laut.de-Kritik

Atlanta-BBQ zwischen OutKast und den Ohio Players.

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Vielleicht vertut man sich etwas in der Herangehensweise, wenn man sich der EARTHGANG mit dem immer prominenteren Narrativ nähert, das Duo aus Doctur Dot und Johnny Venus sei die Jetztzeit-Antwort auf OutKast. Parallelen bestehen zwar: Sonderling-Doppel mit alternativem Hip Hop-Sound, natürlichem Megacool-Faktor, quirliger Energie und Bezug zum Süden. Doch der Süden hat mehr zu sagen als nur das: Auch wenn "Mirrorland" nicht "Stankonia 2" ist, liefert das Dreamville-Albumdebüt der EARTHGANG eine wundervolle, Funk-verliebte Ode an die Diversität von Atlanta, die die Stadt am Bild des Zauberers von Oz nachzeichnet.

Dabei hört man natürlich erst einmal eine ganze Menge Anspielungen an den Süden. "Bank" frönt einem geradlinigen 808-Bass, "LaLa-Challange" basiert auf einem herzhaften BBQ, das im letzten Breakdown des wild variierenden Songs in einen Gospel-Showdown umschlägt, und ein Song wie "Stuck" klingt tatsächlich nach dem alternativen Pop-Rap von um 2000, den auch ein André gemacht haben könnte.

Nichtsdestotrotz stehen eher das natürliche Charisma und die Showmanship bei "Mirrorland" im Fokus. Sie klingen wie eine George Clinton-produzierte Hip Hop-Adaption der Ohio Players, so exzentrisch und handwerklich hochkompetent manövrieren sich die beiden MCs durch ihre bisweilen wildschrägen Verses. Da passiert dann alles von Up-Tempo-Passagen über völlig aus dem Häuschen springende Adlibs und Vocal-Extravaganzas, die einen Young Thug im "Harambe"-Modus stolz machen würde. Alles stets garniert mit einem Schwung voll Gospel und Funk.

Besondere Highlights finden sich im Sounddesign. Denn wo Dots und Venus' Rap schon einzigartig wirkt, hält sich auch die Produktion nicht im geringsten zurück. Akkordeon auf "La La Challange", Chanting-Samples auf "Top Down" oder fast an Psychedelic Rock erinnernde, butterweiche Gitarrenriffs auf "Blue Moon" oder "Stuck". Immer wieder geht auch das Songwriting die Extrameile, lässt den Song in eine andere Phase umschwanken, wechselt Beats oder führt neue Instrumente in der Mitte ein.

Es ist am Ende des Tages ein Bankett, an dem sich ein jeder die besten Delikatessen aus Atlantas Brauereien auftischen lassen kann. Von Trap über Funk und Soul bis zu Gospel, diese Weirdos servieren alles und kochen stets mit ihrem besonderen, schrägen Esprit. Das führt zum einen zwar dazu, dass auch T-Pain und Young Thug wunderbar ins Konzept passen. Es hat aber auch zur Konsequenz, dass der Sound letztlich nicht ganz so innovativ gerät, wie er sich zunächst anfühlt. Wo OutKast die Kultur nach vorne schieben, respektiert die EARTHGANG den Status Quo und liefert liebevolles, aber nostalgisches Comfort Food. Aber was will man tun, wenn es doch so gut schmeckt?

Trackliste

  1. 1. LaLa Challange
  2. 2. UP
  3. 3. Top Down
  4. 4. Bank
  5. 5. Proud Of U (feat. Young Thug)
  6. 6. This Side
  7. 7. Swivel
  8. 8. Avenue
  9. 9. Tequila (feat. T-Pain)
  10. 10. Blue Moon
  11. 11. Trippin (feat. Kehlani)
  12. 12. Stuck (feat. Arin Ray)
  13. 13. Fields (feat. Malik)
  14. 14. Wings

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1 Kommentar mit einer Antwort

  • Vor 7 Monaten

    Finde das Album sehr gut. Vielschichtige Soundstrukturen, überragend gerappt und trotz der Abwechslung sehr kohärent.
    Der Vergleich mit Outkast liegt zwar nahe, aber wie sollte man dem auch gerecht werden?
    Und in ihren besten Momenten sind sie sogar verdammt nah an dem dran, was man von Outkast 2019 erwarten würde.
    Highlights: This Side, Proud Of You und Stuck.