laut.de-Kritik

Auf der Hüpfburg sind wir alle gleich.

Review von

Der dadaistische Rap-Kindergeburstag Deichkind lädt erneut zur Audienz auf dem Narrenschiff. Los, Kinder! Jetzt alle zusammen: "Niveau Weshalb Warum", so lautet die Marschrichtung. Die Formel: wirr verschwörerische Texte mit saftigen Beats und eine aberwitzige Live-Show, bei der selbst HGich.T mehr so wie Chorbuben rüberkommen: Man wird ihr einfach nicht überdrüssig.

"So'ne Musik" überzeugt mit derben Synths und reduzierten 808-Beats, während der Text neben dem Hitpotenzial auch mit Witz und Intellekt aufwartet ("Wir drücken die ganze Nacht auf die 808 und bau'n uns Papierflieger aus den Noten von Bach"). Den Generalbass haben Ferris und Konsorten aber zum Glück nicht verpapierfliegert und in ihre Instrumentals herübergerettet.

"Like Mich Am Arsch" hechelt die allgegenwärtige Selbstdarstellungssucht in den sozialen Netzwerken durch. Geschenkt, möchte man zuerst denken, wird dann durch in Stein gemeißelte Zeilen wie "Sascha Lobo My Ass, Peter Lustig ich komme" eines Besseren belehrt. Hat sich das nicht sowieso jeder insgeheim schon einmal gedacht? Der übertrieben beschwingt vorgetragene Refrain taugt übrigens definitiv zum Ohrwurm.

"Porzellan Und Elefanten" bewegt sich musikalisch gefährlich nah am Deep House vom Kaliber eines Robin Schulz, kriegt dann aber doch noch die Kurve. Hymnen sind ja schon immer okay. Der flammend schnulzende Text, eine Ode an die Liebe, die Gegensätze und alles: Rap-Schlager für die Festivalbühnen, das ist ganz schön ausgebufft.

Aber keine Angst, dies bleibt ein Exkurs. Der Titelsong "Niveau Weshalb Warum" hämmert nämlich sodann mit Sesamstraßenrap-Zitaten knallharte Kick- und Loop-Samples in Richtung Wiener Sängerknaben: "Wie heißt das Zauberwort? Aldi, Aldi!"

Die Eingemeindung von New Wave, Italo Disco, Trap und Oldschool House trägt entscheidend zum Gesamtkunstwerk bei: das Beste der 80er, 90er ... Auch, wenn Arbeit zuweilen nervt: Die Produzenten hatten offensichtlich Spaß an ihr.

Politisch unkorrekt, schlechte Leberwerte, Chips statt Reiswaffeln und dem Volk aufs aberwitzigste aufs Maul geschaut: Deichkind verkörpern die modernen Hofnarren, die zudem eine wodkabullwampengroße Identifikationsoberfläche offerieren.

Zuweilen erinnern sie sogar an große Vormacher dieser Haltung. In "Powered By Emotion" etwa flackert Falco durch den Diethyläther. "Oma Gib Handtasche" setzt auf Fanfaren und scootereskes Diggidi-Instrumental und lässt einen über dem tiefenbedeutsamen Titel verzweifeln.

Der Erfolg ist den Recken aus Hamburg mit "Niveau Weshalb Warum" jedenfalls so gut wie sicher. Ob im Feuilleton, auf dem Splash! oder beim SonneMondSterne: Auf der Hüpfburg sind wir alle gleich.

Trackliste

  1. 1. So'ne Musik
  2. 2. Denken Sie Groß
  3. 3. Like Mich Am Arsch
  4. 4. Powered By Emotion
  5. 5. Porzellan Und Elefanten
  6. 6. Was Habt Ihr?
  7. 7. Mehr Als Lebensgefährlich
  8. 8. Der Flohmarkt Ruft feat. Herr Spiegelei
  9. 9. Naschfuchs
  10. 10. Die Welt Ist Fertig
  11. 11. Niveau Weshalb Warum
  12. 12. Hauptsache Nichts Mit Menschen
  13. 13. Oma Gib Handtasche

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9 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Steht Deichkind drauf und ist Deichkind drin. Gesellt sich jedenfalls im vertrauten Stil zu den letzten beiden Alben. Dicke fette Synthies, harte Beats, dazu Texte die typische Deichkind Themen behandeln - Fettleibigkeit, Faulheit, Egoismus, Dummheit, Wahnsinn, Protz, ja alles, was den Menschen halt so ausmacht. Dabei wird gewohnt gekonnt nicht groß mit dem Finger gezeigt, sondern eher analytisch betrachtet und mit Textwitz beschrieben wie eigenartig wir eigentlich sind. Obwohl meist blöd, oft irgendwie leider auch geil.

  • Vor 3 Jahren

    Finde solche Wortspiele ja schon lange sehr ätzend, aber das hier hat was.

  • Vor 3 Jahren

    OMA GIB HANDTASCHE !
    selbst beim fuenften album haben die jungs nur scheisse im kopp. herrlich. gut dass der autor deichkinds genie erkennt und es nicht wie aufstand im schlaraffenland mit einem punkt abstraft.