laut.de-Kritik

Ein Haufen Songs voll drittklassiker Pennäler-Texte.

Review von

Wer einen Titel wie "Grabsteinland IV" erblickt, denkt doch automatisch an grandiosen Zombie-Trash mit Augenzwinkern oder an das eher bemitleidenswert ernst gemeinte Klischee von Drama-Queens als Möchtegern-Goths. Im Falle des berliner Gruftie-Duos Die Untoten halten sich Licht und Schatten die Waage.

"Grabsteinland" verkörpert seit mittlerweile vier Scheiben nicht nur einen unfreiwillig sehr komischen Titel, der jedes Vorurteil über die Szene zu bestätigen scheint. Es ist auch die Headline für eine recht verschwurbelte Fortsetzungsstory, die sich dem Hörer ohne weitere Quellen jedoch kaum erschließt. Als Pluspunkt kann man solch ungezügelte Melodramatik wohl kaum verbuchen.

Natürlich lauert in der Ecke schon ein Haufen Songs voll drittklassiker Pennäler-Tagebuch-Texte, die einfach thematisch mehr beißen als das Sprachgefühl der Band bislang kauen kann. Ich bin die Seelenfängerin; bin eure schwarze Königin. (...) Bleich wie der Tod hängt alsbald der Mond. Das ist eben genauso poetisch, wie alles, was schon tausendfach von anderen Bands vorgekaut und nachgemacht wurde. Bedenkt man, dass Herr Line auch mehrfacher Buchautor ist, stellt sich schon die berechtigte Frage nach der eigenen Qualitätskontrolle des gebürtigen Münchners. Die X-te E.A. Poe-Der Rabe/ Goethes Zauberlehrling/Krabat-Inspiration wie in "Die Schwarze Feder" ist da wenig hilfreich, weil null originell und damit todlangweilig.

Dennoch gibt es Gründe, warum man die Untoten nicht in einen Topf mit den gothischen Heerscharen der dichterischen und musikalischen Friedhofs-Dilettanten werfen sollte. Zum einen ist Greta Ida inzwischen eine versierte Goth-Dompteuse, die bei Bedarf zwischen laszivem Vamp, großäugiger Lolita und dunkel dominanter Göttin der Nacht mühelos hin und herpendeln kann. Die hörbare Leidenschaft und das spielerisch Ungezwungene in ihrer Stimme lassen den Hörer nicht unbeeindruckt. Die Deutsch-Ungarin trotzt der Wall of Sound ihres musikalischen Partners meist wie ein Felsen.

Hinzu kommt, dass Multi-Instrumentalist Line mit einem eingängigen aber sehr wiedererkennbaren Stil komponiert. In den Rhythmen steckt weder weinerliches Pathos noch peinliche Pseudotragik. "Sturm Brich Los" zum Beispiel glänzt untypisch erfrischend mit WahWah-Gitarre; "Die Seelenfängerin" sogar mit fetzigen Saxophon-Schnipseln. Überhaupt steht der Zombiekapelle die neue Hinwendung zum direkten Rock sehr gut zu Gesichte. "Bardo" rockt einem die Gänsehaut unter die Haarspitzen und wartet sogar mit einem elegant effektiven Pulp-Text auf; ebenso "Ein Letzter Akt Der Rebellion". "Weißt Du Noch?" balanciert auf der roten Linie zwischen Dancefloor-Burner und Rockschlager, ohne als Plattitüde zu langweilen. Den Ohrwurm bekommt man gratis dazu.

Am Ende bekommt man mit dieser CD eine hübsche Handvoll melodisch rockender Rohdiamanten, denen teilweise noch der letzte lyrische Schliff fehlt. Sobald sich die Untoten jeglicher unfreiwilligen Komik in Wort und Titel entledigen, werden sie das Gros der Konkurrenz künstlerisch zu Friedhofsgärtnern degradieren. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Trackliste

  1. 1. Geh Ins Licht!
  2. 2. Bardo
  3. 3. Ein Letzter Akt der Rebellion
  4. 4. Weisst Du Noch?
  5. 5. Die Schwarze Feder
  6. 6. Zum Heulen Zumut
  7. 7. Sturm, Brich Los!
  8. 8. Die Seelenfängerin
  9. 9. Dort Wo Giganten Wohnen
  10. 10. Herz Auf Zu Schlagen
  11. 11. Der Mond Des Jägers
  12. 12. Chor Der Soldaten
  13. 13. Akt Der Rebellion (Club-Mix)
  14. 14. Die Höhle Der Seelen
  15. 15. Weisst Du Noch? (Demo)
  16. 16. Mond Des Jägers (Orchester-Fassung)

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3 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    Dabei wird - vielleicht aus Unwissenheit - vergessen, dass die Untoten sich über Sonic Malade selbst zu veröffentlichen pfleg(t)en und daher keine Kontrollinstanz vorhanden ist, was sich denn auch im Sonic Malade Oeuvre gut ersehen lässt. David A. Line und Greta Csatlós musizieren dort nicht nur, sondern schreiben, teils unter Pseudonym, auch. Und das Ergebnis ist dem Verb nie und nicht im Geringsten gerecht geworden.

    Das Vermissen einer Kontrollinstanz auf "künstlerischer Seite" führt denn auch zum Vermissen einer ebensolchen auf wirtschaftlicher Seite. Sinnigerweise sind die Alben stets limitiert...

    Mag man Blutengelchen Chris Pohl - zurecht - totalen Ausverkauf vorwerfen, im Falle Untoten und Umfeld sieht er seine Meister in diesem Genre.

    Einen furchtbareren Mist hab ich noch nicht erlebt.

  • Vor 10 Jahren

    @DancingInTheDirk (« Dabei wird - vielleicht aus Unwissenheit - vergessen, dass die Untoten sich über Sonic Malade selbst zu veröffentlichen pfleg(t)en und daher keine Kontrollinstanz vorhanden ist, »):

    nö, bitte richtig und verständig lesen.

    Zitat (« Bedenkt man, dass Herr Line auch mehrfacher Buchautor ist, stellt sich schon die berechtigte Frage nach der eigenen Qualitätskontrolle des gebürtigen Münchners. Die X-te E.A. Poe-Der Rabe/ Goethes Zauberlehrling/Krabat-Inspiration wie in "Die Schwarze Feder" ist da wenig hilfreich, weil null originell und damit todlangweilig. »):

    selbstverständlich sind Greta Csatlós und David A. Line selbst gemeint gemeint. ist doch klar.

    wer als autor bücher herausbringt und dann ......."grabsteinland"......ye know.

  • Vor 10 Jahren

    Was gibt's da richtig und/oder verständig zu lesen? Herr Line findet seinen Kram gut - darf er ja, meinetwegen - und vö't das selbst und niemand sagt ihm, dass es Schrott ist. Gleichviel ob "Musik" oder "Text". Oder gleich beides als "Gesamtkunstwerk". Ich bin sicher, Herr Line und Frau Csatlós nennen sich Künstler.