laut.de-Kritik

Die Foo Fighters machen auf Bee Gees. Zum Glück geht wenig schief.

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Die Foo Fighters sind nicht dafür bekannt, sich allzu sehr außerhalb der eigenen Komfortzone zu bewegen. Auch wenn ihre letzte Platte "Medicine At Midnight" an manchen Stellen mit einem leichteren Disco-Sound überraschte, erwartete einen dennoch vor allem wieder die alt bewährte Rock-DNA der Band.

Im Rückblick lassen sich diese Disco-Anleihen als ein erster Hinweis auf das deuten, was mit "Hail Satin" jetzt Wirklichkeit wurde. Unter dem Deckmantel ihres neu erschaffenen Alter-Egos Dee Gees tauschten die Foo Fighters nun kurzerhand ihre Jeans gegen bunte Party-Outfits und lieferten pünktlich zum Record Store Day ein zur Hälfte Disco-inspiriertes Bee Gees-Coveralbum mit fünf Hits der Gibb Brüder sowie weiteren fünf Livesongs vom letzten eigenen Album auf der B-Seite ab. Und obwohl Dave Grohl in der Vergangenheit bereits des Öfteren betonte, ein großer Fan der Bee Gees zu sein und den Pop, Rock, R'n'B und Funk der 70er zu mögen, war kaum vorherzusehen, dass sein Fanboy-Spirit so weit reicht.

Dennoch wissen die neugeborenen Disco-Rocker, wo ihre Grenzen liegen bzw. wie weit sie sich mit Bee Gess-Covern aus dem Fenster lehnen können. Auf den "Saturday Night Fever"-Soundtracks "You Should Be Dancing", "Night Fever" und "More Than A Woman" wagt die Gruppe keine großen Sprünge und geht so auch kein Risiko ein. Der Fingerabdruck der Foos bleibt neben der neuen Dee-Gees-Attitüde trotzdem erkennbar, da die Neuinterpretationen einen Hauch gitarrenlastiger und klanglich schwerer ausfallen als die Originale. Noch deutlicher kommen die musikalischen Wurzeln auf "Tragedy" zum Tragen. Während der Klassiker von 1979 vor allem auf Synths setzt, frönen Grohl und Co. lieber den fetten E-Gitarren.

Da die Bee Gees-Hommage auf musikalischer Ebene keine großen Überraschungen bereithält, rückt eine Sache umso mehr ins Spotlight: Grohls Falsetto-Gesangseinlagen. Doch was das Projekt hätte ruinieren können, bewirkt genau das Gegenteil, und man fragt sich, weshalb er dieses Talent bisher weitestgehend verborgen gehalten hat.

Dennoch bleibt der gelungenste Song des Albums ausgerechnet jener, bei dem Grohl das Mic an Drummer Taylor Hawkins abgibt. Zugegebenermaßen ist das von Andy Gibb geschriebene "Shadow Dancing" aber auch wie gemacht für Hawkins, dessen Performance abermals satte und erfrischende Chöre begleiten - rundum stimmiges Gesamtbild.

Die fünf Liveversionen ausgewählter "Medicine At Midnight"-Tracks, die die Band in Grohls Studio 606 neu aufnahm, bieten auf der B-Seite der Platte natürlich nichts Neues. Aber alles, was Aufmerksamkeit von der A-Seite abzieht, wäre ohnehin kontraproduktiv. Neben den polierten Studioaufnahmen liefern sie im rohem Jam-Feeling ein nettes Goodie oben drauf.

"Making A Fire" bietet sich an dieser Stelle mit seinem energiegeladenem Arrangement und arenareifen Chorus auf jeden Fall an. Auch das bewegende und gleichzeitig mitreißende Highlight der letzten Platte, "Waiting On A War", hat seinen Platz verdient. Die erste Single "Shame Shame" sowie das krachende, wenn auch wenig aufregende Doppel "No Son Of Mine" und "Cloudspotter" beschließen den Rundling.

Auf "Hail Satin" machen die Dee Gees wenig falsch. Mit Coverversionen kann man den Bogen zwar schnell überspannen. Hier dürfte sich aber die jahrzehntelange Erfahrung der Amerikaner auszahlen: Sie zollen den legendären Stücken der Gibb-Brüder den angemessenen Respekt. Die zusätzlichen Liveversionen tun auch keinem weh. Und so bleibt unterm Strich kein polarisierendes Projekt, sondern eine Platte für zwischendurch, die den Disco-Vibe der Bee Gees einfängt und eine Note Foo Fighters hinzufügt.

