laut.de-Kritik

Da hätte man an Tankians Stelle auch keinen Bock drauf.

Review von

"All Of Your Friends Are Talking Shit While They Get High"? Keine Ahnung, was Charles Manson-Fanboy und Hobby-Lyriker Daron Malakian so raucht. Auf jeden Fall knallt es aber gut genug rein, um ihn auf die Idee zu bringen, beim Label anzurufen und diesem ein bereits vor sechs Jahren aufgenommenes Album anzudrehen.

Genug der Polemik, so schlimm kann Scars On Broadways zweiter Streich "Dictator" ja gar nicht sein. Im Gegenteil: Mit "Lives" und "Dictator" schickte der System Of A Down-Teilzeit-Gitarrist der Platte zwei Songs voraus, die mit ihren tanzbaren Moshparts in Ohrwurm-Qualität schreien: Ich brauche keinen Serj Tankian. Zweistimmiger Gesang? Mach ich selber! Schlagzeug? Auch! Lyrics? Sowieso!

Nun darf man nicht vergessen, dass System Of A Down nicht immer nur für beißende Gesellschaftskritik bekannt waren, sondern gerade in der späten, Malakian-geführten Phase auch für lyrische Ergüsse á la "Banana Banana Banana Terracotta Banana Terracotta Terracotta Pie". Hier weckt aber ja nun einmal nicht nur der Albumtitel politische Assoziationen. Dass sich hinter dieser Tracklist allerdings so stumpfe Hooklines wie "Silence Leads To Violence" oder "We Won't Obey / You'll Never Get Your Way" verbergen, hätte sich wohl auch der treueste Alt-Fan nicht ausmalen können. Zumindest nicht angesichts vergangener Großtaten wie "B.Y.O.B.", die immerhin auf dem Mist ein und desselben Mannes gewachsen sind.

Letzten Endes geht es aber ja immer noch um die Verpackung. Und die ist im Falle von "Dictator" ganz schön dürftig. Wie schon auf dem Debütalbum verzichtet Malkian unter dem Scars On Broadway-Banner auf SOAD-typische (gerne als "abgedreht" rezipierte) Rhythmusbreaks und kloppt gerne mal einen durch. Klappt beim angesprochenen "Lives" super, holpert im Falle des Billo-Synthie-Infernos "Never Forget" und dem abschließenden Skinny Puppy-Cover "Assimilate" schon ziemlich vor sich hin. Grundsolide, aber eben ein Gitarrist am Schlagzeug. Den Verzicht auf den Jetzt-wieder-System- und Damals-noch-Scars-Kollegen John Dolmayan zahlt Malakian mit einem teuren Preis: Die Dynamik der zwölf Songs kennt keinerlei Auflockerungen.

Andererseits: Was gibt es da angesichts von musikalisch traurigen Vier-Powerchord-Songs wie "Till The End" auch noch schön auszuschmücken? Dabei steht der Song ja eigentlich exemplarisch für die musikalische Transformation, die Malakian in den letzten 13 Jahren durchlaufen hat. Schließlich bemäkelt bis heute so mancher Kritiker: Seine Stimme ist eben einfach nervig. Bullshit! Und wenn schon? Gesanglich ist auf "Dictator" alles in petto, wenngleich immer noch ein gutes Stück von Überhymnen wie "Lost In Hollywood" und "Soldier Side" entfernt.

Doch genau bei der Rückbesinnung auf diese Zeiten schleicht sich dann die Frage ein: Auf welchem Abstellgleis hat der Mann eigentlich sein kompositorisches Geschick und seine Fähigkeiten als einst zeitgenössisch prägender Alternative-Metal-Gitarrist stehen lassen? Wo ist der Visionär hin, der zum Großteil für "Mezmerize" und "Hypnotize", zwei Perlen des modernen metallischen Abwechslungsreichtums, verantwortlich war? Und schlussendlich: Wie kann man über so viele Jahre Material horten und dann diese Riff-Sammlung releasen, die der Hörer bis auf "Lives", "Dictator" und dem tatsächlich bärenstarken "Guns Are Loaded" nach einem Durchlauf wieder vergessen hat?

Was Serj Tankian eine Woche vor dem Release von "Dictator" auf Facebook schrieb, lässt marketingtechnisch wie menschlich auf unbrüderliches Fehlverhalten schließen. Immerhin hat sich auch die erste Stimme System Of A Downs in der Vergangenheit mehr als einmal in blinder Selbstüberschätzung geübt. Hinterher aber liest sich das Ganze aber noch einmal anders:

"I remember sending lots of notes on songs by Daron, mostly from his current Scars on Broadway record, most of which I didn't consider applicable to Soad."

Not applicable to SOAD? Ne Mann, das hier ist wohl eher not applicable for release.

