laut.de-Kritik

Ironie und Subversion der Antilopen gereift und verfeinert.

Review von

Es ist seltsam, dass die Antilopen sich etabliert haben. Ein Teil des Zirkus geworden sind, dessen radikale Ablehnung eigentlich ein Fundament ihrer Identität war. Aber über die Jahre ist "Fick Die Uni" eben ein Renner auf Partys von Jura-Ersties geworden. Songs wie "Pizza" oder "Baggersee" klangen ohnehin so, als wären sie dafür geschaffen, Jodel-Feeds oder Freibäder im Sturm zu erobern.

Danger Dan, Panik Panzer, Koljah (und NMZS im Geiste) stehen nun auf Festivalbühnen zwischen den 257ers und den Toten Hosen. "Anarchie Und Alltag" landete auf Platz eins der Charts. Hip Hop-Medien und Feuilleton interviewten die Gang in jedem existierenden Format. Und jetzt beweist Danger Dan mit "Reflexionen Aus Dem Beschönigten Leben", dass der Geist, der Mitte der 2000er mit Caught In The Crack und der Anti-Alles-Aktion entstanden ist, nicht nur völlig ungebrochen, sondern sogar noch gereift und verfeinert ist.

Wie schon das Cover-Artwork andeutet, haben wir es mit einer Platte zu tun, die mehr oder weniger inoffiziell in der Nachfolge der ihrerzeit überragenden "Dinkelbrot & Ölsardinen"-EP steht. Die Tracks erlauben Introspektion in Dans Selbstwahrnehmung, bildgewaltig und trotzdem piekfein. "Die Grundvoraussetzung" fühlt sich ein bisschen so an, als stehe sie im Geiste des Vibes von "Cool" und erzählt die Geschichte eines Taugenichtses in wahnwitzigen, schrägen Bildern. Subversiv illustriert Dan ein ambivalentes Verhältnis zwischen Arbeit, Leistung und Werten, ohne an irgendeiner Stelle leichtfüßige Erzählweise, absurde Szenerien oder überraschend starke Reimpattern zu unterschlagen.

"Mein Heroin" liefert eine der interessanteren Liebe-Droge-Metaphern der vergangenen Jahre, die auf treibendem Groove und verlorenem Gitarren-Sample eine intensive Selbstkritik am romantischen Anspruchsdenken über Liebe und Sexualität übt. Die Beobachtungen entlarven bissig, wie die Sehnsucht nach tiefschürfenden und emotional aufwühlenden Begegnungen und Gesprächen im Liebesleben der links-intellektuellen Gesellschaftsblase zu einem Selbstzweck geworden sein könnte. "Nie wieder substituieren, ich will Heroin" entwickelt sich in den Verses dazu, dass sich ein oberflächlich betrachtet nahes und authentisches Gespräch durch den darauffolgenden Sex wie zu einer weiteren Farce der Annäherung relativiert anfühlt. Doch wie mit dem Heroin will der Protagonist eben seine emotionale Bestätigung schnell, verlässlich und auf Knopfdruck. Sich selbst etwas vorzumachen, ist da eine gute Lösung. Das "beschönigte Leben" als harte Droge.

Auf ähnlichen Themenfeldern geht es prompt weiter. Dan schießt frontal gegen eine kreative Branche voller Start-Up-Unternehmen, Networking-Gelegenheiten und sozialer Hierarchien. "Drei Gegen Einen" ist der klassische Antilopen-Posse-Cut im Stile von Klassikern wie "Gazellen Bande" und könnte textlich so genauso auf Projekten wie "Wir Machen Rap Wieder Dumm" landen. "Sie sagen ständig dass ein jeder hier es schaffen kann / aber meinen damit sozialen Aufstieg, aber nicht den Klassenkampf" ebnet den Weg, um daraufhin auf Neoliberalismus und den kommerziellen Flair der Szene einzuprügeln.

Eine der interessantesten Beobachtungen auf "Reflexionen" ist die unerwartet radikale Reduktion von Ironie. "Sand In Den Augen" ist ein klarkantiges, feministisches Bekenntnis mitsamt Schüssen gegen Rape Culture und die Gender Pay Gap, "Eine Aufs Maul" macht die lähmenden und fast gewalttätigen Facetten von Selbstzweifeln sehr nahbar und ungebrochen nachfühlbar. Es ist eine von Dans großen Qualitäten, dass er keine Angst davor hat, sich auf Tracks wie diesen angreifbar zu machen, verwundbar zu zeigen. Diese Deutlichkeit ist erfrischend, nachdem in den vergangenen Jahren ein dicker Schleier der omnipräsenten Ironie über vielen politischen Statements schwelte, auch die Antilopen selbst machten sich ein wenig schuldig, linke Ästhetik zunehmend zu einem Meme zu zweckentfremden.

"Wir Lachen Uns Tot" greift dieses Phänomen implizit auf. "Die Ironie ist gestorben, denn sie wurde okkupiert von Leuten ohne Humor" kontert "lel" oder "i bims"-Sager und die humoristischen Verklärung von Verwundbarkeit gleichermaßen. Ein weiteres inhaltliches Highlight im Tracklisting ist der intensive, ergreifende Follow-Up-Track auf den vor Ewigkeiten erschienenen "Private Altersvorsorge"-Track, auf dem Dan Erfolge und Misserfolge zu einem erfrischend optimistischen und positiven Fazit resümiert. Auch die fast an Autoren wie Murakami erinnernde Bildhaftigkeit und der lebendige Zynismus auf den Storytellern "Mingvase" und "Die Verwandlung" überzeugen, lediglich das Sebastian Krumbiegel-Duett "Die Prinzentragödie" wirkt trotz des erfrischenden und schönen Sounds etwas zu sehr auf die Novelty der Kollabo bedacht.

