2. Mai 2005

"Warum muss der Gitarrist durch den Raum fliegen?"

Interview geführt von

Hansi Kürsch, Sänger von Blind Guardian und Demons & Wizards treibt sich auf dem Flughafen-Gelände Frankfurt in einem Hotel rum und bittet zur Audienz. Dass lässt sich die IG Metal-Fraktion Edele und Fischer natürlich nicht entgehen, auch wenn Kollege Fischer wegen seiner Höhenangst den Arsch im 10. Stock dicht an der Wand hält.

Hey Hansi, ich muss dich gleich mal vorwarnen, dass ich vielleicht gleich wild fluchend meinen Minidisc-Recorder an die Wand feuern werde. Gestern beim Sentenced-Interview hat er nämlich immer wieder den Geist aufgegeben.

Kein Problem, im Notfall können wir das Interview per E-Mail nachholen. Sentenced? Depressiv?

Wer, ich? Nö. Die Jungs von Sentenced? Am Telefon zumindest auch nicht, die sind da eigentlich sehr witzig.

Das hab ich auch gehört. Ich hab sie zwar einmal getroffen, da hat sich aber leider kein längeres Gespräch ergeben. Aber die sind meistens ja auch sehr hochprozentig, was ich so gehört habe.

Anders bekommt man normalerweise einen Finnen auch nicht zum Reden. Aber lass uns doch zum Thema kommen. Nach fünf Jahren gibt es tatsächlich wieder ein neues Demons & Wizards Album. Wie lief es denn dieses mal ab, habt ihr die Songs tatsächlich zusammen geschrieben oder arbeitet jeder für sich an seinen Sachen?

Wir haben einen Großteil der Songs voneinander getrennt geschrieben. Die Aufgabenverteilung war so ähnlich wie bei der ersten Scheibe, was bedeutet, dass Jon die Basics und Arrangements erstellt hat, und ich die Gesänge ausgearbeitet habe. Wenn notwendig, habe ich die Arrangements ein wenig verändert, um sie meinen Ideen besser anzupassen. Danach haben wir uns in Indiana getroffen, wo wir die schon bestehenden beendet und ein paar neue, gemeinsam geschrieben haben. Wir haben im Proberaum in einer klassischen Bandsituation noch zwei Songs geschrieben, und im Studio ist spontan noch die akustische "Wicked Witch"-Nummer entstanden. Es ist sehr angenehm und einfach für mich, mit Jon zu arbeiten. Er stellt den Bärenanteil an Riffs, und ich bringe die Gesangslinien ein. Bei "Crimson King" kam es vor, dass wir keinen geeigneten Chorus hatten, und ich sagte ihm dann: "Leg mir mal was Blind Guardian-mäßiges vor", was er getan hat, und ich habe dann einen Chorus gebastelt. Ich habe quasi bestellt und Jon geliefert, hahaha.

Kann es sein, dass "Crimson King" eigentlich eine Iced Earth-Nummer werden sollte?

Klingt zumindest so, nicht wahr? Deswegen hab ich ihm wohl auch gesagt, dass ich einen Blind Guardian-Chorus haben wollte, hahaha. Der Song ist trotz allem am meisten gewachsen. Anfangs hatte er ein ganz klassisches Iced Earth-Arrangement, und wir haben dann so lange daran rumgespielt, bis er doch ein wenig mehr auch von mir mitbekommen hat. Das Iced Earth-Feeling ist natürlich immer noch enorm, aber das ist einfach Jons Art. Eine für meinem Geschmack perfekte Symbiose aus Blind Guardian und Iced Earth ist "The Gunslinger". Da war mir auch schon nach dem ersten Hören klar, wie mein Gesang zu klingen hat.

Wo habt ihr das Album aufgenommen? Wie das letzte auch, in Tampa?

Ja, wir waren wieder bei Jim Morris im Morrissound Studio. Er hat das Album gemixt und produziert und auch ein paar Sologitarren aufgenommen. Das in "Seize The Day" z.B. ist von ihm. Der Kerl ist verdammt fit an der Gitarre und vor allem schnell, wenn's ans Aufnehmen geht. Seine Soli sind nie sonderlich lang, aber er holt aus ihnen das absolut Beste raus. Jim kommt ursprünglich aus dieser 70's Rock-Schiene und bringt das verstärkt in sein Spiel mit ein.

Wer hat außer euch sonst noch auf dem Album mitgespielt?

