18. Februar 2015

"Wenn der Darm krampft, dann ist das Pur"

Interview geführt von

Mit "Karacho" ins dritte Schaffensjahrzehnt: die Donots haben mehr getan als nur eine neue Platte aufzunehmen. Nachdem die Band bereits im April 2014 zu ihrem 20. Jubiläum gemeinsam mit Rise-Against-Sänger Tim McIlrath den deutschsprachigen Song "Das Neue Bleibt Beim Alten" veröffentlichte, legt das Punk-Quintett aus Ibbenbüren nun mit einem ganzen Album auf Deutsch nach.

Im Berliner Ramonesmuseum baten die sympathischen Herrschaften Ingo Knollmann, Jan Dirk Poggemann und Alex Siedenbiedel zum Gespräch – beziehungsweise in unserem Fall zum Skype-Date.

Es ist ja nicht gerade alltäglich für eine Band, im zwanzigsten Dienstjahr die Sprache zu wechseln.

Ingo: Wir setzen uns immer gerne neue Ziele. Wenn man zwanzig Jahre die ganze Zeit aufeinander hockt, muss ja immer wieder frische Luft rein. Da macht eben mal das Fenster auf oder schreibt sich kreativ etwas Neues auf die Fahnen. Das haben wir 2007, 2008 ja bereits getan – da haben wir einen Festplatten-Reset gemacht und die "Coma Chameleon" aufgenommen. Damit haben wir den Donots-Sound ja ein wenig neu definiert. Als wir auf den zwanzigsten Bandgeburtstag hinsteuerten, dachten wir uns, da müsste man wieder ein Special machen – und am 16.4.2014 irgendwas Nettes rausbringen. Wir sind ins Studio gegangen um uns neue Demos an die Köpfe zu knallen. Dann kam die Idee: lass uns mal als Hausaufgabe etwas auf Deutsch machen. Nicht mit Kalkül, weil sich das total trendy geil verkauft – sondern einfach nur so.

Nichts mit Pillepalle-Texten

Alex: Wir hatten am Tag unseres Jubiläums ja bereits den Plan, in der Ibbenbürer Scheune zu spielen, wo wir genau vor 20 Jahren spielten. Ingo meinte, dass es auch gut wäre, irgendetwas zu haben, das wir den Leuten als Geschenk raushauen könnten – und da war ziemlich schnell klar, das soll ein Song sein. Aber eben keine B-Seite. Dann gab's eben die Idee, in der geistigen Nachfolge von Bad Religions "Punk Rock Song" ein Lied auf Deutsch rauszuhauen. Und dann eben noch – das war auch Ingos Idee – Tim McIllrath von Rise Against zu fragen, ob er nicht auch Bock hat, sich auch so wie wir rauszuwagen und seinen ersten Song auf Deutsch zu singen. Dementsprechend war das Ding auf einmal da, wir hatten aber in der Studiosession einen Haufen Song geschrieben, auf die wir total Bock hatten. Wir dachten "Hey, das fühlt so gut an"...

Jan-Dirk: Und wir hatten einfach so viel Material, wie könnten wir das wegschmeißen ... Machen wir jetzt also ein deutsches Album? Sollen wir das umwerfen, oder auf Englisch umschreiben? Und weil uns das im Proberaum einfach total Feuer gegeben hat, dachten wir, lass uns das rausbringen und es den Leuten zeigen.

"Karacho" ist streckenweise ein sehr politisches Album – war euch das bewusst, wie gut das in die jetzige Zeit passen würde?

Ingo: Die Texte sind schon vorher da gewesen. Wir werden jetzt ziemlich oft darauf angesprochen, dass ein Song wie "Ohne Mich" ja wirklich gut zum derzeitigen Zeitgeist und zu dieser Strömung namens Pegida, ADF und Konsorten passt. Der Text war da, bevor das Pegida-Thema aufgekommen ist. Aber da kannst du mal sehen, wie aktuell so ein Thema jemals bleibt. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das einmal kein Thema mehr für Punkrock sein wird. Das wird leider immer ein Thema bleiben. Es ist ein trauriger Zufall, dass der Song jetzt so gut in die Zeit reinpasst. Für mich war klar, wenn ich deutsch texte: dann muss das ne Ansage sein. Pillepalle-Middle of-the-road-Texte, das gibt's im Radio zuhauf, das muss man nicht machen.

"Das könnt ihr besser!"

Um zu wissen, wo es textlich nicht hinsoll, habt ihr dir ja auch Musik von Rosenstolz oder Pur angehört. Erzählt mal von diesem Test.

Ingo: Ich höre im Auto kein Radio. Das einzige, was ich im Auto an Radio höre, ist der Verkehrsfunk, und den schalt ich immer schnell ab. Im Zuge der Aufnahmen und der Findungsphase habe ich geguckt: Was gefällt mir gut, und was gefällt mir gar nicht – und warum. Um das rauszufinden, habe ich dann das Radio auch mal angelassen. Ich sag dir: wenn der Darm krampft, dann ist das Pur. Das ist für mich die Hölle auf Erden. Die Art Ansprache, dieses triefende Nichtssagen, diese Kalendersprüche für Hausmuttis, das ist so schlimm wie nur irgendwas. Und denjenigen stehen immer noch meine fünf, sechs Lieblingstexter. Und die werden dann immer noch rausgeholt. Das sind nicht die Tim Bendzkos. Das ist Mahler, der damals "Schweineherbst" von Slime geschrieben hat, das ist Marcus Wiebusch, der mit But Alive eine eigene Sprache gefunden hat, das ist Nagel, unser Freund von Muff Potter, das ist Niki von Ex-Jupiter Jones oder Thees Uhlmann...

