laut.de-Kritik

Poppige Flucht vor der eigenen Identität.

Review von

Welten zusammenzubringen, die auf den ersten Blick nicht zusammen gehören: Dafür steht Drangsal seit Jahren. Mit Sätzen wie "Ich wünscht', ich wär' nie geboren" ("Rot"), geht er auf seinem neuen Album ganz ohne Blatt vor dem Mund noch einen Schritt weiter. Schamlos, direkt und eindringlich beschreibt er auf elf Songs seine ganz eigene "Exit Strategy". Doch wem oder was will der Künstler auf seinem dritten Album eigentlich entfliehen? Die Antwort darauf ist vage und konkret zugleich und nimmt Zuhörer*innen erneut mit zwischen Genrewelten, die weder Schlager noch Punk sein wollen.

Mit seinen ersten beiden Alben "Harieschaim" und "Zores" begeisterte der 28-Jährige in den letzten Jahren eine Szene, die es zuvor nicht zu geben schien. 80s, Synthies, New Wave-Indierock und Pop kamen zusammen und ergaben eine einzigartige Mischung. Zu erkunden auch auf jedem seiner Konzerte: verschiedenste Altersgruppen, Goth-Girls, Skater-Boys und überall dazwischen Fans, die durch Casper auf ihn aufmerksam wurden und eigentlich mehr mit Pop und Rap zu tun haben als mit experimenteller Indie-Mucke.

"Exit Strategy" birgt mehr poppige Einflüsse als vielleicht erwartet, doch das ist nicht alles. 200 BPM, Schlager, Rock, massentaugliche Gesänge und experimentelle Instrumentals betten sich aneinander, ohne sich gegenseitig im Weg zu stehen. Ganz im Gegenteil: Drangsal kombiniert verschiedenste Einflüsse genau so miteinander, dass sie eben nicht mehr wie eine Kombination, sondern wie etwas Neues klingen - wie ein typischer Drangsal-Song eben.

Doch wofür braucht er eigentlich eine "Exit Strategy"? Die Antwort bleibt in gewisser Form offen, aber zeitgleich wird deutlich, was er auf dieser Flucht zu verfolgen scheint. Da sind die eigenen Ängste und Zweifel und an allererster Spitze das eigene Ich. "Exit Strategy" fragt nach dem Weg aus dem eigenen Ich heraus, vielleicht auch wieder nach dem umgekehrten Weg in das Ich hinein. Antworten oder eine Anleitung für das Ich-Werden gibt er nicht. Stattdessen nimmt Drangsal uns mit auf eine Reise zwischen Identitätsfindung, Wut und Versöhnung. Er sieht in seiner "Exit Strategy" einerseits ein, dass er sich selbst nicht gut tut ("Escape Fantasy"), auf der anderen Seite aber auch, dass er sich freimachen muss von gesellschaftlichen Ansprüchen und einengenden Schubladen – beispielsweise wenn er auf "Mädchen Sind Die Schönsten Jungs" dem "binären Komplott" den Kampf ansagt.

Die Suche nach Identität - oder die Flucht vor eben jener - findet Platz auf einem Sound, der diesem Gefühlschaos so haargenau entspricht wie nur möglich. Um mit Drangsal warm zu werden, muss man offen sein: für 80s und 90s, für Postpunk, für Schlager, für Pop. Aber wer es zulässt, entwickelt so vielleicht auch seine ganz eigene Strategie, ein bisschen mehr ins Reine mit dem eigenen Selbst zu kommen.

Trackliste

  1. 1. Escape Fantasy
  2. 2. Exit Strategy
  3. 3. Mädchen Sind Die Schönsten Jungs
  4. 4. Rot
  5. 5. Liedrian
  6. 6. Ich Bin Nicht So Schön Wie Du
  7. 7. Urlaub Von Mir
  8. 8. Schnuckel
  9. 9. Benzoe
  10. 10. Ein Lied Geht Nie Kaputt
  11. 11. Karussell

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9 Kommentare mit 19 Antworten

  • Vor 24 Tagen

    Leutz, die Review gette ich noch weniger als die LP.

    "Mit seinen ersten beiden Alben "Harieschaim" und "Zores" begeisterte der 28-Jährige in den letzten Jahren eine Szene, die es zuvor nicht zu geben schien."

    Die Casper (der mittlerweile auch für Lea featured), Kraftklub, AnnenMayKantereit UNIVERSAL INDIE Szene? Harieschaim war irgendwo noch fresh, Zorres und die neue Platte pflegen hingegegen einen kompett anderen Stil. Mir nicht befreiflich, wie man das in einen Topf werfen kann.

    New Wave Indie Rock My Ass, die Platte ist total glatt und mit ihren "oohhh aahhh Hände in die Luft" Einlagen bestens für den nächsten Eurovision Songcontest geeignet.

    Das ist einfach noch mehr Zorres geworden. 2/5 weil ich das Intro

  • Vor 24 Tagen

    Enthält im Grunde all die Zutaten, die er schon auf Zores hatte (deutsche Texte, weniger Düsterheit, schamlose Anbiederung an den Pop), aber diesmal stimmt die Mischung sehr sehr viel besser. Zores wirkt rückblickend etwas ziellos.

    Großartige Platte, auch wenn Drangsal mir ab und an (etwa Schnuckel) zuuu haarscharf an Schlagerpeinlichkeit vorbeischrammt.

  • Vor 24 Tagen

    Dann doch lieber Drahdiwaberl.