Trackliste

  1. 1. Lives
  2. 2. Angry Guru
  3. 3. Dictator
  4. 4. Fuck And Kill
  5. 5. Guns Are Loaded
  6. 6. Never Forget
  7. 7. Talkin' Shit
  8. 8. Till The End
  9. 9. We Won't Obey
  10. 10. Sickening Wars
  11. 11. Gie Mou (Stamatis Kokotas Cover)
  12. 12. Assimilate" (Skinny Puppy Cover)

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LAUT.DE-PORTRÄT Scars On Broadway

"Es fühlt sich wie eine brandneue Band an", meint Daron Malakian, nachdem er als Gitarrist und zweite Stimme bei System Of A Down schon fünf Alben veröffentlicht …

6 Kommentare mit 23 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    klar dass serj da keine Lust drauf hatte! Er sieht ganz klar dass Daron den Verstand verloren hat? Charles Manson Fan, was der geraucht hat will ich nicht wissen

    • Vor 4 Monaten

      Offenbar ist er Fan seiner Musik, nicht seiner sonstigen Taten.

    • Vor 4 Monaten

      auch wenn die seges findere/charles manson split ihre momente hat und garbage dump großartig von gg allin gecovert wurde, muss man doch leider sagen
      sonstige taten>musik

    • Vor 4 Monaten

      Man kann doch ruhig die Kunst vom Künstler trennen, oder?

    • Vor 4 Monaten

      ja. aber nur wenn es mir in den Kram passt und hilft mein Weltbild aufrecht zu erhalten, eine einbahnstr quasi

    • Vor 4 Monaten

      ja Schwinger, das Ding ist nur, dass niemand die Kunst von Manson kennen würde, wenn seine Taten nicht wären. So könnte ich auch sagen, ich finde Hitlers Malereien gut, aber distanziere mich von seinen Taten

      Das mit "Fan der Kunst" war nur ein ängstlicher Rückzieher, nachdem sein "RIP Manson" beschissen ankam. Ich schätze mal der Daron dachte sich, er provoziert bisschen, Leute denken er ist krass und er kommt bisschen in die Medien.

      Serj ist schon der schlauere von den beiden

    • Vor 4 Monaten

      "ja Schwinger, das Ding ist nur, dass niemand die Kunst von Manson kennen würde, wenn seine Taten nicht wären."

      Da bin ich mir gar nicht so sicher. Der Typ hatte Talent und connections (Dennis Wilson u.a.). Hätten dem nicht die Murmeln durchs Oberstübchen gekullert, hätte der es schon musikalisch zu was bringen können.

      Zum zweiten Absatz: Gut möglich, habn den Malaklian und diewse Aktion im Speziellen nicht verfolgt.

    • Vor 4 Monaten

      ja weiß ja nicht wie viele talentierte Menschen es gibt, die trotzdem keinen Erfolg haben. Also Talent macht selten was aus, Connections schon eher, da weiß ich zu wenig wiederum..

      Ja die Musik von CM hab ich mir auch schon gegeben, glaub waren schon paar coole Songs dabei, glaub aber auch nen paar mit ziemlich lahmen Gitarrenakkorden

  • Vor 4 Monaten

    Wenn mich dieses Album eines gelehrt hat, dann das, dass wir alle gottfroh sein sollten, dass es kein weiteres SOAD Album mehr geben wird. Die meisten Riffs hier sind wirklich Rohrkrepierer und genau das hätte ich von einem neuen SOAD Album auch erwartet. Es könnte nicht nur nicht den Ansprüchen gerecht werden, nein, damit würden sie vielleicht sogar das Risiko eingehen, als alternde Rockstars ihr eigenes Denkmal zu vernichten.

    • Vor 4 Monaten

      ja da hast du recht, sie haben unfreiwillig zur rechten Zeit aufgehört. Gegenteiliges sieht man ja allzuoft, um im Genre zu bleiben:

      korn hätte nach TALITM aufhören sollen
      lp hätte nach Metorea aufhören sollen
      LB nach CSathfw
      manson nach gaog

      kann gern noch paar mehr aufzählen falls wer interesse hat, schreibt gern in die Kommentare

    • Vor 4 Monaten

      Ach, The Pale Emporer und Heaven Upside Down sind schon klasse.

    • Vor 4 Monaten

      Ich fand' die "See You On The Other Side" sowie die letzten beiden Alben von KoRn eigentlich ziemlich dufte. Wahrscheinlich weil erstere ungewöhnlicherweise mein Einstiegsalbum der Band war und letztere beide wieder verstärkt Richtung früher gingen, gleichzeitig aber nicht den Fehler gemacht haben, zu oldschool klingen zu wollen.

      Bei LP sehe ich das allerdings ähnlich, aber ich kann auch verstehen, wenn sich Bands nicht wiederholen möchten. Daher habe ich meinen Frieden mittlerweile damit gefunden. Fakt ist aber, dass Nu Metal eine Art unbändige Wut als Grundvorraussetzung beansprucht, um zu funktionieren. Und das sehe ich gerade bei Serj Tankian nicht mehr, was ja auch komplett normal ist, wenn man älter wird. Sicherlich kann man dann immer noch wütend sein, aber ich denke, dass sich das in den meisten Fällen einfach ganz anders ausdrückt.

