laut.de-Kritik

Ein Manifest der Jugend. Ein Album für die Nacht.

Review von

Rhythmus, Harmonie und US-Zukunftsromantik aus dem Kalten Krieg – so beginnt "The Nightfly". Offbeat-Synth-Sound, akustisches Schimmern – entfesselt und dennoch völlig unter Kontrolle. Der Titel "I.G.Y." steht für das International Geophysical Year in den 50er Jahren: Träume von Graphit und Glitzer, von Unterwasserzügen und vom Wettlauf ins All, von Solarenergie und Spandex-Jacken. Von einer gerechten Maschine, die Entscheidungen trifft. Von ewiger Jugend. Das Amerika von morgen, überlegen und gesund – eine kindliche, unschuldige, beinahe heilige Fantasie. Musikalische Perfektion.

Donald Fagen war ein Außenseiterkind. In seinem Buch "Eminent Hipsters" beschreibt er unter anderem seine frühe Liebe zu Science-Fiction-Literatur und zu Jazzsendungen, die von charismatischen Einzelkämpfer-DJs moderiert wurden. Nächtelang hörte er ihnen zu, das Radio unter der Bettdecke, klebte an ihren Lippen. Ein Einfluss, der die Inspiration für sein erstes Soloalbum war: Der titelgebende Song ist ein Blick in den Kopf des einsamen Moderators, der kettenrauchend über Jazz-Platten schwadroniert und seine philosophischen Anwandlungen mit seinen schlaflosen Zuhörer*innen teilt. Das Album ist ein Mini-Mosaik der Zeit, in der Fagen aufwuchs – ein Manifest der eigenen Jugend. Ein Album für die Nacht.

Nachdem "I.G.Y." einen unglaublichen Startpunkt markiert hat, setzt man hohe Erwartungen an die folgenden Tracks und wird nicht enttäuscht: Energisch nimmt "Green Flower Street" die Hörer*innen mit in eine Welt, die voll ist von verbotener Liebe, Sünde und mystischen Abenteuern – rein thematisch hätte das Lied auch gut in ein Steely Dan-Album wie "Aja" gepasst.

Weiter geht es mit "Ruby Baby". Obwohl das Lied bereits von einigen Künstler*innen gecovert wurde, verpasst Donald Fagen dem Lied der Drifters seinen eigenen, unverwechselbaren Touch. Berstend vor Groove und selbstgerechter Stalker-Obsession klingt Fagens Version so frisch und modern wie kaum eine andere.

"Maxine" wirkt wie eine Sommernacht mit Rotwein auf einem New Yorker Dach: Hammond-Orgel, butterweiche Gitarre, das warme Licht der Straßenlaternen – gemeinsame jugendliche Zukunftsvisionen. "Maxine" ist das Bohème-Pendant zu "Fast Car" von Tracy Chapman. Das lasse ich so stehen. Wenn Musikjournalismus für etwas gut ist, dann für steile Thesen.

Mit "New Frontier" kommen 60er-Jahre-Highschool-Partys und bürgerliche Kriegsparanoia ins Spiel. Ein junger Mann schmeißt eine Party im Eigenheim-Atombunker seiner Eltern: "Yes we're gonna have a wingding / A summer smoker underground / It's just a dugout that my dad built / In case the reds decide to push the button down." Schmierig versucht der Erzähler, bei einer jungen Frau Eindruck zu schinden und sie mit anbiederndem Gehabe und seinen prententiösen Zukunftsplänen für sich zu gewinnen: "I hear you're mad about Brubeck / I like your eyes, I like him too / He's an artist, a pioneer / We've got to have some music on the new frontier." Der Begriff des New Frontier bedeutet für unseren Erzähler Hoffnung, Fortschritt, das Erfüllen persönlicher Träume und viel schaumschlägerisches Geschwafel: "Well I can't wait 'til I move to the city / 'Til I finally make up my mind / To learn design and study overseas." Endzeit-Szenarien und Kennedys Einfluss auf die ganz großen Pläne der spießigen Mittelschicht – ist das nicht wunderbar amerikanisch?

