5. Mai 2011

"Madonna hat Tausende beeinflusst"

Interview geführt von

Eine Freitagnacht in Süddeutschland entspricht einem Freitagmittag in San Francisco. Dredg-Sänger Gavin Hayes meldet sich am Telefon, er schlendert auf der Straße.Manchmal ist es windig, manchmal bellt ein Hund in den Hörer und immer wieder saust ein Auto vorbei, für dessen Geräuschpegel er sich höflich entschuldigt. Sein neues Album "Chuckles And Mr. Squeezy" liegt seit kurzem in den Verkaufsregalen und darum dreht sich natürlich das Gespräch.

Hallo Gavin, du hast öfters erwähnt, dass euer Songwriting die Idee der ständigen künstlerischen Entwicklung vertritt. Ist Neudefinition ein Leitsatz für euch?

Gavin: Ich denke, das trifft auf uns und die Art, wie wir mit Musik umgehen, zu. Seit wir als Band angefangen haben, ist Veränderung, Neubearbeitung und Weiterentwicklung unser Leitmotiv. Wir sehen Kunst als einen konstanten Fortschritt und wollen unsere eigenen Grenzen aufs Neue überwinden.

Was bedeutet Dredg der Begriff Pop oder, wie du es nennst, Dark Pop?

Dark Pop war eine direkte Reaktion auf diejenigen, die sagten, wir seien poppig. In den letzten sieben, acht Jahren hatten wir immer bis zu einem gewissen Grad auch Merkmale der Popmusik in unseren Songs. Aber ich sehe uns nicht in einer Reihe mit Britney Spears und denke ebenso wenig, dass wir auf denselben Radiostationen gespielt werden.

Wir wollten unsere Fähigkeiten ausbauen und das bestmögliche Material erschaffen. "Chuckles And Mr. Squeezy" hält sich nicht in der Nähe des traditionellen Pop auf. Wenn man es mit unserem ersten Album vergleicht, das wir als Jugendliche aufnahmen, ist es sicher poppiger. Aber es würde einem Verzweiflungsakt gleichen, nach all dem Erproben und Zusammenwürfeln verschiedener Genres als Kreative jetzt ein Pop-Act werden zu müssen.

Das aktuelle Album gehört zu einem gewissen Teil dem Web 2.0. Ihr habt die Lieder schrittweise per Mailkontakt verzahnt. Wie kam es zu diesem Arbeitsschritt, sich örtlich unabhängig zu machen und damit den gemeinsamen Enstehungsprozess aufzugeben?

Einiges wurde über diesen Weg kommuniziert, was aber keine völlig neue Herangehensweise für uns ist. Bereits in der Vergangenheit haben wir das so gehandhabt, was daran liegt, dass wir in verschiedenen US-Bundestaaten leben. Auf unserem ersten Album haben wir noch Kassetten verschickt.

Im Ganzen betrachtet, gibt es aber keine CD von uns, die in dieser Manier entstanden ist. Während der Aufnahmen zu "Chuckles And Mr. Squeezy" lebte ich in Seattle und um weiterzukommen, mussten wir uns austauschen. Einmal im Monat fuhr ich runter nach San Francisco, um gemeinsam mit den anderen zu arbeiten. Aber nicht nur auf diese Weise, sondern auch durch die Zusammenkunft und das Live-Spiel im Studio sind diese und andere neue Songs schließlich aus der Taufe gehoben worden und gereift.

Du hattest also mehr eigenständige Möglichkeiten, deine Gefühlskultur in Songs umzusetzen?

Ja, gerade für mich als Texter und Sänger war das wichtig. Ich konnte alles genau unter die Lupe nehmen, an anderer Stelle in die Harmoniestruktur eingreifen und vom Fleck weg der Songdynamik weiterhelfen. Es tat gut, das vor Augen zu haben und sich beispielsweise spontan im Schlafzimmer für diesen oder jenen Part zu entscheiden.

Dies ist eine Möglichkeit, produktiver und schneller zu arbeiten. Wenn mir jemand etwas zusendet, dauert es etwa eine Stunde, bis ich es vervollständige. Das hängt auch davon ab, wie viele Texte ich bereits geschrieben habe. Worttechnisch bin ich normalerweise gut ausgerüstet, da ich noch einige Überbleibsel vergangener Alben im Repertoire habe.

"Wir wollten kein neues Dredg-Rockalbum machen"


Euer Produzent Dan The Automator hatte eine kleine Wette mit euch am Laufen. Nur wenn ihr ihm bessere Songs als seine bereits produzierten liefern würdet, kämen diese auch auf die CD. War das eine Herausforderung?