Ingo, hast du eine Weile gebraucht, um in diese neue Art zu texten zu finden?

Ja, auf jeden Fall. Die Anfänge waren auch durchaus rumpelig, und wieder einmal kam eine Initialzündung von Vincent Sorg, mit dem wir ja die Platte aufgenommen haben. Wir haben ein blindes Verständnis und können uns auch alles sagen. Als wir die erste Demo-Session beendet hatten und ihm die Lieder vorspielten, da hat er sich umgedreht und gesagt: "wisst ihr was, Leute? Nee, so geht das nicht. Das könnt ihr besser." Ich dachte mir nur, ich habe mich total nackig gemacht und fand das gut – aber meinte nur: "Grundsätzlich ist das schon nicht scheiße, aber du verschwendest hier zum Teil Zeilen, die du auch mit Inhalten füllen kannst. Einzelne Zeilen sind gut, aber viele auch egal". Ich war dann erstmal sauer, und hab dann die Nacht über den Text von "Junger Mann zum Mitleid gesucht" geschrieben. Da ist der Knoten geplatzt, ab da wusste ich auch genau was er meint. Und auch, dass ich keine Zeile verschwenden darf. Das geht im Englischen ganz gut, im Deutschen nicht.

Apropos Vincent Sorg: als ich die erste Single hörte, war mein erster Gedanke: Das ist der Song, auf den Die Toten Hosen gerade mehr als neidisch wären.

Ingo: (lacht) Das ist ein großes Kompliment, vielen Dank. Das ist uns nur so passiert, das war eines der ersten Demos. Wir haben sogar ein paar Gesangsteile aus Demos rübergerettet.

Jan-Dirk: Das war auch der Song, der maßgeblich daran beteiligt war, dass es jetzt diese Platte gibt. Weil wir den wirklich schon am ersten Tag beisammen hatten und sich alles neu und natürlich anfühlte, der Song aber auch so viele neue Synapsen im Hirn freigesetzt hat.

Gibt es für euch jetzt ein neues Bandgefühl?

Alex: Das ist das Komische: dass man denkt, es macht eigentlich keinen Unterschied für das Bandgefüge, in welcher Sprache man singt. Aber es stellte sich raus, dass es ein totaler Unterschied ist. Wahrscheinlich einfach, weil man nicht mehr in seinem gewohnten Viertel rumfährt, sondern auf neuen Straßen. Ich finde schon, dass es sich anders anfühlt. Es fühlt sich gut an, selbstbewusst und frisch: so wie die erste Zeit.

Ingo: Das Schöne ist, dass es beides beinhaltet: eine Historie von 20 Jahren, das Wissen um vieles, vieles mitgemacht zu haben, viel Wandel gesehen zu haben – aber auch einen Neustart zu machen, ohne bei Null anfangen zu müssen. Klar, AC/DC sollen klingen wie AC/DC, Bad Religion wie Bad Religion – aber bei den meisten Bands finde ich das sehr spannend, wenn sie sich verändern.

Und wie haben die Hardcore-Fans reagiert?

Ingo: Man hat schon bemerkt, dass da eine gesunde Portion Skepsis dabei war. Aber tatsächlich war das Feedback durchgehend sehr, sehr gut. Wir haben nicht daran gezweifelt, weil wir selber so viel Spaß dran hatten und wir das voller Überzeugung rausgehaut haben – aber die Hardcore-Fans feiern es ab.

Jan-Dirk: Wirklich wichtig für uns war diese Session im Herbst 2013 – als wir uns unbemerkt von allen ins Studio eingeschlossen hatten, nachdem wir in den USA tourten, mit den Hosen unterwegs waren und auch mit Billy Talent durch Europa getourt sind. Diese Woche, in der wir uns zurückgezogen hatten: die war so voller Ideen und voller Spaß am Musik machen. Das war so einmalig ... ich meine, nicht dass wir sonst keinen Spaß hätten (Gelächter). Aber sich in einer Woche die nächsten drei Jahre zu erarbeiten, das war schon besonders.

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2 Kommentare

  • Vor 4 Jahren

    Nach gefühlten 10 Jahren ohne relevante Veröffentlichung finde ich das nen guten Schritt und die zwei Songs die ich gehört habe sind angenehm unpeinlich. Und jetzt kann ichs auch sagen: Ingos Akzent beim englischen Singen war schon immer brutal anzuhören.

    Wirkt zwar wirklich etwas "mit dem Strom schwimmen", aber es schadet nicht, für ne Band mit Punkwurzeln, wenn sich die Band Gedanken um jede einzelne Zeile macht.

  • Vor 4 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 4 Jahren durch den Autor entfernt.