24. Oktober 2008

Singen, weil es glücklich macht

Interview geführt von

Mühelos erzeugen Frau und Herr Mondsüchtig in ihren akustischen Live-Sets eine Aufmerksamkeitsintensität, bei der man ein-, aber nicht mehr ausatmet.Ihre Songwriter-Perlen bannt das Duo mit "Zeit Zu Gehen" auf Konserve. Die Ausdruckskraft, mit der die beiden live überzeugen, quillt auch auf CD aus jeder Note. Im Interview spricht das Duo Pierre/Wiedemann über Mondsucht, Zufälle, vorbei schlendernde Gitarristen, "Blind Dates" und erklärt, warum Sängerin Charlotte Pierre keine Kindergärtnerin, sondern Sängerin geworden ist.

Ich bin mondsüchtig …

Eugen Wiedemann: Wir sind Mondsüchtig - weil wir in der Stille zu Hause sind.

Heftiger Einstieg! Was willst du damit sagen?

Charlotte Pierre: Die Stille bedeutet für uns ruhige Momente, in denen man sich seinen Gefühlen stellt. Der Mond symbolisiert diese Stille. In solchen Momenten entstehen die Songs des Duos Mondsüchtig.

Das hört man ihnen an ...

EW: Der Mond hat für uns eine gewisse Melancholie, so wie die Nacht an sich. Ähnlich sind unsere Klangfarben.

Ihr redet von Ruhe, Stille und Melancholie. Dennoch strahlen eure Songs eine ungeheure Lebensfreude, Dynamik und Vielseitigkeit aus. Sie beschäftigen sich nicht nur mit den ruhigen, stillen und melancholischen Momenten ...

EW: Nun ja, unsere Songs entstehen aus den Situationen und den Gefühlen in denen wir uns in diesen Momenten befinden. Und diese sind nicht immer ruhig, still und melancholisch. Manchmal hat Charlotte eine Menge zu sagen und dann muss es auch raus. So kann es dann auch mal laut und frech klingen.

So ist es!

Meine Lieblingstitel auf "Zeit zu gehen" sind definitiv andere als die, die als Anspieltipp in der Gebrauchsanweisung des Labels stehen. Das macht mich stutzig!

EW: Wir haben festgestellt, dass viele Konzertbesucher unterschiedliche Favoriten haben. Jeder hat da so sein persönliches Lieblingsstück. Meine Favoriten sind "Vorbei" oder "Das Meer". Die vom Label ausgewählten Stücke sind einfach verkaufsfördernd.

Die ungeschönte Wahrheit!


Apropos verkaufsfördernd ... alle Welt redet vom Niedergang der Plattenindustrie. Wie kommt ihr in diesen Zeiten an einen Deal?

EW: Wir haben eigentlich gar nicht gesucht. Es hat sich zufällig ergeben. Bei uns vergingen Monate vom ersten Kontakt bis zum ersten Treffen. Wir haben uns viel Zeit gelassen und sind froh über ein Label, das uns viel Freiraum gibt und uns unterstützt.

CP: Ja es war sehr überraschend für uns und kam über MySpace zustande. Wir haben dort ein musikalisches Profil, und so ist das Label auf uns aufmerksam geworden.

Ihr wart also gar nicht auf einen Deal aus. Ist euch etwa der Kontakt zu den Fans, das Live spielen und eure Authentizität wichtiger als das große Geld?

EW: Uns ist es wichtig, auf der Bühne das darstellen was man wirklich ist und authentisch zu sein. Dadurch entsteht eine ehrliche Verbindung zum Publikum.

CP: Im Duo Mondsüchtig bin ich ganz ich selbst, ohne Maske, die ungeschönte Wahrheit.

Wirklich?

CP: Mit jedem Song ein Stück mehr ... Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und Geschichten zu erzählen.

Erzählst du mir eure Geschichte?

CP: Die ist sehr witzig. Ich erzähle sie immer ganz gern bei Konzerten. Eigentlich war es ein "musikalisches Blinddate" ...

Ein "musikalisches Blinddate"? Wie darf ich mir das vorstellen?

CP: Als ich eines Abends ausging habe ich zufällig einen Bekannten von Eugen kennengelernt. Wir kamen ins Gespräch und er meinte, er könne sich gut vorstellen, dass Eugen und ich musikalisch sehr gut zusammen passen. Dann hat er einfach eine Verabredung klar gemacht.

Und dann?

CP: Wir haben uns in einem Café getroffen und auf Anhieb verstanden. So fing alles an.

Ich habe ja den Verdacht, dass ihr ein Paar seid. Nach allem was ihr mir über nächtliche Stille, den Mond und Melancholie erzählt. Liege ich richtig?

