laut.de-Kritik

Blut ist dicker als Rock.

Review von

Was haben Künstler wie Oasis, die Kings Of Leon, Haim und Angus & Julia Stone gemeinsam? Alles sind Geschwister, die miteinander musizieren. Legen sie auch ihre Stimmen übereinander, spricht man von Blood Harmony. Einem Phänomen, wenn durch die Blutsverwandschaft besonders innige Gesangsharmonie entsteht. Dave Hause singt und schreibt seit Jahren schon mit seinem kleinen Bruder Tim, mit betörendem Resultat. Daher ergibt es nur Sinn, dass das fünfte und danach betitelte Dave Hause-Soloalbum sein bislang ruhigstes Album ist, um diesen Harmonien den entsprechenden Raum zu geben.

Als die beiden Brüder sich in den Anfangsmonaten 2021 jeden Freitag an den beiden Küsten Amerikas mit Gitarren vor ihre Laptops platzierten, war die Welt auch eine andere als beim letzten Album "Kick" 2019. Türmte sich da noch der Unmut über die politische Situation, gepaart mit dem dadurch geprägten Umgang mit mental health, schlägt "Blood Harmony" andere Töne an. Denn vor allem ein Lebensereignis im Hause Hause dominiert dieses Album: Die Geburt seiner Zwillingssöhne.

Mit "Northstar" und "Little Wings" beginnt und endet er mit direkten, leisen Akustik-Oden an seinen Nachwuchs. Familie stellt ein zentrales Thema auf dem Album dar; aber auch Dinge, die uns zusammenhalten, wenn man – Lockdown-bedingt – seinen Alltag als tourender Musiker zusammenfalten konnte.

Waren die früheren Songs oft nur leise gespielte Punkrocker, promovieren sie auf Blood Harmony neu zu astreinen Country- oder Folknummern, mit Mandolinen, Slidegitarren und hüpfendem Bass, am deutlichsten spürbar im augenzwinkernden Feelgood-Schnipser "Surfboard". Nashville als Aufnahmeort mit lokalen Szenegrößen, die unter anderem mit Springsteen, Brandi Carlile oder Sheryl Crow spielen, drückt dem Sound klarerweise seinen Stempel auf, gleichzeitig verschafft es den Songs eine ungemein passende Wärme.

Wirklich lauter wird’s nur drei Mal: "Sandy Sheets”, eine von zwei Uptempo-Nummern, lässt durch seine klimpernden Keyboards The Hold Steady mit The Cure entspannt am Strand von New Jersey entlanglaufen, mit Hauses schon fast traditioneller Nostalgie im Schlepptau. "Let me remember you, when it was easy" croont er.

"Plagiarist" ist ein straighter, reduzierter Rocker über die Möglichkeiten, sich ein besseres Leben leisten zu können. Noch zwingender schickt das Album die dritte 'laute' Nummer ins Rennen um die Highlights: "Snowglobe" besticht mit einem rumpelnden laut/leise-Groove, einem mitreißenden Refrain und einer typischen Lockdown-Zeile wie "I think I caught you on a bad day / in a bad week / on a bad month / of a terrible year".

Mit sich im Reinen zu sein, heißt aber auch, Rechenschaft für die eigene Vergangenheit abzulegen. "Gary" eröffnet eine offenherzige Reue über das Bullying eines früheren Klassenkameraden mit einem perfekten Einsatz von Daves gesanglich höherem Register, das im Vergleich zu früher nur mehr selten zum Einsatz kommen muss. Hand in Hand geht auch der Stampfer "Carry The Lantern", in dem Hause vor allem sich selbst nochmal manifestiert, mit gutem Beispiel voran zu gehen, egal ob Erziehung oder trocken bleiben.

Ein weiteres Highlight wiegt sich mit "Hanalei" gemütlich an die Gehörgänge. Unter rauschenden Akustikgitarren spürt man Daves Zufriedenheit mit dem Hier und Jetzt. Vor zehn Jahren hätte er die Nummer noch in ein sehnsüchtiges Ausbrechen verwandelt, heute singt er über das Bleiben an schönen Orten, weit weg vom "maddening carousel" des Alltags. "To hell with forever, be here together right now". Wer ein Beispiel für die Blood Harmony zwischen Dave und Tim sucht, ist in diesem Refrain auch goldrichtig aufgehoben.

Ehrlich, nah und persönlich, das macht "Blood Harmony" zu einem erstklassigen Songwriter-Album. Dave Hause klingt überaus angekommen. Sturm und Drang sind endgültig vorbei. Dem Alkohol abgeschworen, ist nach Kalifornien gezogen und hat eine Familie gegründet. So nimmt er selbst die Rolle jener Charaktere ein, die in den ganzen Punksongs seiner früheren Karriere (und die von den Punker-zu-Folk-Genrebegleitern wie Brian Fallon, Dan Andriano oder Frank Turner) in Scheißjobs in kleinen Städten festhingen und einfach nur raus wollten. Er hat es geschafft.

Trackliste

  1. 1. Northstar
  2. 2. Sandy Sheets
  3. 3. Hanalei
  4. 4. Plagiarist
  5. 5. Gary
  6. 6. Surfboard
  7. 7. Leave It In That Dream
  8. 8. Snowglobe
  9. 9. Carry The Lantern
  10. 10. Little Wings

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