30. April 2012

"Unsere Fans werden überrascht sein"

Interview geführt von

Vier Jahre nach ihren letzten Output "Ultra Beatdown" melden sich die britischen Extreme Power Metalisten von DragonForce dieser Tage mit neuem Frontmann und Studioalbum Nummer fünf ("The Power Within") zurück.Im feudalen Berliner Excelsior-Hotel wirken die beiden Langhaar-Dudes Herman Li und Marc Hudson schon fast wie Fremdkörper unter den doch eher klassisch smart erscheinenden Anwesenden in der Lobby des Vier-Sterne-Tempels im Herzen der Hauptstadt. Während Neu-Shouter Marc seine Lebensgefährtin im Schlepptau hat und es sich an der Bar gutgehen lässt, streunt Gitarrist und Mastermind Herman leicht desorientiert durch den komplexen Eingangsbereich.

Irgendwann kreuzen sich schließlich unsere Wege und wir machen es uns abseits des geschäftigen Eingangsbereichs in einer Ecke der Lobby gemütlich. In der Folge berichten die beiden von Marcs Weg in die Band und ihrem neuen Schaffen "The Power Within".

Hallo ihr zwei, ihr seid gerade auf weltweiter Promo-Tour unterwegs. Für dich Herman, dürfte das nichts Neues sein, wohingegen Marc komplettes Neuland betritt, richtig?

Herman: Ja, wir waren bereits in Japan, Spanien und haben auch schon Dates in unserer Heimat hinter uns. Für Marc ist das sicherlich um einiges spannender als für mich (lacht).

Marc: Oh ja, absolut. Eigentlich war ich ja noch nirgends, insofern erlebe ich jeden Tag etwas Neues. Das ist schon eine tolle Erfahrung. Wir waren letztens beispielsweise in Japan. Das war schon sehr beeindruckend für mich. Ich meine, ich bin ja noch nicht so lange in der Band, und plötzlich kommen wildfremde Leute auf dich zu und wollen Autogramme von einem. Dazu kommen noch die verschiedenen kulturellen Eindrücke, die man bekommt. In Spanien war es ähnlich. Ich muss, glaube ich, erst einmal lernen, damit umzugehen.

Fällt dir das denn schwer?

Marc: Nun, ich bin zwar auf der Bühne nicht gerade der Leiseste, aber privat doch eher ein zurückhaltender Typ. Dieses ganze Prozedere drum herum muss ich erst noch verinnerlichen. Die Bands, mit denen ich vorher unterwegs war, wurden außerhalb ihres Live-Treibens eher selten wahrgenommen (lacht).

Das Gefühl hatte ich auch, als ich versuchte, etwas über deine musikalische Vergangenheit zu recherchieren. Da kam nicht viel bei rum.

Marc: Das liegt daran, dass ich zwar schon mit vielen Bands unterwegs war, aber die Reisen meist an der Stadtgrenze ihr Ende fanden.

Herman: Aber er macht sich gut (grinst).

Marc: Danke.

Ihr habt euch nach dem Abgang von ZP Theart für ein öffentliches Casting via YouTube entschieden, um adäquaten Ersatz zu finden. Was hat letztlich den Ausschlag für Marc gegeben?

Herman: Zunächst einmal wollten wir möglichst alle öffentlichen Kanäle nutzen, um uns ein Bild zu machen, was vielleicht alles möglich wäre. Das kannst du heutzutage, dank YouTube und Konsorten, spielend einfach und vor allem flächendeckend bewerkstelligen. Das meiste Material landete letztlich bei mir. Marc konnte mit großartigem Material aufwarten, also luden wir ihn ein, um mit ihm zu proben und zu sehen, wie es sich anfühlt. Wir hatten schon Monate nicht mehr zusammen gespielt, also einigten wir uns auf zwei kurze 5-Songs-Sets. Danach war alles klar.

"Marc sollte sich schnell als vollwertiges Bandmitglied fühlen"


Ging es danach gleich ins Studio?

Herman: Oh nein, wir wollten, dass sich Marc Stück für Stück an seine neue Aufgabe als Dragonforce-Sänger herantastet. Als wir uns für ihn entschieden hatten, haben wir uns mehrere Wochen fast täglich zu Rehearsals verabredet und teilweise bis spät in die Nacht geprobt. Marc sollte sich so schnell wie möglich als vollwertiges Bandmitglied fühlen. Das war uns sehr wichtig.

Wie war das bei dir, Marc? Wie hast du die erste Zusammenkunft empfunden?

Marc: Ich war natürlich ziemlich nervös. Ich wusste, dass dies eine Riesenchance für mich ist. Dementsprechend habe ich mich vorbereitet. Ich meine, wir waren zwar bereits in Kontakt, aber die Band hatte sich noch nicht entschieden. Das war schon ziemlich aufregend, als ich dann vor der gesamten Band stand. Zum Glück hat ja alles geklappt.

