laut.de-Kritik

Die 'Schlange' singt sich den Blues von der Seele.

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Mittelmaß ist die Sache von Frau Galás mit Sicherheit nicht, das macht ein schneller Blick in ihre Biografie deutlich. Den Extremen von frühester Jugend an zugetan, spiegelt auch ihre Musik diesen Hang zum Existentiellen wieder. Mal himmelhoch jauchzend, mal todesversunken klagend, so singt sich Diamanda Galás seit zwei Jahrzehnten in die Herzen ihrer Fans. Mit "La Serpenta Canta" spürt sie nun dem Blues in ihrer Seele nach und erweist Ikonen wie John Lee Hooker oder Hank Williams gewohnt eigenwillig die Ehre.

Insgesamt 15 Liveaufnahmen aus den vergangenen fünf Jahren, mitgeschnitten auf drei Kontinenten, versammelt die 'singende Schlange' auf zwei CDs, deren Intensität man sich schwerlich entziehen kann. Den musikalischen Vorlagen entsprechend verzichtet Diamanda Galás auf "La Serpenta Canta" weitgehend auf allzu avantgardistische Vocalakrobatik, wie sie für einen Großteil ihrer Releases kennzeichnend ist. Stattdessen kleidet sie ihre beeindruckende Stimme in ein wohltuend erdiges Timbre, nähert sich den Songs respektvoll und sensibel zugleich an.

Dass ihr Herz für Blues und Gospel schlägt davon konnte man sich auf älteren Diamanda Galás-Releases immer wieder überzeugen. "La Serpenta Canta" knüpft genau dort an und stellt die bisher etwas beziehungslos im Raum stehenden traditionellen Songs in einen passenden Rahmen. Dabei verzichtet Galás auf beinahe jede Instrumentierung, erzielt mit Stimme und Klavier eine Atmosphäre vibrierender Lebendigkeit. So ergreifen Songs wie "At The Dark End Of The Street" schneller von einem Besitz, als man das von älteren Galás-Releases gewohnt war, deren herbe Reize sich oft erst nach langer Arbeit offenbarten.

Hiermit wäre auch das Stichwort für das Hank Williams-Cover "I'm So Lonesome I Could Cry" gefallen. Jüngst von Nick Cave und Johnny Cash für das "The Man Comes Around"-Album des 'Man in Black' eingespielt, steht Diamanda Galás' Interpretation im scharfen Kontrast zur lieblichen Version aus dem Hause Cave/Cash. Ihr stimmliches Potential ausreizend haucht, krächzt und schreit sich Galás durch den Song und macht ihn zu einer eindrucksvollen Klagenummer, bei der man am liebsten gleich in Tränen ausbrechen würde. Zartbesaiteteten Gemütern sei an dieser Stelle die Skip-Taste des CD-Spielers empfohlen.

Über weite Strecken von "La Serpenta Canta" schmeichelt Frau Galás den Zuhörern, gibt sich beinahe schon poppig. Ob Traditionals wie "Ain't No Grave Can Hold My Body Down" oder Coverversionen wie "Dancing In The Dark", Diamanda Galás trifft den richtigen Ton. So gelingt ihr die Gratwanderung zwischen Adaption und Interpretation mit einer leichten Natürlichkeit, die verzaubert.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Ain't No Grave Can Hold My Body Down
  3. 3. Burning Hell
  4. 4. Baby's Insane
  5. 5. I'm So Lonesome I Could Cry
  6. 6. Lonely Woman
  7. 7. Frenzy
  1. 1. Blue Spirit Blues
  2. 2. My World Is Empty Without You
  3. 3. I Put A Spell On You
  4. 4. At The Dark End Of The Street
  5. 5. Dancing In The Dark
  6. 6. Dead Cat On The Line
  7. 7. See That My Grave Is Kept Clean
  8. 8. Burning Hell (Reprise)

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