laut.de-Kritik

Abgedrehter Psycho-Rock allererster holländischer Sahne.

Review von

Ein Gedankenspiel: Tom Waits hat einen unehelichen Sohn. Nein, zwei Söhne. Einer davon landet durch Zufall in der kalifornischen Wüste und entsagt der musikalischen Vision seines Vaters. Dreht Gitarren durch Bass-Amps und verdient sich mit Kyuss und QOTSA den Status des Alternative Rock-Gottes. Der zweite kommt nach Holland, tanzt mindestens so gern in der Disco wie er in verstaubten Holzhütten an Lofi-Sounds bastelt und gründet De Staat.

Zugegeben, das klingt schwer nach Fiebertraum eines Schreiberlings, der händeringend einen originellen Einstieg sucht. Aber werfen wir dann noch Jack White, Songs über Ratten, Serienmörder und die systematische Verspeisung der Farmtiere von Old McDonald, einen rohen Scheiß-auf-Produktion-Sound und eine Portion rustikale Schrulligkeit in den Mix, sind wir bei "Machinery". Ein teuflisches musikalisches Gebräu, das es verdient hätte, als erfolgreicher Export aus dem Land der Holzschuhe und gelben Nummerntafeln zu reüssieren. Und ja, richtig gehört. Verspeisung der Farmtiere.

So verrückt das alles klingt, so wunderbar fügen sich die einzelnen Bausteine auf dem Zweitling von De Staat zusammen. Mit einer bratenden Gitarrenbreitseite und treibenden Rhythmen eröffnet "Ah, I See" noch mit leicht angezogener Handbremse, bevor Geisterchöre über einen hinwegfegen und dann mit fast verhöhnender Frechheit eine Fußballtröte die erste Hookline bläst. Das unabdingbare Abgleiten in komplettes Krachchaos vermeiden die Holländer trotzdem schlau, sogar für ein "Avon"-ähnliches Drumsolo war Platz.

Dass das reduzierte Arrangement gleichzeitig Schlüssel zum Erfolg und Rettungsleine vor dem Artrock-Nirwana ist, zeigt auch "Sweatshop". Die Rhythmusgitarre beschränkt sich auf ein paar Auszucker über den spärlichen Beat, zugleich ist die Tanzfläche stets nur einen Baskenmützenwurf weit entfernt, also bleibt genug Zeit für lustiges Hampeln im Takt. Da wird man gerne von jedem noch so überraschenden Break auf dem falschen Fuß erwischt.

"Old MacDonald Don't Have No Farm No More" kommt mit noch wenigeren Instrumenten aus, Stampfen und Klatschen sorgt für genügend Alarm, bevor gegen Ende ein ohrenauswaschender Synthiebass doch noch das Genick Richtung Boden schiebt. Die Lyrics sind allerdings nicht gerade was für den Tierschutzverein. Manch schlauer Zeitgenosse wird sich schon ausgemalt haben, warum der alte MacDonald jetzt wohl keinen Streichelzoo mehr hat. Wahnwitzige Eingängigkeit als Schlachtanleitung, das gibt's nur in Holland.

Sich zur Albummitte hin noch auf irgendeinen Stil einzuschießen, hätte sowieso keinen Zweck mehr. Im lässigen Wüstenfunker "I'm A Rat" singt (scheinbar) Prince über ein Paradebeispiel an simplem, aber dichtem Songwriting, "Keep Me Home" schleppt sich mit Celli und Akkordeon träge über einen verlassenen Vergnügungspark, wo wieder der anfängliche Geisterchor auftaucht. Schon lange ist die düstere Seite von Tom Waits' Soundcollagen allgegenwärtig, auf diesem Track ganz besonders. Die immer leicht schräge Atmosphäre fesselt wie schon lange nicht mehr.

Aus ihrer recht verstörenden und deshalb so einnehmenden Psycho-Ecke kommen sie auch in "Tumbling Down" nicht mehr raus. Mit sich verschiebenden Rhythmen, Falsett-Gesängen und kurzen Soli-Einwürfen von verfremdeten Gitarren sind sie weitab der Norm unterwegs, auch wenn wenige Sekunden später wieder der steppende Offbeat (natürlich nicht ohne Zirkus-Melodie als Gitarrenlicks) regiert ("Psycho Disco"). Faszinierend ist der Ideenreichtum und Mut, besonders gegen Ende hin.

Grandios staubige Desert Session-Riffs in "Rooster-Man" führen dann dem letzten Zweifler eine Verbrüderung im Geiste mit Mr. Homme vor Augen, bevor "Serial Killer" als rhythmische Gehörschulung mal so nebenbei den Groove des Jahres raushaut. Fetter Funk-Brecher? Check!

Und, und, und. Den Holländern gelingt ein Lehrstück zwischen Experiment und Eingängigkeit. Wer meint, Rockmusik sei heutzutage zu generisch, vorhersehbar und lahmarschig, dem sei eine tägliche Dosis De Staat empfohlen. Euch kann geholfen werden!

Trackliste

  1. 1. Ah, I See
  2. 2. Sweatshop
  3. 3. I'll Never Marry You
  4. 4. Old MacDonald Don't Have No Farm No More
  5. 5. I'm A Rat
  6. 6. Keep Me Home
  7. 7. Tumbling Down
  8. 8. Psycho Disco
  9. 9. Rooster-Man
  10. 10. Serial Killer
  11. 11. Back To The Grind

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT De Staat

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? In den Niederlanden treibt ein gewisser Torre Florim sein musikalisches Unwesen. Dieser Herr …

8 Kommentare