laut.de-Kritik

Subversion 2010: Der Wunsch nach ungeteilter Zuneigung.

Review von

Obwohl bereits 2007 der erste gemeinsame Song seit 1990 das Licht der Welt erblickte, schien ein neues Studioalbum der New Wave-Kultband Devo doch in etwa so wahrscheinlich wie ein Konstanzer Rock Am See-Line Up ohne Die Toten Hosen oder Die Ärzte.

Erst im Lichte der aktuellen Entwicklungen wird allmählich fassbar, was die Aztekentempelhutträger aus Ohio seither getrieben haben: Nicht nur tolle Musik komponiert, sondern, ihrem Kunst-Background Rechnung tragend, ein neues Konzept erarbeitet, das sich am prägenden Begriff "De-Evolution" orientiert.

Für die einst aus verschiedenen Kultur-Theorien zusammengepfriemelte Kernaussage, dass sich die moderne (amerikanische) Gesellschaft eher zurück- denn weiterentwickelt, wurde die Gruppe in den frühen 70er Jahren noch ausgelacht.

Heute lobt man ihren Schlachtruf zwar als visionär, gleichzeitig sieht sich die Band aber mit dem Problem konfrontiert, im Umfeld der heutigen Popkultur optisch und musikalisch kaum mehr als subversiv wahrgenommen zu werden. Daft Punk und Lady Gaga sind nur die bekanntesten Vertreter, die sich Teile Devos vordringlichster Errungenschaften (Synthie-Punk und Kostümierungsirrsinn) einverleibten.

Der Ausweg aus dem Dilemma: Rein in den Mainstream. So arbeitete das Quintett nicht nur eng mit der einst verhassten Industrie zusammen, sondern beauftragte zusätzlich Werbeprofis für eine groß angelegte Marketing-Aktion inklusive empirischer Zielgruppenanalyse, die öffentlichkeitswirksam und mit der bekannten Humorpeitsche auf offizieller Homepage, Facebook und Co. vorgestellt wurde.

Dabei durften Fans sowohl die Farben des Cover-Artworks, als auch die Songs und ihre Reihenfolge auf dem Album bestimmen. Subversion 2010: Der Wunsch nach ungeteilter Zuneigung, exakt konstruierte Perfektion, "Something For Everybody".

Ob man damit das Ziel erreicht hat, "aus den tausend Platten, die am 9. Juli 2010 erscheinen herauszustechen" (Mark Mothersbaugh), sei dahingestellt. Es müsste aber auch der nachgewachsenen Generation zumindest schwer fallen, die teilweise frenetischen Robot-Hits der neuen Platte nicht abzufeiern.

Gleich "Fresh" und "What We Do" schließen in modernem Gewand zu den großen Kultsongs der Gruppe auf, ohne die Devo-Handschrift (schriller Plemm Plemm-Gesang, pulsierende Rhythmen) zu vernachlässigen. Vielleicht war es der Sache zuträglich, dass von Santigold bis Greg Kurstin (The Bird and the Bee) unterschiedliche Künstler gebeten wurden, Devos fertige Songs fürs Album zu remixen.

Angeblich wäre Chefdenker Mark Mothersbaugh für die bewusste Veräußerung des eigenen Schaffens auch bereit gewesen, American Idol Adam Lambert die Songs einsingen zu lassen. Dieser Kelch geht (vorerst) an uns vorbei.

"Something For Everybody" liefert einen ausgewogenen Mix aus dem eckigen Synthie-Krawall ihrer Anfänge und der zunehmend melodiösen Ausrichtung der 80er Jahre, letzteres findet in der Quasi-Duran Duran-Ballade "No Place Like Home" leider einen unsäglich seichten Höhepunkt.

Ohnehin hätte man den Fans in einem Punkt auch mal widersprechen und das Album nach "Cameo" beenden können, um nichts als ein fettes Ausrufezeichen hinter dem Comeback stehen zu lassen.

Alles was davor kommt, hätte man den gealterten 50-Somethings in dieser Form sicher nicht zugetraut. Hierzu gehört auch das rasant-durchgedrehte "Don't Shoot (I'm A Man)" mit Gary Numan-Akkordakrobatik, das analog schiebende "Human Rocket" oder der 8-Bit-Bleep-Blonk von "Mind Games".

An David Lynch-Groteske erinnernde Werbefoto-Persiflagen (die im Booklet leider die Texte ersetzen) beschließen eine Rückkehr, an die die alten Kollegen der Gang Of Four demnächst erstmal rankommen müssen. Ob Devo analog zum wunderbaren Cover noch immer die ekligen Speichelfäden in einer auf Schein und Perfektion ausgerichteten Popkultur darstellen, ist da eher nebensächlich.

Trackliste

  1. 1. Fresh
  2. 2. What We Do
  3. 3. Please Baby Please
  4. 4. Don't Shoot (I'm A Man)
  5. 5. Mind Games
  6. 6. Human Rocket
  7. 7. Sumthin'
  8. 8. Step Up
  9. 9. Cameo
  10. 10. Later Is Now
  11. 11. No Place Like Home
  12. 12. March On

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