Wie haben sich dann die Arbeiten im Studio dargestellt? Die meisten Songs waren ja schon weitgehend fertig, bevor Marc dazustieß.

Herman: Vieles war schon ausgetüftelt, da hast du recht. Aber eigentlich fehlte jedem Song noch der finale Schliff, so dass sich noch genug Spielraum ergab, um die Songs optimal auf Marcs Stimme einzustellen. Wir waren im Gegensatz zu früher bei diesem Album auch komplett anwesend, während die Vocals aufgenommen wurden.

Marc: Das war vor allem für mich eine immense Erleichterung, denn ich hatte zuvor noch nie professionell in einem Studio gearbeitet. Gerade Sam und Herman standen mir stets zur Seite, machten Vorschläge und halfen mir dabei, das Optimum aus meiner Stimme herauszuholen.

Herman: Je intensiver wir arbeiteten, um so selbstsicherer und selbstbewusster wurde Marc. Letztlich kamen wir irgendwann an einen Punkt, den wir uns alle erhofft hatten. Nämlich, zum gemeinsamen Austausch von Ideen und Veränderungsvorschlägen. Das hat uns alle noch mehr zusammen geschweißt. Wir sind dieses Mal generell etwas abgerückt vom Arbeitsprozess, den wir sonst durchlaufen haben. Früher haben wir oftmals direkt im Anschluss an das Songwriting ein Studio gebucht und die Sachen aufgenommen.

Bei "The Power Within" haben wir uns nach dem Songwriting viel Zeit gelassen und die Songs wochenlang gemeinsam geprobt. Erst als wir mit dem gesamtem Material so richtig warm waren, sind wir ins Studio gegangen. Also ich für meinen Teil würde behaupten, dass ich noch bei keinem Album zuvor so viel Spaß hatte, wie an unserer neuen Scheibe. Das werden die Fans auch spüren, wenn wir demnächst mit den neuen Sachen auf Tour gehen.

"Die Metal-Labels verschwinden von der Bildfläche"


Inwieweit haben sich denn die neuen Herangehensweisen auf den Dragonforce-Sound ausgewirkt?

Herman: Das Album ist unglaublich vielfältig geworden. Während wir auf "Ultra Beatdown" versucht haben, alles ans Maximum zu führen, sind wir dieses Mal wesentlich vielschichtiger zu Werke gegangen. Es gibt viele verschiedene – für Dragonforce-Verhältnisse – ungewohnte Stimmungen auf dem Album.

Marc: Ich denke auch, dass die Fans überrascht sein werden. Ich kann mich beispielsweise noch gut daran erinnern, als ich den Song "Cry Thunder" als Demo-Version aufgenommen hatte. Wenn ich mir nun den fertigen Song anhöre, so wie er auf dem Album klingt, dann ist das schon ein großer Unterschied. So geht es mir mit vielen Songs.

Gibt es auch inhaltliche Überraschungen abseits von Feuer, Drachen und Co.?

Herman: Nun, ich denke, wir beschäftigen uns auf dem neuen Album mehr mit der Gegenwart und den Auswirkungen aktueller Geschehnisse rund um den Globus. Die Banken-Krise, der Nuklear-Gau in Japan, Kriege: das sind nur einige Beispiele. Aber es gibt natürlich auch wieder klassische Fantasy-Themen zu erzählen (lacht).

Ihr habt in der Vergangenheit bereits vieles rund um die Band in die eigenen Hände genommen. Mit "The Power Within" geht ihr einen weiteren Schritt in diese Richtung, indem ihr das Album auf eurem eigenen Label rausbringt. Ist euch in den letzten Jahren das Vertrauen in die externe Industrie komplett abhandengekommen?

Herman: Das hat eigentlich weniger mit mangelndem Vertrauen zu tun, als vielmehr mit dem Verlangen, so viel Kontrolle wie möglich bei einem selbst zu behalten. Heutzutage ist es einfach so, dass du gar nicht so schnell gucken kannst, wie sich Dinge zu deinem Nachteil entwickeln können, wenn du sie aus den Händen gibst.

Ich meine, schau dich einfach nur um: klassische Metal-Labels werden entweder von großen Majors geschluckt oder verschwinden gänzlich von der Bildfläche. Dieser Schritt war für uns wichtig, zumal wir während der Pause zwischen dem aktuellen und dem letzten Album auch genug Zeit hatten, um den ganzen Prozess so professionell wie nur irgend möglich zu realisieren.

Marc, abschließend noch eine Frage zur näheren Zukunft der Band. Im April geht die Welt-Tour in den Staaten los. Für dich ist das die erste Tour deines Lebens. Hose voll, oder Brust raus?

Marc: Brust raus, absolut (lacht). Natürlich bin ich auch ziemlich aufgeregt, aber das gehört, denke ich, dazu. Die Arbeit im Studio hat viel Spaß gemacht und auch der Promo-Prozess war sehr interessant und spannend. Aber nichts geht über das Gefühl auf der Bühne zu stehen.

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