laut.de-Kritik

Synthie-Pop als Zeitmaschine.

Review von

Vier Jahre ist es her, dass die Synthie-Popper von Distain letztmals etwas von sich hören ließen. Vier Jahre, in denen sich einiges geändert hat. Munter drehte sich das Personalkarussell. Die beiden Gründungsmitglieder Oliver Faig und Sebastian von Wyschetzki haben die Band verlassen, dafür steht nun Neuzugang Manfred Thomaser an der Seite von Alexander Braun. Verbunden mit der personellen Neubesetzung lässt sich auf "25 Frames A Second" eine stilistische Rückbesinnung auf leichte Synthie-Pop-Nummern beobachten.

Ein solcher Rückbezug auf die Distain der Gründungszeit war nach dem letzten Longplayer "Homesick Alien" nicht unbedingt zu erwarten. Die Band fand zu dieser Zeit Inspiration in zeitgenössischer elektronischer Musik. Dieser Entwicklungsschritt wird mit "25 Frames A Second" auf einen Streich wieder zunichte gemacht. Das wirft einerseits ein schlechtes Licht auf Distain selbst, andererseits aber auch auf jene Szene im allgemeinen, die mit Elektro-Pop in den 80ern aufgewachsen ist und es bis zum heutigen Tage nicht geschafft hat, sich von dieser prägenden Erfahrung zu emanzipieren.

Gemütlichkeit lautete die Maxime, die bei vielen derartigen Bandgründungen in den letzten Jahren Pate stand. Schön und bequem wollte man sich die Synthie-Pop-Kuschelecke wieder einrichten, nachdem die erklärten Heroen, Depeche Mode, lieber auf Gitarren statt Synthies setzten. Seither funktioniert Synthie-Pop zumeist wie eine Zeitmaschine, die krampfhaft versucht die Zeit anzuhalten und damit auf Tuchfühlung zu Schlager und volkstümlicher Musik geht.

Gemütlichkeit ist auch bei Distain anno 2004 wieder angesagt. Und wo bettet man sich am bequemsten? Natürlich dort, wo man sich auskennt und keinesfalls irgendwelche bösen Überraschungen auf einen warten. So umgeben sich Distain mit einer erschreckenden Fülle von klischeebehafteten Vorstellungen über Synthie-Pop.

Das hört sich dann so an, wie zum Beispiel "Sex 'n' Cross". Einfach eröffnet der gerade Beat den Song, bevor sich ein wenig Elektrogeblubber um das dürre Skelett legt. Alles noch nicht so schlimm, ich sitze entspannt. Bei den ersten Textzeilen beginnen meine Fußnägel dann schon mit sanften Rollbewegungen. Warum? Darum: "Let me ask a question, do you believe in obsession, do you create possession or is it just aggression", textet das Duo und freut sich daran, dass im Englischen viele Wörter auf "ion"-enden. Das erleichtert das Reimen ungemein und was sich reimt ... ja, ja.

Text hin Text her, ist man versucht zu sagen, es ist die Musik, die zählt. Leider hat die auch nicht viel zu bieten. War die Eröffnungssequenz von "Sex 'n' Cross" nock ok, so kippt der Song mit dem Refrain, und meine anfängliche Entspannung weicht ungläubigem Kopfschütteln. Leicht und luftig hebt der Gesang unterstützt von schwülstigen Streichern zu einer Allerwelts-Melodie an und spült dabei alles weich, was vorher noch einen Rest von Profil hatte.

So oder ähnlich geht es über die volle Spielzeit. Dabei muss man Distain zu Gute halten, dass sie handwerklich die Bestnote verdienen. Sie klingen immer wie irgendeine andere Band, die man kennt; nur nicht ganz so gut. Klischees sind eben doch eine tolle Sache. Nur frage ich mich am Ende: Wer ist Distain? Die Inkarnation aller Synthie-Pop-Klischees?

Trackliste

  1. 1. Metal Rules
  2. 2. Sex'n'Cross (Album Version)
  3. 3. Faces In The Night
  4. 4. Autumn Leaves (25 Frames A Second)
  5. 5. Echo Of My Dreams
  6. 6. Be Thou My Vision
  7. 7. Love Song (Instrumental)
  8. 8. The City
  9. 9. America (Radio Edit)
  10. 10. Designed In Paradise
  11. 11. Solaris (Instrumental)
  12. 12. Fools We Are
  13. 13. Strong
  14. 14. Black Mountain Love Affair
  15. 15. Masts Of Sorrow
  16. 16. Ghost (Instrumental)

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