laut.de-Kritik

Die Chartsstürmer von 1991 knüpfen an die alten Zeiten an.

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Musikalisch unterschied sich der Alternative Dance von EMF nicht sonderlich von Jesus Jones, Pop Will Eat Itself oder den allseits beliebten Carter The Unstoppable Sex Machine. Elektronik trifft auf Gitarre trifft auf bewusst leicht angelangweilten Gesang. Was sie jedoch unterschied: 1991 erreichten sie mit "Unbelievable" die Pole in den Billboard-Charts. Dass Erfolg stinkt, das wissen wir alle. Offenbar auch EMF, also ließen sie diesen recht rasch hinter sich.

Der Abstieg erfolgte schnell. Bereits 1992 wollte niemand mehr etwas von dem Genre wissen. Nirvana und Grunge hatten alles hinfort gefegt. Dazu wagte sich die Band mit "Stigma" in deutlich düsterere Gefilde als mit dem Debüt-Album "Schubert Dip". Auch wenn es besser war (und ich die ganzen 1990er lang James Atkins Tabletten-Einschmeiß-Pulli haben wollte), Käufer*innen fand es keine mehr. 1995 erreichten EMF mit dem Comedy-Duo und einem egalen "I'm A Believer"-Cover noch einmal die britischen Top 10, aber nach dem mauen "Cha Cha Cha" war Schluss mit EMF. "Unbelievable" blieb.

2001 versuchten sie sich an einem Comeback, das am 3. Januar 2002 mit dem Tod des Bassisten Zac Foley an einer Überdosis ein jähes Ende nahm. Danach probierte man es immer mal wieder, nur um sich kurz darauf zu trennen. Gitarrist Ian Dench schrieb in der Zeit für Beyoncé & Shakira ("Beautiful Liar"), Daniel Merriweather oder Florence And The Machine. Doch 2022 passierte das Unterwartete: Mit "Go Go Sapiens" veröffentlichen EMF ihren ersten Longplayer seit 27 Jahren.

Scheinbar hatten die nicht mehr ganz so jungen Jungs Spaß daran, und so folgt keine zwei Jahre später mit "The Beauty and The Chaos" bereits ein Nachfolger. Dieser führt endgültig zur Energie ihrer beiden ersten Veröffentlichungen zurück. Einen wohl nicht unwichtigen Anteil daran hat der zurückgekehrte Produzent Ralph Jezzard. Im Grunde bietet "The Beauty and The Chaos" das Album, das auf "Stigma" hätte folgen sollen. Es bringt alles zusammen, was EMF einst aufmachte.

Was eben auch bedeutet, dass der Longplayer komplett in den frühen 1990ern hängt. Gibt man sich ihm hin, badet man in einer Badewanne so groß wie der Bodensee voll Nostalgie. Gleichzeitig zeigen sich die Epsom Mad Funkers so politisch wie nie, singen von Klimawandel, Immigration und Protest. All dies in der sie damals auszeichnenden Mischung aus elektronischen Grooves, Synthesizern und Rock- und Punk-Gitarrenriffs. Im Gegensatz zur Fassade hinterließ die Zeit auf Atkins Stimme keine Spuren. Er konnte damals nicht singen, er kann es heute nicht. Dies aber immer noch genauso klar und jugendhaft wie früher.

"Hello People" legt ohne einen Umweg vertraut und dennoch frisch los, führt mit einigen Links zu "Children" - inklusive Sirene – zurück zu "Schubert Dip". Ein herzliches Hallo an Immigranten und ein Aufruf dazu, Menschen willkommen zu heißen, anstatt ihnen Hass entgegen zu bringen, der letztendlich auch auf einen selbst zurück fällt. "The words forever spoken with momentum and motion / Keep sailing all those waters, and crossing those borders." Auf der CD-Version befindet sich zudem ein Remix mit dem großartigen Stephen Fry, einem der größten EMF-Fans.

Das von Synthesizern angetriebene "The Day The Music Died" überrascht mit einem Big Band-Twist. "A little education is gonna blow your mind / Who do you trust to lead you when the whole world‘s blind", singt Atkin. "I've Been Down“" führt zurück zum stampfenden Glam-Electro-Rock aus Marilyn Mansons "Mechanical Animals"-Phase. Das stark gitarrenlastige "Read The Room" lässt Dench Raum, sich wild auszutoben, inklusive eines garstigen Solos. "Reach For The Lasers" hingegen setzt auf aggressiv stampfendes Electro-Tohuwabohu.

Das mit dem Albumtitel ausgestattete New Wave-Stück "Stardust" erinnert daran, dass wir nur "stardust lost in the cosmos" sind. "We've been out here way too long / we're just part of the beauty and the chaos / trying to find where we belong". Am deutlichsten sticht jedoch das psychedelische und abwechslungsreiche "Do It Again" heraus. Leider zeigt der Pink Floyd-Anleihen ausgestattete Track textlich deutliche Schwächen. Die Geschichte vom Morgen nach der größten Party der Welt kann sich mit dem restlichen Stück nicht messen.

Mit ihrem erst fünften Album "The Beauty And The Chaos" gelingt es EMF, ebenso an alte Zeiten anzuschließen wie einen vielseitigen Longplayer abzuliefern. Ein neues "Unbelievable" findet sich hier nicht und wird den Briten auch nie mehr gelingen. Ebenso dürfte das Album weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Gerade deswegen macht es aber auch Spaß zu hören, wie viel Freude EMF hier an ihrer Musik haben und wie viel Kraft noch in diesen bunten Herren steckt.

Trackliste

  1. 1. Hello People
  2. 2. Reach For The Lasers
  3. 3. 21st Century
  4. 4. Read The Room
  5. 5. I've Been Down
  6. 6. The Day The Music Died
  7. 7. Stardust
  8. 8. Lookout Mountain
  9. 9. Red Flags
  10. 10. Do It Again

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