Bobby Jarzombek hat die Drums eingespielt, und Jon hat in etwa die Hälfte der Bassspuren übernommen. Die andere Hälfte hat ein Kerl namens Rubin Drake übernommen, der irgendwo aus der Tampa-Szene stammt und auch so Fusion-Zeugs spielt. Der hat ein paar ziemlich abgefahrene Läufe zu den Songs beigesteuert. Das Geile daran war aber, dass der Typ von der Mimik genauso aussah wie Oliver Holzwarth [Live-Basser von Blind Guardian und auch wieder mit Sieges Even aktiv], wenn er Bass spielt.

Das heißt, er grinst sich einen und sieht ansonsten aus, als ob er sich gerade ein Brot schmiert!

Genau, und der Kerl hatte nur zwei Abende für seine Bassläufe. Am ersten Abend habe ich Jon mal darauf angesprochen, ob ihm das auch auffällt, da er Olli auch kennt. Er sagte nur: "Nö, hab eich aber auch nicht drauf geachtet." Am zweiten Abend kam Jon dann zu mir und meinte dann: "Verdammt, du hast Recht!" Hahaha.

Wenn du Gesangslinien für Demons & Wizards schreibst, gehst du da anders ran als bei Blind Guardian?

Ich versuche es zumindest. Beim ersten Album war das noch nicht so der Fall, aber dieses Mal habe ich schon versucht, eher auf die Songs hin effizient zu arbeiten. Ich habe definitiv versucht, wieder mehr Solo-Gesänge zu haben und etwas von diesen ganzen Bombast-Chören wegzukommen. Das ist eine Erfahrung, die ich mit der letzten Blind Guardian-Scheibe gemacht habe. Dort waren die Kompositionen einfach so kompakt, dass du mit Lead-Gesängen nicht arbeiten konntest. Das ist uns aber erst bei den Aufnahmen und der Produktion aufgefallen. Diese Problematik wollte ich auf "Touchd By The Crimson King" auf jeden Fall vermeiden. Das geht bei Demons & Wizards aber auch wesentlich einfacher.

Liegt der Scheibe ein textliches Konzept zugrunde? "Crimson King", "Terror Train" und "The Gunslinger" sind ja wohl eindeutig von der "The Dark Tower-Saga" beeinflusst.

Ja klar, die drei Nummer beziehen sich direkt darauf, und auch das Cover ist darauf aufgebaut. Wenn man das Digipack hat, kommt man da schon drauf, dass da einige Andeutung sind. Ansonsten liegt kein zusammenhängendes Konzept vor.

Das Thema habt ihr ja bei Blind Guardian auch schon aufgegriffen, nämlich auf "Somwhere Far Beyond".

Ja, aber dann gab's ja auch länger keine Stories mehr, außer "Glass", und das fand ich nicht so toll.

Ich auch nicht, aber die drei neuen sollen ja auch nicht so der Brüller sein.

Oh doch, ich finde die genial. Alle sieben finde ich absolut super, auch wenn sich "Glass" einfach zu sehr in die Länge zieht. "Wolves Of The Calla" ist auch ein wenig langatmig, aber die anderen beiden ["Song Of Susannah" und "The Dark Tower"] sind einfach genial. Man muss allerdings schon auf Stephen King stehen.

Ich mag King eigentlich schon und war auch von den ersten drei Büchern begeistert, aber "Glass" war einfach so was von stinklangweilig, dass ich seitdem sehr skeptisch in Bezug auf ihn bin.

Ich war jedenfalls begeistert, und zwar so sehr, dass ich mir dachte, dass ich spätestens auf dem nächsten Blind Guardian-Album das Thema wieder aufgreifen muss. Dann kam aber gerade "The Dark Tower" raus, als ich in den Staaten war, und da noch ein paar Texte fehlten, musste King eben wieder als Inspirationsquelle herhalten, hahaha. Das lief alles sehr spontan. Ganz im Gegensatz zu "Beneath These Waves", an dem ich mir wirklich die Zähne ausgebissen habe. Das war eine ganz schwere Geburt, genau wie "Seize The Day".

Um welchen "Dorian" geht's denn beim gleichnamigen Song? Dorian Gray oder Dorian Hawkmoon?

Dorian Gray. Hieß Hawkmoon Dorian mit Vornamen? Wusste ich gar nicht mehr, ist einfach schon zu lange her, dass ich Michael Moorcock gelesen habe. Die Stories von dem Mann finde ich auch absolut großartig.

