laut.de-Kritik

Flucht aus Indieland.

Review von

"Are you sick of not existing? / Does your halo just not flatter your face? / Feel brand new in just three easy payments / try it free / what it's like to be." Umschwärmt von blechernen Gitarrenakkorden bricht es aus Darwin Smith nur so heraus. Und diese Zeilen haben, bezogen auf das neueste Werk des geekigen Schlakses, sehr wohl eine Bedeutung: Seinen Sound hat er mächtig aufgemotzt.

Schluss mit dem Nicht-Existieren auf den amerikanischen Kritikerlandkarten - her mit der Rock-Gitarre. Schreddern, Soli, hier und da gar etwas Virtuosität: Was die Kritiker freut, wird den ein oder anderen Fan der ersten Stunde verstören. Sagt er selbst. Und damit wird er in den folgenden 40 Minuten Recht behalten.

Die eingangs erwähnte Zeile stammt aus dem Opener "(800) Human". Verglichen mit dem Rest des Albums klingt der Track nach dem alten Folk-Sound, mit den willkürlich einsetzenden Instrumental-Pausen und der sich von Zeit zu Zeit frenetisch erhebenden Stimme Deez'.

Nach wie vor pflegt der Mann aus Asheville, North Carolina seine Vocals nach Belieben über die Musik zu streuen. So hat man jedenfalls als Hörer das Gefühl. Der Beat interessiert ihn dabei nicht wirklich, Vokale erfahren Streckungen und Kürzungen nach willkürlicher Art. Fast so künstlerisch wie bei Julian Casablancas.

Die Drums auf "Songs For Imaginative People" sind wesentlich zwingender eingespielt als Deez bisher – sie zehren hörbar von seiner Hip-Hop- und Drum'n'Bass-Vergangenheit. Oft verpasst das den Tracks einen dicken Klecks an sommerlichem Flow, so dass es große Mühe kostet, die Beine still zu halten.

Musterbeispiele hierfür sind die zweite Single "You Can't Be My Girl" oder der 80er-Dance-Track "Moonlit". Ersteres kommt noch mit waschechter Jack White-, der zweite schon mit standesgemäßer Dance-Attitüde daher. Und die Wandelbarkeit geht noch weiter.

In "Redshift" lebt der Amerikaner seine Vorliebe für durchgedrehte Gitarrensounds vollends aus. Zum Glück geschieht dies nur hier und da in Dosen, deren Menge geradezu weise beschränkt ist. Der oft verträumt-kitschigen Stimmung (besonders wenn Darwin in die Kopfstimme wechselt) tut das keinen Abbruch – ein Beleg: Der beschwingt unbeschwerte Fiebertraum "Alice".

Eine gewichtige Gitarrenwand baut Track Nummer acht auf: "Free (The Editorial Me)" beginnt zwar indie-poppig, fährt dann aber die ganz großen Geschütze auf, bis selbst der letzte Amp maßlos übersteuert.

Beim ersten Album noch mit nur vier Gitarrensaiten unterwegs hat Mastermind Deez deren sechs im nächsten Moment aber schon wieder im Griff. Nicht zuletzt dank des nach Gretschmann klingenden Drum-Programmings und der melancholisch angehauchten (Acher-)Stimme klingt der Mittelteil hier (zumindest in unseren Breiten) irgendwie nach Notwist.

In den zwei Jahren der Arbeit am neuen Album habe er vor allem an seinen Gitarrenkünsten gearbeitet – beeinflusst von Virtuosen wie Thin Lizzy oder John Mayer. Wer "Songs For Imaginative People" gehört hat, wird diese lange Leine fürs Soloinstrument nicht leugnen.

Ein Wermutstropfen: Das teils übertrieben trashig klingende Drum-Gedaddel, das mit seinen eingestreuten Claps und den penetranten Rhythmen die Soundwolke spielend in einen Nervtöter verwandeln kann. Dennoch: 08/15-Indiefolk ist an dieser Platte nun wirklich nichts mehr – dafür bietet Deez schlichtweg zu viele gut umgesetzte Ideen auf.

Trackliste

  1. 1. (800) Human
  2. 2. You Can't Be My Girl
  3. 3. Moonlit
  4. 4. No Love
  5. 5. Good To Lose
  6. 6. Alice
  7. 7. Redshift
  8. 8. Free (The Editorial Me)
  9. 9. All In The Wrist
  10. 10. Chelsea's Hotel

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