laut.de-Kritik

Ein emotionaler Parforceritt.

Review von

Isolierte Innenräume, Zellen in zerfallenen Häusern. Das Blut tropft von der Decke. Zerrissene Bilder verrotten ungesehen an den Wänden. Dicke Mauern schützen vor dem Draußen. Ein Draußen, das kalt ist, wo man nicht lange verweilen möchte. Wo alte weiße Männer Richter spielen, wo man stets die Schwächeren tritt und alle Worte ihren Wert verlieren, sobald sie gesprochen sind.

Die Welt von EA80 ist eine dunkle, so scheint es. Die Häuser: menschliche Monolithen, deren Inneres und Äußeres die eigenwilligen Gladbacher Depri-Wave-Whatever-Punker in Hunderten Liedern ausleuchten. Immerfort jagen sie ihren Gefühlen nach und legen diese mit einer Urgewalt bis auf die Knochen frei, als richte Sauron sein feuriges Auge nicht auf den einen Ring, sondern nach innen. Entkommen zwecklos.

Unter den vielen grandiosen EA80-Alben, die Bands von Turbostaat bis Tomte beeinflussten, sticht das monumentale Meisterwerk "202" aus dem Wendejahr 1990 noch hervor. Die Ängste und Sehnsüchte der großdeutschen Einheit werfen ihre Schatten voraus: Wie auf keinem anderen Werk, feuern die beiden Bandgründer Junge und Hals Maul hier in kratzbürstigen, manchmal gar abstoßend kalten Zwei-Minuten-Nummern gegen die Gewalt der großen Welt, nur um im folgenden Atemzug mit melancholischen, fast zärtlichen Melodien in die geschützten Zimmer des eigenen kleinen Reichs abzutauchen. Der emotionale Parforceritt startet genau dort: Im "Innenraum".

"Hier sind alle so traurig, jeder in seinem Raum": die ersten Zeilen als Quintessenz, von Sänger Junge tragend-dunkel vorgetragen. Der Beat rast darunter in Hypergeschwindigkeit durch die Zimmer, als sei er ein Getriebener auf der Suche nach Glück. Zimmer? "Zellen" trifft es eher: Im weiteren Verlauf des Songs malen EA80 ein Bild einer Folterkammer, aus der es nur ein Entrinnen ins Innere gibt.

"Es bleibt kaum etwas zu sagen, alles isoliert / Oh, wo ist sie denn nur hin? Wir haben alles durchsucht / Alle Wächter schweigen sich aus, sie war auf jeden Fall hier / Es stand dort hinten in der Zelle (an der Wand) / Es war nur eine Zeile, geschrieben mit Blut / Sie hat zu lange gewartet, hatte keine Chance mehr auf Glück / Sie nahm den leichten Weg 'raus / Innenraum."

Der Text erinnert an Chiles Diktator Pinochet, unter dessen Regime Tausende Frauen gefoltert und vergewaltigt worden waren und der kurz vor dem Aufnahmeprozess von "202" zurücktrat. Doppeldeutigkeit und Interpretationsspielräume beherrschen alle Alben der Band. Der Opener endet mit "Viel zu lange gewartet, sie hatte keine Chance mehr auf Glück / Sie nahm den leichten Weg 'raus" und führt nicht nur zum leichten, sondern auch zum einzigen Weg raus, den sich Junge und Co. gestatten: in die Augen eines anderen, im totalen Aufgehen und Verlieren im geliebten Partner, dort, wo man zu nur "Besuch" ist, wo das Ende bereits dem Anfang innewohnt.

Der fast zärtliche Midtempo-Groove symbolisiert das Wohlbefinden, dort im anderen. "Fühlte mich überall zuhause, denn ich war schon längst am Ziel / Ich lebte deine Gedanken, und fühlte mit deinem Herz." Lange genießt Junge diesen Augenblick der Ruhe und des Einsseins nicht. "Ich verlass' dich durch die Augen, um wieder allein zu sein." Wieder zu Hause in der Seele, thematisiert er seinen inneren Kampf, die richtigen Worte für seine Gefühle zu finden. Worte, die ihren Sinn verlieren, sobald sie gesprochen wurden. "Manchmal" legt ihr Zeugnis ab.

Der Song schleppt sich in den ersten Minuten über einer einsamen Gitarre, während Junge leidet: "Das Gefühl ist schwer und Lieder sind traurig / Ruinen aus Sehnsucht und Erinnerung." Er siecht dahin, hat er doch "dieses Lied schon mal geschrieben und alle Worte aufgebraucht". Doch dann schwindet der Schein des Depressiven, und Junge findet die Erlösung in der Melancholie: "Gedanken springen, doch der Schmerz bleibt / Manchmal bin ich glücklich, traurig zu sein." Während er diese entdeckt, springt auch der Beat und entwickelt eine helle Kraft. Diese Symbiose von Form und Inhalt, von Sound und Sprache macht EA80 so mächtig und einzigartig. Die Musik spiegelt jede Zeile und bringt so die Lieder zwischen den Versen zum Bluten.