Trackliste

  1. 1. You Should Be Dancing
  2. 2. Night Fever
  3. 3. Tragedy
  4. 4. Shadow Dancing
  5. 5. More Than A Woman
  6. 6. Making A Fire
  7. 7. Shame Shame
  8. 8. Waiting On A War
  9. 9. No Son Of Mine
  10. 10. Cloudspotter

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7 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 10 Tagen

    Als ich den Clip zu "You Should Be Dancing" sah und hörte, war ich mir zum meiner eigenen Verblüffung ganz und gar nicht sicher, ob Mr. Grohl dieses Falsett wirklich drauf hat. Allerdings bei Dave Grohl in irgend einer Form an ein Fake zu denken, ist wohl ebenfalls im Grunde....undenkbar.
    Auf jeden Fall gefallen mir die Bee-Gees-Coversongs recht gut, den Rest muss ich noch ein wenig genauer unter die Lupe nehmen.

  • Vor 4 Tagen

    Ich dachte, dass das eine interessante Kombination sein könnte, würde beim Reinhören aber eines Besseren belehrt. Es klingt wie eine zweitklassige Coverband. Dave Grohls Stimme ist nicht für Falsettgesang gemacht. Da höre ich mir lieber die Originale an - oder die originalen Foo Fighters.

  • Vor 4 Tagen

    Wer ‚Hail Satin‘ ernsthaft musikalisch bewertet, der hat den Gag nicht verstanden, auf dem die ganze Chose gewachsen ist. Die sinnvolle Bewertung liegt daher eher im Subjektiven: findet man diesen Falsett Quark nun ulkig oder nicht, braucht es das ernsthaft auf Platte. Meine Antworten lauten in diesem Fall nein und nein.

    Vorab: ich schätze die Foo Fighters sehr, konnte mit allen Alben bis ‚In Your Honor‘ immer etwas anfangen. Aber: Es ist kein Geheimnis, dass die Foos spätestens nach ‚Wasting Light‘ nur noch eine ausgelutschte Stadion Truppe waren. Man kopierte sich immer öfters selbst, eine Pause oder gar Auflösung der Foos hätte keinen verwundert.

    Dave Grohls Umtriebigkeit sei Dank (oder auch nicht) wurde dies verhindert – nicht zuletzt, weil er mit Sonic Highways den musikalischen Radius vergrößerte und zum Rock’n’Roll Konservierer schlechthin avancierte. DG, mittlerweile der Museumsdirektor der Hall of Rock, machte damit für mich jedoch einen entscheidenden Fehler, den viele aufmerksamkeitsbedürftige Künstler irgendwann machen: er ging dem alten Grundsatz „Bigger is Better“ auf dem Leim und verlor dabei leider den Spirit, der einst die Initialzündung für den Weg vom Soloprojekt zum Headliner war. Es wäre schön gewesen, wenn auf ‚Wasting Light‘ eine intimere, progressivere Platte gefolgt wäre, ein ‚One By One‘ mit Josh Home an den Reglern.

    Stattdessen folgen seit Jahren groß angekündigte Frischzellenkuren, die mal hier ein bisschen funkiger und da ein bisschen abwechslungsreicher sein mögen, im Kern aber immer dasselbe bleiben. Dave mag es einfach zu sehr, gemocht zu werden, und ein Großteil seiner Fans, ebenfalls milde gealtert, wollen ja auch weiterhin fein vom ‚Nice Dude‘ abgeholt werden.

    Andere Künstler wagen im Herbst ihrer Karriere noch einmal einen Neuanfang, kappen die kommerziellen Leinen und segeln auf zu neuen musikalischen Ufern. Dave Grohl ist dagegen der Tausendsassa auf bekanntem Terrain, dreht (stinkelangweilige) Rock Dokus, battelt sich mit Kindern, covert Rick Astley und die Bee Gees, burnt eine Nirvana Legende nach der anderen, infiltriert die Sesamstraße und gibt jungen Bands Tipps, die er selbst früher nur mit einem gestreckten Stinkefinger belohnt hätte.

    Seien wir ehrlich: die Foo Fighters sind mittlerweile sowas wie die internationale Version der Toten Hosen – langweilig, berechenbar glatt und nur noch selten auf Höhe der Zeit. Beide haben extrovertierte Frontmänner mit Weird Daddy Attitude, beide covern mal schlecht, mal recht, beiden würde man nicht so ganz nachtrauern, würden sie sich noch heute auflösen.

    Unter Betrachtung all dessen ist ‚Hail Satin‘ nur ein weiterer logischer Schritt in die ultimative Verclownung einer hin und wieder großen Rock Band. Mir tun jetzt schon die Leute leid, die sich zukünftig live diesen Disco Ulk geben müssen, während man eigentlich auf ein paar alte, unbekanntere Nummern als Zugabe gehofft hat.