"The Nightfly" war eines der ersten Alben, das vollkommen digital aufgenommen wurde – auf 32- bzw. 4-Spur-Geräten von 3M. Eine nette Tatsache, wenn man ans erste Lied des Albums denkt: Innovation und futuristisch wirkende Technik haben in späteren Jahrzehnten tatsächlich Einzug gehalten.

Fagens berüchtigter Perfektionismus, der seine Höhepunkte natürlich vor allem bereits in Steely-Dan-Projekten wie "Gaucho" gefunden hatte, machte auch vor seinem ersten Soloalbum nicht halt: Alles an "The Nightfly" ist durchdacht, kein musikalisches Detail ohne Bedeutung, nichts dem Zufall überlassen. Das Album ist geprägt von Spitzenleistungen und individuellen Akzenten der besten Studiomusiker*innen ihrer Zeit – sie machen das Album zu dem, was es ist.

Genau wie bei Steely-Dan-Alben waren auch bei "The Nightfly" Gary Katz und Roger Nichols für die Produktion zuständig – für "Gaucho" hatte Nichols den revolutionären Drumcomputer Wendel erschaffen, der die Antwort auf Fagens obsessive Suche nach dem 'perfekten Drummer' gewesen war, nun kam bei "The Nightfly" der verbesserte Nachfolger Wendel-II zum Einsatz. Man könnte ewig über die neuen und progressiven Aufnahme- und Produktionstechniken sprechen, die bei diesem unvergleichlichen Album angewandt wurden, doch das würde zu weit führen. Schlicht gesagt – alles an diesem Werk ist genial. Nun zu "The Nightfly" selbst.

Das Cover des Albums, auf dem Fagen selbst als der Protagonist des Liedes abgebildet ist, trifft die Stimmung des Songs unglaublich gut. Wir sind in Baton Rouge, Louisiana, es ist mitten in der Nacht und der Radiomoderator Lester telefoniert mit Irren, die bei ihm anrufen: "I'm Lester the Nightfly / Hello Baton Rouge / Won't you turn your radio down / Respect the seven second delay we use / So you say there's a race / Of men in the trees / You're for tough legislation / Thanks for calling / I wait all night for calls like these." Auf Herzschmerz-Strophen folgt zuverlässig der Refrain – ein Bilderbuch-Radiojingle, ein Liebeslied an die Nacht. "An independent station / WJAZ / With jazz and conversation / From the foot of Mt. Belzoni / Sweet music / Tonight the night is mine / Late line 'til the sun (til' the sun) comes through the skyline." Was gibt es da noch zu sagen?

Bossa-Nova-Sound und an Steeldrums erinnernde Klänge läuten "The Goodbye Look" ein. Putsch auf der Insel, fast alle Amerikaner sind längst auf und davon – bis auf zwei. Fagen schafft es, subtil und humorvoll bleischwere Themen zu thematisieren. Schaurig-verspielte Latin-Klänge treffen auf schwüle Hitze und lauernde Angst. "All the Americans are gone except for two / The embassy's been hard to reach / There's been talk and lately a bit of action after dark / Behind the big casino on the beach."

"The Nightfly" endet mit einem kurzen, fröhlich-verspielten Track über Liebe, Streit und regnerische Nächte in Miami. "Walk Between Raindrops" ist ein amüsant unbedarft wirkender Abschluss des Albums – verdächtig unkompliziert. Dadurch erst wird das volle Ausmaß der Genialität dieses Albums sichtbar: Hymnen des Fortschritts, Zukunftsmusik, Angst und Krieg, Weltbild und Herzschmerz treffen auf jugendlichen Unsinn, Mainstream-Jazz und Belangloses. Das Album ist eine Reise in längst vergangene Zeiten, vertont mit Mitteln aus der Zukunft, ein geschlossenes System, eine Welt für sich – und über allem schwebt die Nacht. Die Nacht, vor der wir alle gleich sind.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. I.G.Y.
  2. 2. Green Flower Street
  3. 3. Ruby Baby
  4. 4. Maxine
  5. 5. New Frontier
  6. 6. The Nightfly
  7. 7. The Goodbye Look
  8. 8. Walk Between Raindrops

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