      Man kann die Alben von früher einfach nicht reproduzieren und vielleicht ist das auch gut so. "Toxicity" ist, wie eigentlich jedes andere SOAD Album (vielleicht kann "Steal This Album" nicht ganz Schritt halten, cool war es trotzdem), ein Album für die Ewigkeit mit Songs für die Ewigkeit. Es ist wirklich besser so, wenn sie es einfach bleiben lassen. Was sie bis hierher geschaffen haben, ist schon groß genug.

    • Vor 4 Monaten

      LP hätten sich schon vor Hybrid Theory auflösen sollen.

      Und Limb Bizkit haben mit Gold Cobra und davor diesem The Truth Ding noch 2 starke Alben gebracht.

    • Vor 4 Monaten

      @ChaosJohnny, ja Pale Emperor hatte was, HUD hat mich noch nicht so ziehen können, hab dem aber auch noch nicht so viel Chancen gegeben

      @Hmmm: ich hab auch mit SYOTOS und dem Greatest Hits Album angefangen. Finde das neueste Album auch (endlich mal wieder) cool, aber bis TALITM waren die für mich einfach stimmiger, dann sind die ja erstmal auseinandergefallen.. ich hatte die irgendwann mal live erlebt, außer JD war nur der Basser am Start.

      Ja NuMetal ist halt aus dem Grunge entstanden, und beide haben das Problem, dass sie schlecht altern. Wie du ja schon erwähnt hast "unbändige Wut" bzw "unbändige Trauer" sollte in einem Leben nicht dauerhaft sein, ansonsten kanns schlecht ausgehen siehe Chester, Kurt, Chris & Co

    • Vor 4 Monaten

      @DerLexperte: ja bin auch kein großer LP Fan, sind aber trotzdem relevant, da Sie den Pop-Metal erfunden haben und wir seitdem Musik wie 30 Seconds to Mars oder Lostprohets hören durften

      Ja LB haben einfach mit RMV verkackt. Alles andere knallt gut

  • Vor 4 Monaten

    Also ich finde das Album geil. Eine perfekte Mischung aus Härte und Melodie !!!

  • Vor 4 Monaten

    Finde das Album jetzt nicht so scheisse, aber bleibt halt nicht viel von hängen. Während ich vom ersten Album immer wieder mal Liederchen trällere.^^

    • Vor 4 Monaten

      Das erste Album war tatsächlich gar nicht mal so ungut.

    • Vor 4 Monaten

      Echt? Ich fand das erste schon scheiße.

    • Vor 4 Monaten

      scheiße wars nicht, aber serj und daron ohne soad klingen einfach immer als wäre die Luft raus

    • Vor 4 Monaten

      @Lex:
      Ich will jetzt auch nichts Falsches erzählen. Schon ewig her, dass ich da reingehört habe und Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Habe es aber zumindest damals als grundsolides, emotional sehr direktes und offenes, schnörkelloses Rockalbum mit ein paar guten Balladen wahrgenommen. (Zusätzlich noch natürlich mit einer gewissen Dosis Wahnsinn/Härte wie man sie von Malakian wohl halt erwarten muss.) Sowas ist mir persönlich aber meist tausendmal lieber als irgendein verspultes, konzeptuelles Zeug. Ich würde die SOAD-Alben zwar alle als qualitativ besser einschätzen, weiß aber nicht so wirklich was SOAD mir im Jahr 2018 noch geben soll. Interessiert mich einfach nicht mehr. Ein Song a la Babylon zum Beispiel könnt ich mir aber wahrscheinlich auch heute noch geben, würde ich zumindest nicht direkt wegskippen. Mir fällt auf die Schnelle jetzt auch kein einziger SOAD-Song ein, den ich irgendwie auf emotionaler Ebene als "persönlich" oder "zwischenmenschlich" bezeichnen würde. Da gebe ich mir dann wie gesagt lieber ne straighte Rocknummer, die dafür etwas direkter persönlich/gefühlvoll ist.
      Hängt von daher wahrscheinlich auch ein bisschen von den persönlichen Vorlieben ab und kann verstehen, wenn andere das Album dann anders bewerten.

    • Vor 2 Monaten

      oh, die Experten sprechen xD

    • Vor 2 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 4 Monaten

    Ich hab SOAD vor'n paar Jahren am Nova gesehen, und selbst da hat man gemerkt das die beiden nid mehr miteinander können.

  • Vor 2 Monaten

    2 Sterne? Eher 1 Stern für laut.de...
    Sehr starkes Album, sogar noch besser als das erste SOB! Lasst euch nicht von dieser "Kritik" oder angeblichen SOAD-Anhängern den Hörgenuss versauen! Bin echt enttäuscht von Fans und Presse, gerade was den Umgang mit diesem Album und Serj angeht. Is doch wohl eindeutig, wer da grad rumspinnt... Daher dümmste Überschrift seit langem, herzlichen Glückwunsch! :)