laut.de-Kritik

Zu lange mit Soulfly auf Tour gewesen?

Review von

"Auflösen! Namen ändern! Ihr beschmutzt das Ansehen von Ex-Bandmitglied Peter Plauze!" Diese oder ähnliche Angriffe darf sich so manche Band gefallen lassen, die das Pech hatte, einen oder mehrere wichtige Musiker zu verlieren. Natürlich, seit Sankt Zuckerberg vom heiligen Gipfel herabstieg und uns das Seelenheil in Form einer sozialen Plattform brachte, auf der man so schön herumpöbeln kann. Decapitated können davon ein Liedchen singen.

2007 geriet die polnische Band in einen Autounfall, der Schlagzeuger Witold "Vitek" Kiełtyka das Leben kostete und Sänger Adrian "Covan" Kowanek ins Koma beförderte. Er wachte zwar wieder auf, verließ das Line-Up aber anschließend. Gitarrist Wacław "Vogg" Kiełtyka wollte im Sinne seines Bruders weitermachen und stellte eine neue Band zusammen, die seitdem teilweise richtig angefeindet wird. Zuweilen erreicht das Rumgehasse Inflames'sche Dimensionen.

Dabei sprachen die Alben seit der Neuausrichtung eine deutliche Sprache. "Carnival Is Forever" und "Blood Mantra" sind zwei Brecher allererster Kajüte, wenn es um rhythmischen, gleichzeitig ein wenig vertrackten und atmosphärischen Death Metal moderner Prägung geht. Umso gespannter durfte man auf "Anticult" sein - und umso größer gerät die Enttäuschung.

Wer weiterhin auf eine Rückkehr zu "Winds Of Creation"-Zeiten wartet, kann direkt weitergehen. Liebhabern der letzten beiden Alben muss man trotzdem ein Reinhören dringend anraten. Decapitated haben den Core-Anteil in ihren Songs leider deutlich erhöht und kommen stumpfer und weniger interessant rüber. Möglicherweise waren sie auch zu lange mit Soulfly auf Tour.

Deren stupides Rumgebolze der letzten Jahre setzt sich im Sound der Polen ziemlich deutlich fort. "Kill This Cult" könnte in seiner Langweiligkeit von Max Cavalera stammen. Frontbrüller Rafał Piotrowski bemüht sich denn auch redlich, wie eine Kopie des Brasilianers zu klingen. Früher besaß der Mann mehr eigene Identität. Wenige Griffe und stumpf nach vorne ballern, das kann funktionieren. Auf diesem Album allerdings nur selten. Die ersten paar Songs rauschen gleichförmig vorbei.

"Eines unserer Songwriting-Ziele war es, nicht zu viel zu denken", erzählt Vogg in einem Interview. Man merkt es. Ganz schick grooven sich die Polen zwar durch "One-Eyed Nation", aber auf Länge gesehen überzeugt auch dieser Song nicht wirklich. Die auflockernden Blastbeasts erscheinen schon fast wie eine Erlösung, weil sie vom simplen Riff ablenken.

Bessere Stücke finden in der zweiten Halbzeit der Platte statt. Vor allem der vorab schon bekannte Knüller "Earth Scar" zieht Parallelen zu den beiden Vorgänger-Alben und besticht mit abwechslungsreicher Struktur. Auch "Anger Line" und "Never" mit einer Art Breakdown zwischendurch ziehen mehr vom Brot als alles in der ersten Hälfte von "Anticult".

Mit "Amen" fällt den vier Deathern ein origineller Schluss ein, das muss man ihnen lassen. 35 Minuten ballert das Album auf höchster Flamme. Der Abschluss-Song nimmt dann das Tempo raus und überrascht mit einer lupenreinen Doom-Stimmung. Unterm Strich bleibt aber eine durchwachsene Platte, ausgebremst von ihrer schwächeren ersten Hälfte.

Trackliste

  1. 1. Impulse
  2. 2. Deathvalulation
  3. 3. Kill The Cult
  4. 4. One-Eyed Nation
  5. 5. Anger Line
  6. 6. Earth Scar
  7. 7. Never
  8. 8. Amen

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2 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 2 Jahren

    Decapitated waren nie mit soulfly auf Tour, war zwar angekündigt vor zwei oder drei jahren, musste aber abgesagt werden. Das Album nehme ich auch anders wahr: ich finds von Anfang bis Ende durchweg gut bis sehr gut und damit besser als blood Mantra. Technik Anteil natürlich (noch weiter) zurück gefahren, dafür gibt es aber mehr Atmosphäre, coole Soli und rauere Stimmung. Und voggs Gitarren Sound ist göttlich!
    Decapitated leiden mmn unter derselben Kritik wie opeth, gojira und viele andere: entwickeln sich stark weiter, können aber viele alte Fans nicht mitnehmen. Schade. 4/5 für mich.

    • Vor 2 Jahren

      Vollkommen richtig. Und selbst wenn sie mit Soulfly auf Tour gewesen wären, klänge "Anticult" nicht nach Soulfly, was ja die Kopfzeile implizieren soll. Von Herrn Schmidt habe ich irgendwie mehr erwartet.

  • Vor einem Jahr

    Ich find's auch geil, Blood Mantra evtl. etwas besser. Aber ich finde die um Welten besser als Soulfly. Technisch hochwertig mit Groove, der Sänger perfekt für die Mucke. Ich warte schon auf das nächste Album.