Auf jeden Fall, am meisten hat mich die Elric-Saga fasziniert.

Ich fand Hawkmoon eigentlich besser. Elric war gut, Corum war super, aber du hast recht, Elric war als Charakter schon genial. Der Schluss war aber einfach zu traurig, hahaha. Aber der Charakter selbst war ja schon so was von melancholisch und düster.

Das Großartigste war immer, wenn sich etwa in der Mitte aller Bücher die unterschiedlichen Inkarnationen des Eternal Champions für den selben Auftrag getroffen haben, er aber aus der jeweiligen Sicht des Einzelnen erzählt wurde.

Stimmt, ich hab mir auch im Nachhinein so viele Elric-Bücher geholt, in denen es dann irgendwie weiter ging, aber die hatten einfach nicht mehr den Flair der ersten Bücher. Gerade "At The End Of Time" kommt in keiner Weise an die anderen Bücher heran.

Wie seid ihr eigentlich gerade auf den "Immigrant Song" von Led Zeppelin als Coverversion gekommen?

Das fing damit an, dass wir uns auf keinen Song einigen konnten. Wir wollten aber eine Coverversion machen und haben letztendlich festgestellt, dass "Immigrant Song" das einzige Stück von Led Zeppelin ist, das Jon richtig gut findet. Ich persönlich finde Zeppelin total super und hätte jeden anderen Song covern können, aber das war schon immer einer meiner Lieblingstracks. Irgendwer hat den Titel mal in die Runde geschmissen, und da wir nicht mehr viel Zeit hatten, einigten wir uns schließlich auf den Song. Ich hatte ursprünglich eine Nummer von Alice Cooper vorgeschlagen, die wäre aber zu aufwendig gewesen. Jon hat die Nummer eine Oktave tiefer gelegt, und das ließ sich auch mit meinem Gesang gut machen. Eigentlich war er nur als Bonus-Track gedacht, aber wir hatten sowohl mit "Lunar Lament" und "Spatial Architechs" so unsere Probleme, dass die beiden Sachen nun auf der Limited-Edition gelandet sind und "Immigrant Song" auf der regulären CD.

Ihr dreht im Mai/Juni auch ein Video zu "Terror Train". Wird das auch auf der Limited-Edition stehen?

Nein, kann ich mir nicht vorstellen. SPV gehen jetzt in Produktion, das Booklet und alles ist fertig, da ist das wohl nicht mehr machbar. Das ist dann was für ein drittes Studioalbum als Special oder für ein Live-Album. Dass wir damit großartig auf Rotation gehen, glaube ich zwar nicht, aber das ist so eine Ego-Sache, hahaha. Wenn du die Möglichkeit hast, ein Video zu machen, willst du die natürlich auch wahrnehmen. Vor allem willst du etwas machen, das endlich mal dem Song und dem Text gerecht wird, und das Konzept, das uns vorliegt, tut das zumindest ansatzweise. Da sind zwar noch zwei, drei Sachen drin, die ich als cheesy empfinde, aber nun gut. Warum muss der Gitarrist beim Solo durch den Raum fliegen, oder warum muss der Sänger am Schluss von einer Zugbegleiterin geweckt werden, die riesige Hupen hat? Das sind so ein paar Sachen, die ich nicht haben muss, aber das war schon bei Blind Guardian immer so und bei Iced Earth ebenfalls. Ansonsten bin ich aber sehr zufrieden damit, denn der Zug und die Wastelands sind immerhin gut dargestellt. Da denke ich mir dann: "Hey, das kann ich mir angucken". Und ich sehe vielleicht noch nicht mal scheiße aus. Vielleicht, hahaha!

Ich finde das auch immer furchtbar, wenn man in den Videos immer nur die Band irgendwo stehen und zu Playback spielen sieht. Vor allem, wenn der Text noch eine interessante Aussage hat, ist das wirklich ärgerlich.

Meistens scheitert das einfach am Geld, aber inzwischen sind viele Video-Produzenten auch für kleinere Budgets offener geworden. Mit der heutigen Computertechnik lässt sich auch viel mehr realisieren. Als wir "Mr. Sandman" gemacht haben, wurden Unmengen an Geld für Blödsinn ausgegeben. Bis auf "Bright Eyes" waren alle Produktionen relativ Low-Budget. Wenn die dann scheiße aussehen, sage ich ja nix. Aber wenn das teuer wird, dann ist es richtig ärgerlich, wenn dabei nur Mist rauskommt. Wir fanden das Konzept scheiße, die Plattenfirma fand es richtig toll. Im Endeffekt haben wir recht behalten.