Auch der Höhepunkt des Albums, das achtminütige Epos "Balsam", blutet harmonische Hoffnung und suhlt sich im Schmerz auf der Reise ins Ich. "Ich nehm' die Schaufel fest in meine Hand / Und schaue zu, wie sie mich langsam zerreißt / Noch ein kleines Stück jetzt - und es ist wieder vorbei / Und ich bin wieder allein - suche mich ... suche mich" Hals Maul spielt kongenial die wunderbarsten Riffs, Junges "Herz blutet aus", und dann steigen zum Schluss die Streicher empor und bleiben, streicheln die Seele. Erfolg am Ende des Tunnels. Es gibt halt doch etwas, was bleibt.

Doch diese Momente des "Lichts" erheben sich im Albumrest nur kurz aus dem Sumpf. In "Sarg" bricht sich die schiere Verzweiflung Bahn. Der Schreibtisch des Schreibers erscheint mitunter wie ein Sarg. Die "Worte säuern auf der Zunge". "Ich verbrachte meine Zeit mit ihnen, tote Geschöpfe." Der Song stagniert und tritt mit vertracktem Rhythmus auf der Schwelle, während Junge immer zorniger wird, zum Schluss gar schreit wie von Sinnen, da er, eingeschlossen in seinen Sätzen, die Gefühle nicht aufs Papier bringen kann.

Nach draußen zu gehen, ist aber auch keine Option. Hier treiben "Fleischer" ihr Unwesen, und EA80 untermalen dies mit dem aggressivsten, disharmonischsten Hass-Punk, zu dem sie fähig sind. Der Fleischer als Synonym für Zuhälter und religiöse Fundamentalisten, die ihre Frauen als Ware verkaufen. "Er kauft sie beim Fleischer, nimmt soviel er kann / Er schlägt sie und quält sie, macht ihren Albtraum wahr / Demütigt und erniedrigt sie, schwängert sie jedes Jahr / Mann! Mann! Mann! Mann!"

Der herrschsüchtige, richtende Mann dominiert die gewalttätige Außenwelt, vorher und später niemals besser auf den Punk gebracht wie in "Zweifel". Wie ein Pastor von der Kanzel predigt Junge und seziert das männliche Geschlecht bis auf die Eier.

"Wenn man der Bibel glauben kann
Stand am Anfang der Geschichte ein Mann
Zweifel seien erlaubt, doch ganz allgemein
Wage ich zu behaupten:
Er wird das Ende sein!
Selbstherrlich
Rücksichtslos
Niederträchtig
Ausbeutend
Und da er an seine Vorherrschaft glaubt
Warum sollte er sich schämen?
Und da er kein Leben gebären kann
Warum sollte er es dann nicht nehmen?
Wenn man der Bibel glauben kann
Steht am Ende das jüngste Gericht
Zweifel seien erlaubt, doch ganz allgemein
Wage ich zu behaupten:
Die Richter werden wieder Männer sein.
"

Bereits 1990 war klar: Erstens heißt Feminismus Leben und zweitens sind die Hits auf "202" schier endlos. Das Album zerstört alles, zumindest in der deutschsprachigen Rockmusik, und steht mit dem fünf Jahre später veröffentlichten, reiferen und weniger ekstatischen Werk "Grüner Apfel" für immer in der Ruhmeshalle der Musikgeschichte.

EA80-Songs sind wie Apfelbäume auf domestizierten Feldern, unter deren Schatten sich alle Fans ein wenig ausruhen können und deren Früchte gesundes, leicht säuerliches Fleisch sowie bittere Kerne spenden. Man ist gemeinsam "glücklich, traurig zu sein oder glücklich und traurig zugleich". Kraft durch Melancholie, Kraft durch Verständnis und die Erkenntnis, dass jeder irgendwann zerfällt, es aber vorher etwas gibt, "was bleibt, das man nicht teilen muss, das nur dir gehört". Auch wenn es dunkel ist: Es ist mein Innenraum, meine kleine Welt, mein Haus, es kommt niemand rein, und genauso sollte es auch sein.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Innenraum
  2. 2. Besuch
  3. 3. Sarg
  4. 4. Fleischer
  5. 5. Manchmal
  6. 6. Ich Warte
  7. 7. Zweifel
  8. 8. Geschäft
  9. 9. Sollen Sein
  10. 10. Kleine Welt
  11. 11. Zimmer
  12. 12. Balsam
  13. 13. Nah
  14. 14. In Allen Dingen
  15. 15. 1000
  16. 16. Steinzeit
  17. 17. 90 Augen
  18. 18. Gott Allein
  19. 19. N.K.P.
  20. 20. 2 Lügen
  21. 21. Betrug

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