CP: Nein, da liegst du nicht richtig. Wahrscheinlich arbeiten wir deswegen so gut zusammen, weil wir eben kein Paar sind.

"Wir folgen keinem Trend"


Du liebst es Geschichten zu erzählen. Warum bist du dann nicht Kindergärtnerin geworden?

CP: Weil die Kinder nach meinen kleinen Dramen bestimmt verzweifelt nach Rotkäppchen geschrien hätten (lacht).

"Kleine Dramen"? Ich vermute, du sprichst von der Liebe?

CP: Ja, sie ist ein großes Thema im Leben von vielen Menschen. Sie macht glücklich, traurig, wütend, verletzlich und sie verändert einen.

Da hast du recht. Ist es nicht schwierig, auf deutsch über die Liebe zu singen?

CP: Nein, so kann ich mich am besten ausdrücken. Und ich finde es gut, dass die Zuhörer direkt verstehen, was ich sage, oder Metaphern so interpretieren können, wie sie möchten.

Oder wie Sonja Kandels es formuliert, "wichtig ist sowieso nur die Vorstellung von dem was man singt, egal in welcher Sprache". Wie kamst du dazu, dich singend auszudrücken?

CP: Ich singe, weil es mich glücklich macht. So lange ich zurück denken kann, wollte ich nur das. So richtig angefangen hat alles mit 14. Ich hatte den typischen Teeny-Liebeskummer und summte beim Spazierengehen ein Lied vor mich hin, das ich geschrieben hatte. Da ging zufällig ein Gitarrist an mir vorbei, blieb stehen und fragte, ob ich nicht Lust hätte, in seiner Band zu singen. So ging es los.

Es scheint mehrere eigenartige Zufälle zu geben. Ein Gitarrist schlendert vorbei, ein musikalisches Blind-Date, einen Plattendeal via MySpace ... Habt ihr einen direkten Draht nach oben? Oder was ist euer Geheimnis?

EW: Ein Geheimnis haben wir nicht, und auch keinen Draht nach oben (lacht). Wir machen einfach das, was uns Spaß macht und uns die innere Ruhe gibt, die im Alltag oft etwas zu kurz kommt. Wir nehmen es uns nie vor einen Song zu schreiben. Es passiert einfach.

Vielleicht ist das das Geheimnis!

EW: Mag sein. Wir folgen einfach unserem Gefühl und keinem Trend.

Das klingt nach dem Gegenteil einer gecasteten Band.

EW: Bei einer Casting-Band steht meist ein Konzept im Zentrum, welches zeitgemäß angepasst wird. Wir folgen keinem Trend. Das Duo Mondsüchtig war schon immer ein Projekt des Herzens. Darüberhinaus sind unsere Songs einfach aufgebaut und handeln von alltäglichen Dingen des Lebens die das Publikum in Klangbildern nachvollziehen kann.

Das klingt sehr gefühlvoll. Genau wie eure Songs.

EW und CP im Chor: Danke

CP: Du schmeichelst uns ...

Bitte, bitte. Ich bin aber noch nicht ganz fertig, denn mir ist eine Aussage von Bob Belden eingefallen: "Man sollte bei einem Konzert die Augen schließen können und dann Bilder vor dem imaginären Auge sehen. Bei vielen Leuten von heute stellt sich in mir nur das Bild eines Klassenzimmers einer Hochschule ein"! Hast du Musik studiert?

EW: Nein, aber ich hatte natürlich eine gute Instrumental-Ausbildung. Und ich bin mit Bob Belden einer Meinung: Wenn man studierter Musiker ist, heißt es noch lange nicht, dass man auch ein gefühlvoller Songschreiber oder guter Livespieler ist. Das sind verschiedene Welten. Es gibt vieles, das kriegt man an Hochschulen nicht beigebracht.

Das resümiert auch das Trio um die von mir sehr geschätzte Cristin Claas: "Beim ersten Album musste als studierter Musiker alles technisch sauber sein. Jetzt darf auch mal ein Ton absichtlich nicht ganz sauber intoniert sein, wenn er so die Stimmung des Songs trifft."

EW: Wenn ein Song eine tolle Stimmung ohne perfektes Timing und Virtuosität erzeugt, klingt er meist lebendiger. Perfektion ist sehr wichtig, jedoch zählt am Ende das Gefühl, was man vermitteln möchte!

Das ist ein toller Schlusssatz! Den nehm ich. Viel Glück und Erfolg mit "Zeit Zu Gehen" wünsche ich euch und bedanke mich artig für das Gespräch.

Vielen Dank für das angenehme Interview.

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