Wie wird es weiter gehen, wenn du mit der Promotour durch bist?

Als nächstes stehen die Aufnahmen für Blind Guardian an. Wenn alles gut läuft, könnte man überlegen, im Dezember oder Januar mit Demons & Wizards ein paar Shows zu spielen. Da müsste aber wirklich alles perfekt laufen. Jon will allerdings auch nicht früher auf Tour gehen, weil er zum einen gerade Vater geworden ist, zum anderen wegen seinem Rücken. Das Problem wird nie ganz weggehen, aber er ist seit der letzten OP wenigstens schmerzfrei.

Wenn du die Blind Guardian-Produktion schon ansprichst, drängt sich die Frage auf, mit welchen Drummer. Thomen hat sich ja vor ein paar Tagen offiziell verabschiedet.

Das steht noch in den Sternen. Wir haben ein paar Optionen offen, aber entschieden ist noch nichts. Es wird ein paar Auditions geben, und dann sehen wir weiter.

Ist Alex [Holzwarth, Bruder von Oliver] in der engeren Wahl?

Klar. Alex ist auf jeden Fall eine unserer ersten Adressen. Es gibt ein paar, die auf dem gleichen Level stehen, aber bei Alex wissen wir einfach, dass es menschlich klappt. Wir haben ja schon das ein oder andere Konzert zusammen gespielt und kennen uns von daher gut. Er ist technisch sicher ein besserer Drummer als Thomen, hat aber natürlich nicht die Eigenheiten von Thomen, die auch zum Blind Guardian-Sound beigetragen haben. Die muss er sich erst mal draufschaffen. Es gibt zwei, drei andere, die auch passen würden, aber wir werden sehen.

Was hat eigentlich letztendlich zum Split geführt?

Das hat sich über die letzten zwei, drei Jahre so entwickelt. Wir haben uns tatsächlich im klassischen Sinne auseinander gelebt, wie in einer Beziehung. Das hätte früher oder später zu zwischenmenschlichen Komplikationen geführt, die wir unbedingt vermeiden wollten. Der Teamspirit war irgendwie weg. Da kann man aber niemanden für verantwortlich machen, das hat sich einfach so entwickelt. Thomen will auf eigenen Füßen stehen, und ich denke, er geht da seinen Weg. Vielleicht muss er sich auch ein wenig selber finden, aber ich denke, er weiß schon genau, was er tut.

Das ist aber der erste Besetzungswechsel in eurer Bandgeschichte, wenn man mal von Olli am Bass absieht. Bei Iced Earth sieht das ganz anders aus, das ist ja ein Kommen und Gehen. Ist es so schwierig, mit Jon zu arbeiten?

Nein, absolut nicht. Meistens waren das durchaus berechtigte Rauswürfe. Es ist sogar sehr einfach, mit Jon zu arbeiten, du musst nur deine Hausaufgaben gemacht haben. Sonst wird er recht schnell nervös. Das gilt für mich jetzt nicht so sehr, da wir eben partners in crime sind, aber bei Gastmusikern kommt er schnell mal aus der Ruhe. Die müssen einfach funktionieren, und wenn er eben einen Drummer in der Band hat, dann soll der gewisse Vorgaben auch erfüllen. Während der Aufnahmen gab es eine einzige Situation, in der Jon etwas ungehalten wurde. Ich habe zu der Zeit gerade die Akustik-Sache bei "Beneath These Waves" zuende konzipiert, bei der zwei Gesänge parallel laufen. Das hat wohl Jons Vorstellung nicht unbedingt entsprochen ... und da verkrampfte er dann sehr schnell, hahaha. Das ist dann sehr lustig zu beobachten, vor allem wenn du weißt, dass du ihn noch ein wenig mehr leiden lassen kannst, wenn du es einfach bis zum bitteren Ende durchziehst, hahaha. Wir haben uns dann aber auf etwas Ähnliches geeinigt. Das war aber herrlich, denn du hast es Jon so deutlich angesehen, wie er gelitten hat und immer mehr verkrampfte.

Da dein Tourmanager inzwischen auch schon ein wenig verkrampft dreinschaut, beenden wir das Interview nun also. Danke für das Gespräch - wir sehen uns hoffentlich zur nächsten Blind Guardian-Promo wieder.

Na das will ich doch hoffen.

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