Es war kein Wettbewerb in diesem Sinne, sondern eher der Versuch, Musik aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen oder der anderen Partei vorzustellen. "The Tent", "Sun Goes Down" und "Before It Began" entstammen Dans Feder, von unseren eigenen ließen wir drei bis vier außen vor. In der Frage, was Albumqualität hat, ging es sehr demokratisch zu.

Wenn wir gesagt hätten, dass "The Tent" nicht unseren Ansprüchen genügt, hätten wir es nicht aufgenommen. Es lag nicht in unserem Interesse, ein neues Dredg-Rockalbum machen, das wäre das letzte gewesen, was wir nach "The Pariah, The Parrot, The Delusion" gewollt hätten.

Jede neue Aufnahme ist eine unmittelbare Reaktion auf vorher Geschaffenes, in diesem Fall auf "The Pariah, The Parrot, The Delusion". Deshalb haben wir mit Dan zusammengearbeitet, weil er einen Hip Hop verwurzelten Hintergrund hat im Gegensatz zu Dredgs Rockästhetik. Es ist also mehr eine Kooperation mit Dan als ein künstlerischer Alleingang von Dredg.

Daher bestätigt sich auch der Eindruck, dass nach fünf Alben das jeweils aktuelle Album ein Vorspann zum nächsten bzw. ein Abspann der letzten Aufnahme ist. Schließt ihr mit eurer Vergangenheit konsequent ab?

Wir wollen das Fundament einer Gruppe beibehalten und nach wie vor sind alle an der Entstehung der einzelnen Lieder beteiligt. Ich weiß, dass es einige Stimmen gibt, die "Chuckles And Mr. Squeezy" in unserer Historie als drastische Veränderung sehen. Das Komische daran ist aber die Tatsache, dass einige unserer sogenannten 'neuen' Lieder für Platten geschrieben wurden, die bereits vor Jahren erschienen sind.

"Was du als Kind hörst bleibt in deinem Bewusstsein verankert"


Wie passen dann die wiederaufbereiteten "The Ornament" und "Where I'll End Up" in diese Denkart?

Sie hatten reizvolle Elemente und waren stark genug, um nicht weggeworfen zu werden. Im Gegenteil, wir haben ihr stilistisches Level angezogen. "The Ornament", ein eigentliches Melodiefragment aus "Catch Without Arms", ist aus heutiger Betrachtung eine Vorahnung auf Späteres.

Warum ist "Chuckles And Mr. Squeezy" eher ein Potpourri einzelner autonomer Songs als ein Konzeptentwurf, wie es seine Vorgänger durchaus waren?

Wir haben versucht, den Typ des Konzeptalbums zu umgehen. Wenn es einen roten Faden gibt, dann den, der die sehr persönlichen Themen Familie und Freundschaft zusammenspinnt.

Themawechsel: Was hältst du von Madonna?

(lacht) Ich schätze ihre Arbeit sehr. Sie war immer dazu fähig, sich stilistisch klar zu entwickeln. Es ist unmöglich, ihr das abzusprechen, denn damit hat sie Tausende beeinflusst.

Ich finde, es gibt einige Harmoniebewegungen aus "Like A Prayer" in eurem Song "Somebody's Laughing". Außerdem erspürt "Before It Began" das Flair von "La Isla Bonita".

Einen direkten Einfluss auf uns hatte sie nicht. Vielleicht zieht man 80er-Referenzen in Erwägung, weil wir als Kinder in dieser Zeit zu dieser Musik groß wurden. Offensichtlich ist es so, dass das, was du als Kind hörst, auf irgendeine Weise in deinem Bewusstsein verankert bleibt.

Im August 2008 seid ihr zwischen "Catch Without Arms" und dem damals noch unveröffentlichten "The Pariah, The Parrot, The Delusion" im Aschaffenburger Colos-Saal aufgetreten. Du standest mit einer Schreibmaschine auf der Bühne und hast kurze Prosatexte getippt. Was genau stand auf diesen Blättern?

Das war eine fixe Idee, um Textauszüge, Sinneseindrücke oder Songtitel festzuhalten. Oft habe ich auch nur Triviales wie "Du hast schöne Schuhe", "Ich mag deine Augen" und in diesem Fall "Aschaffenburg, August 2008" getippt. Es war Gratis-Merchandise und vergleichbar mit Baseball. Man konnte beobachten, wie aufgeregt das Publikum nach den Papierkugeln gegriffen hat. Das Besondere an jenen Momenten war einfach, die Zuschauer und mich damit unterhalten zu haben.

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