laut.de-Kritik

Da hat er Recht, der Ninja.

Review von

Wie ein Filmsoundtrack hebt "Ten$ion" an. Hymnische Streicher und getragene Gesänge erheben sich - und dann? "I'm indestructable." Da war sie wieder, diese Stimme, penetrant, hörnervzersetzend, wie das Blatt einer Laubsäge. "You can't stop me", quakt es zum urplötzlich quer durch die Szenerie bratzenden Bass. "I'm a motherfuckin' ninja."

Stimmt, die gibt es ja auch noch. Vor knapp eineinhalb Jahren geisterten Die Antwoord durch nahezu jeden Blog. Nach dem duchwachsenen Debüt wurde es allerdings ziemlich schnell ziemlich still um die Südafrikaner mit gewöhnungsbedürftigem Slang und noch gewöhnungsbedürftigerer Optik.

"I'm not scared of you. But you might be fuckin' scared of me." Da hat er Recht, der Ninja. Insbesondere die Konfrontation mit seiner Partnerin Yo-Landi Vi$$er jagt mir eine Heidenangst ein. Dazu braucht sie gar nicht - wie auf dem Coverartwork - ein blutiges Herz in den Händen zu halten. Nein, es genügen die alienesk tiefschwarz eingefärbten Puppenaugen und der im krassen Gegensatz dazu bis zur Farblosigkeit gebleichte Vokuhila.

Diese Frau ist gruselig, und es wird nicht besser, wenn sie - wie im Video zu "Fok Julle Naaiers" - in einem Plüschtieroverall steckt. Ihr hohes, scheinbar harmloses Puppenstimmchen krönt das skurrile Bild. Mördertoy Chucky erscheint gegen Yo-Landi knuffig wie ein zerliebter Teddybär.

"I fink you're freaky": Dem möchte ich mich bitte in vollem Umfang anschließen. "And I like you a lot." Tatsache, dem auch. Zumal Yo-Landi und Ninja mit gepflegter Scheißdrauf-Attitüde selbst ihren sperrigen Zef-Style in die Form von Raps prügeln. Dabei klingt der Afrikaans-Dialekt so unrund, wie eine verunglückte Kreuzung aus Englisch und Niederländisch, zudem mit teutonischem Akzent, nur tönen kann.

Egal, beide MCs rappen wie die entsprungenen Schachtelteufel. Die Antwoord fahren dazu - raptechnisch wie musikalisch - einen erfreulich eigenen Film. Der gestaltet sich an manchen Stellen - wie Icke & Er sagen würden - rischtisch geil, teilweise aber auch schlicht schauderhaft.

Immer wieder, unter anderem im Refrain zu "U Make A Ninja Wanna Fuck", flackern unfassbar scheußliche Synthies auf, die direkt den 90ern entfleucht zu sein scheinen. Ja, haben wir damals unter 2Unlimited und Konsorten nicht genug gelitten? Zu oft wirkt der Sound, obwohl er sich mächtig aufzuplustern versucht, am Ende doch nur ärgerlich zweidimensional, so beispielsweise in "Baby's On Fire".

Anderes dagegen gestaltet sich bewundernswert funktional: "I Fink U Freeky" steuert mit pfeilgeradem, wuchtigem Beat schnurstracks auf den Dancefloor zu, spielt dort mit altvertrauten Rave-Effekten, ehe der Track zu Ninjas fieser Nölerei Fahrt aufnimmt wie ein riesiges Schwungrad, das Sexy-, Play- und Bad Boys unterschiedslos mit sich reißt. "Jump, motherfucker, jump motherfucker, jump!" Spätestens hier dreht jede Crowd hohl, jede Wette.

Die klaustrophobische Horrorfilm-Stimmung in "Fok Julle Naaiers" hätte nicht einmal John Carpenter beklemmender hinbekommen. "My style is so brand new, I try to make me understand it / I'm here to steal the show, 'cause, baby, I'm a bandit / Now you're standin' lookin' at me like the aliens have landed."

Der zu schlenkerndem Beat und einer Flötenmelodie, die sich ins Ohr zwitschert, präsentierte "feel good gangsta shit" von "So What?" entpuppt sich schlicht als zum Niederknien, ebenso die furiose Idee, den wohl bekanntesten Aussetzer Mike Tysons zu einer Hommage an den Mann hinter Reglern und Decks umzubauen: "DJ Hi-Tek Rulez".

"Fuck the system", fühlt sich Ninja im abschließenden "Never Le Nkemise 2" noch berufen, klar zu stellen. "We have our own system. We don't answer to no one" - nur, um dann wieder einen so zopfigen 90er-Beat freizulassen, der erst dann ein bisschen an Spannung gewinnt, wenn Die Antwoord beginnen, ihn durch den Wolf zu drehen.

"We're in the future now"? Zu Hülf, es ändert sich also nix. Licht und Schatten liegen auch in der Zukunft immer noch verdammt nahe beieinander.

Trackliste

  1. 1. Never Le Nkemise 1
  2. 2. I Fink U Freeky
  3. 3. Pielie (Skit)
  4. 4. Hey Sexy
  5. 5. Fatty Boom Boom
  6. 6. Zefside Zol (Interlude)
  7. 7. So What?
  8. 8. Uncle Jimmy (Skit)
  9. 9. Baby's On Fire
  10. 10. U Make A Ninja Wanna Fuck
  11. 11. Fok Julle Naaiers
  12. 12. DJ Hi-Tek Rulez
  13. 13. Never Le Nkemise 2

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