wenig spürbares Drama, das nicht nur Behauptung bleibt, schön gewesen.

Sowohl inhaltlich als auch soundästhetisch fällt "Solo" recht inkohärent aus. Auf die mit einem öden Instrumental unterlegten Boderline-Nummer "Stress" ("Ich hab' Bock auf Stress mit Jedem, den ich lieb'.") folgt die gefällige Reise ins "Wunderland". Dem gegenüber stehen Beiträge à la "Alles Safe" mit Ahzumjot und Curly sowie "A.M.H.", mit denen der Keine-Liebe-Rapper noch schnell auf den Trap-Train aufspringt.

Eine weniger durchschnittliche, das Wassermotiv sinnig unterstützende Produktion hätte auch der Song "Korallenriff" verdient. Im Zusammenspiel mit Department-Musik-Sänger Finn und Goldroger geht ERRdeKa auf Tauchstation: "Wir ertrinken im Augenblick/Ich tauch' in dich ein/Umgeben von blauem Nichts/Gibt es nur noch uns zwei." Der Refrain gäbe auch eine passende Ergänzung zum Filmplakat des Oscar-Gewinners "The Shape Of Water" ab. Im Trio vollziehen sie eine interessante Gratwanderung zwischen der Sehnsucht nach Liebe und nach dem Tod: "Seit dem Tag an dem die See mich aus Versehen einst küsste/Sehne ich mich nach der Schönheit des Riffs."

Dieser Leitgedanke taucht mehrfach auf "Solo" auf. In "Frei" bricht sich die Todessehnsucht erneut in Verbindung mit dem Grundelement Wasser Bahn: "Läuft das Wasser in die Lungen/Sinkt dein Körper auf den Grund/Und dann wird alles stumm/Frei jetzt." Vom Weltschmerz geplagt lässt er seiner Schwermut freien Lauf: "Und durch die Straßen fegt ein rauer Wind/Gefolgt von Schauern, aufbrausend wie die Wut in dir drin/Wenn alles nicht so läuft wie du es gern hast/Erschüttert das kleinste Beben deinen inneren Palast." In diesen Leiden des jungen ERRdeKas sollte sich die jugendliche Hörerschaft vortrefflich wiederfinden.

Trackliste

  1. 1. Funkeln (mit Oliver Gottwald)
  2. 2. Korallenriff (mit Finn und Goldroger)
  3. 3. Drama
  4. 4. Ave Maria
  5. 5. Messer
  6. 6. Bomben
  7. 7. Uns Gehts Gut Mit Uns
  8. 8. Alles Safe (mit Ahzumjot und Curly)
  9. 9. A.M.H.
  10. 10. Deine Eltern Waren Drauf
  11. 11. Stress
  12. 12. Wunderland
  13. 13. Sterben
  14. 14. Frei
  15. 15. Perlen

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