laut.de-Kritik

DER Geheimtipp für Freunde von Deep Soul und R'n'B.

Review von

Eines der besten Deep Soul-Alben aller Zeiten kennt fast keine Sau. Lange Zeit konnte man Doris Dukes "I'm A Loser" nicht einmal kaufen. Dieser Millie Jackson-Blueprint, dessen Sound sich dank Sharon Jones & The Dap Kings und über Umwege mit Amy Winehouse in die 2000er fraß. Der Longplayer, den Dave Godin, der Mann, der Mick Jagger den R'n'B beibrachte, einst als "das beste Album, das ich jemals gehört habe", bezeichnete.

Ein gallenbitteres Drama voll Schmerz und Pein. Ein Konzeptalbum über die tiefsten Schläge und Narben, die ein Leben im Namen der Liebe bereit halten kann. Storys wie die einer schwangeren Frau und ihres Freundes, die jemand anderen heiratet. Einen Kerl, den sie eigentlich hasst. Weil sie sich bei ihm eine finanziell bessere Zukunft für ihr Kind ausmalt. Oder der mittellosen Frau, deren erster Mann sie wie Vieh behandelt. Als sie denkt, sie hätte einen besserem gefunden, stellt sich der als Zuhälter heraus, der sie auf die Straße schickt und jeden letzten Hoffnungsschimmer in ihr tötet. Bis sie nichts mehr fühlt. Bis sie nur noch sterben will. "I'm A Loser" ist unerbittlich und gemein, erzählt die Geschichtchen der verlorensten Seelen und Underdogs. All dies unterlegt mit Duane Allmans dezenter Gitarre und Robert Popwells perfekt wummernden Bass.

Produzent und Songwriter Jerry "Swamp Dogg" Williams Jr. hatte erst kurz zuvor seinen Job bei Atlantic Records hingeschmissen, um nun auf eigenen Beinen zu stehen. "Ich hatte damit fast alles verloren", erinnert er sich in einem Interview mit dem The Basement Magazine an die harten Versuche, "I'm A Loser" bei einem Label unterzubringen. "Es war ein Album für Frauen. Männer fanden es deprimierend. Ich bin durch die Straßen von New York gegangen, habe versucht, es zu verschleudern. Dann ging ich nach Los Angeles. Ich habe total an dieses Konzept geglaubt, als ich Wally Rokers Canyon Records betrat. Er hat es einmal gespielt und sagt, er müsse es haben. Ich habe ihn fast dafür bezahlt."

Aber egal, wer die Instrumente spielt oder wer das Album produziert hat, es gehört ganz der in Georgia geborenen Doris Duke und ihrer Stimme. Diese ist zwar weit von der Range einer Aretha Franklin entfernt, aber wohl kaum eine zweite Sängerin hätte diese düsteren Geschichten dermaßen mit Leben füllen können. Ihre aus dem Gospel kommende Stimme lässt jedes Wort ehrlich, persönlich und intim klingen. Voll Empathie spürt sie den Schicksalen nach, gibt die Emotionen weiter.

Doris Willingham (geb. Curry) sang zuvor unter ihrem bürgerlichem Namen im Background von Frank Sinatra, Aretha Franklin und Nina Simone. Auf deren 1969 entstandenen "A Very Nice Evening" hört man sie. 1966 veröffentlichte sie ihre erste Single "Running Away From Loneliness", die stilistisch noch in den 1960ern verwurzelt war. "I'm A Loser" war anders. An der Schnittstelle zum nächsten Jahrzehnt verband es den Stax-Sound mit dem kommenden, weitaus offenerem Klang der 1970er.

Die Arrangements des Albums verfügen über eine Verbundenheit, die alle zwölf Songs zu einer Einheit verschmelzen lassen, bieten trotzdem genug Abwechslung. Der Opener "He's Gone" beginnt mit einem zärtlichen Klavier, bevor Dukes Stimme ihn mit voller Wucht ins Leben zurück zieht. Während sie voller Herzschmerz von Verrat singt, treiben zaghaft eingesetzte Streicher den Song zum Drama voran. "Ghost Of Myself" beginnt mit Popwells für "I'm A Loser" so charakteristischen Bass, lebt aber auch vom geschickten Einsatz der Hammondorgel und der jaulenden Gitarren. "I made you happy / you made me hurt / I gave you honey / You gave me dirt", singt Duke voller Leid. "Now, I look at myself and there ain't nothing left / But a ghost of myself."

Zwischen all diesen Tragödien klingt das eingängige "I Can't Do Without You" regelrecht beschwingt, auch wenn der Text eine andere Sprache spricht. Ein Song, der über dreißig Jahre später auch einer Sharon Jones gut zu Gesicht gestanden hätte. Harten Tobak stellt das mit einer Gitarre beginnende "I Don't Care Anymore" dar, viele schlechte Entscheidungen und falsche Männer führen sie letztendlich auf den Strich. "'Til I found out his sweet talking / Added up to street walking / That was the part / It finally broke my heart / I'm lying here on this lumpy bed / I don't know if I'm better off / Alive or dead." Viel dreckiger kann es kaum werden.

Mit der ersten Single "To The Other Woman (I'm The Other Woman)" gelang Duke der Sprung auf Platz 7 der Billboard R'n'B-Charts. Im Grunde sah alles vielversprechend aus, doch dann brach das Chaos über sie ein. Canyon ging pleite. Duke und Swamp Dogg erhielten kein Geld für ihre Arbeit. Über lange Zeit war "I'm A Loser" nicht einmal mehr erhältlich. Aufgeben wollten sie aber nicht, zogen zu Mojo weiter, bei denen das ebenso gelungene wie erfolglose "A Legend In Her Own Time" erschien. 1975 ließ Duke, nun ohne Williams Jr. "Woman" folgen, bevor sie sich komplett zurück zog. Am 21. März 2019 starb Doris Duke Curry-Willingham im Alter von 77 Jahren.

Neben einer großen Familie bleibt "I'm A Loser" zurück. Dieser ebenso raue wie unbekannte Meilenstein der Musikgeschichte, der erst über die Jahre wieder ausgegraben und ins Licht gehalten werden musste. Ein aufwühlendes Album, das sie in die Nähe von Tina Turner oder Aretha Franklin hätte kapitulieren müssen. So bleibt Doris Duke jedoch der kleine Geheimtipp für Freunde von Deep Soul und R'n'B, der nahezu immer für Begeisterung sorgt.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. He's Gone
  2. 2. I Can't Do Without You
  3. 3. Feet Start Walking
  4. 4. Ghost Of Myself
  5. 5. Your Best Friend
  6. 6. The Feeling Is Right
  7. 7. I Don't Care Anymore
  8. 8. Congratulations Baby
  9. 9. We're More Than Strangers
  10. 10. Divorce Decree
  11. 11. How Was I To Know You Cared
  12. 12. To The Other Woman (I'm The Other Woman)

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