Auch musikalisch funktionieren die "Reflexionen Aus Dem Beschönigten Leben". Vorbei sind die halb-ironischen Trap-Flirts und die unausgereiften Punk-Crossovers. Die Platte kehrt ziemlich radikal zum rumpeligen DIY-Vibe der "Aschenbecher"-Ära zurück, zieht dafür Tempo und Groove der Drumloops ein wenig an und kombiniert sie mit melancholischen und atmosphärischen Samples, die durchaus im Fahrwasser der Lars Licht-Chops auf "Ölsardinenindustrie" mitspielen.

Dazu kommt das über die Jahre und Labels deutlich gereifte Händchen für Songwriting und Refrains, durch das der Sound des Albums eine ziemlich konsequente Linie erhält. Dafür, dass Danger Dan schon immer für Aussage über musikalischer Statur stand, erreicht er hier einen Zustand, der alle Experimente und alle Entwicklungen zu einer sinnvollen Vervollständigung des ursprünglich zweckmäßigen Antilopen-Sounds führt. Das ist gerade für einen technisch eher limitierten Rapper wie ihn bemerkenswert, denn klanglich hat der Hörer so gut wie nie das Gefühl, einen Kompromiss zu hören.

"Reflexionen Aus Dem Beschönigten Leben" ist genau das Album, das "Dinkelbrot & Ölsardinen" damals versprochen haben könnte, nur mit den Erfahrungen der Antilopen der vergangenen Jahre angereichert. Das bedeutet, dass Produktion und Songwriting sich ein klares Stück entwickelt hat, aber es bedeutet auch, dass Dan als Mensch wie Texter deutlich gereift ist. Unsicherheit und Zynismus sind hier genauso Bestandteil der Realität wie Hoffnung, Optimismus und Erfahrungen.

Dieses Album sammelt Beobachtungen und Schlüsse aus einem Leben, das trotz seiner Einzigartigkeit viel Anlass bietet, sich wunderbar damit zu identifizieren. Dazu kommt eine klare und selten konkrete politische Kante. "Reflexionen Aus Dem Beschönigten Leben" stellt also in vielerlei Hinsicht eine Vervollständigung der Qualitäten und der Ästhetik des bisherigen Schaffen der Antilopen Gang dar.

Trackliste

  1. 1. Eine Aufs Maul
  2. 2. Mein Heroin
  3. 3. Die Grundvoraussetzung
  4. 4. Drei Gegen Einen (feat. Koljah & Panik Panzer)
  5. 5. Sand In Den Augen
  6. 6. Wir Lachen Uns Tot
  7. 7. Seit Du Gesagt Hast
  8. 8. Mingvase
  9. 9. Die Prinzentragödie (feat. Sebastian Krumbiegel)
  10. 10. Piss In Den Käfig
  11. 11. Private Altersvorsorge 2
  12. 12. Die Verwandlung

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2 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Bis jetzt habe ich immer einen Recht großen Bogen um die Antilopen gemacht, bis auf Features und fick die Uni ungehört, aber letztens habe ich mir Sand in den Augen gegeben und fand es so gut, dass ich mir dieses Album auf jeden anhören werde.

    • Vor einem Jahr

      mit NMZS haben die eig recht giele sachen gemacht. Ich mag die eig gern, solange sie ihr scheitern und das vor-die-hunde-gehen glorifizieren und den politkram blende ich überwiegend aus.

      aber so lines

      "Mein Nachbar war ein Arbeiter und zahlte noch sein Auto ab
      Er heulte Rotz und Wasser, denn der Wagen stand in Flammen
      Früher wollt' ich auch ein' Molli bau'n, doch hab's nicht geschafft
      Denn auf der Flasche war'n verdammt nochmal acht Cent Pfand"

      finde ich schon bemerkenswert.

      Das beste albung ist aber tatsächlich solo NMZS debut

    • Vor einem Jahr

      Mir fehlt NMZS wirklich...

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Jahr

      4/5 Von mir, Prinzentragödie und eine aufs Maul sind skipkanidaten, Grundvoraussetzung, private Altersvorsorge 2 und Sand in den Augen sind Favoriten.

      Nmzs werde ich mir demnächst irgendwann Mal geben.

    • Vor einem Jahr

      Texte gut, aber der vortrag an manchen stellen arg hölzern. Zu viel linksgrünversifftes gelaber. Mag seine stimme nicht.

      Mein heroin ist mein favorit.

    • Vor einem Jahr

      Für einzelne Hooks ist er ziemlich gut.. Weiß nicht wieviel autotune er auf seinen Gesang geklatscht hat. Kenne nur die Singles und da war es einiges. Beim Aschenbecher Album und bei NmZS als feat. eigentlich immer für gut befunden.. Bei den Antilopen generell gibt es immer Textpassagen die mir dann doch zu Antifa sind

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Jahr

      Wüsste zu gerne ob NMZS (rip) diese Entwicklung gefallen hätte bzw wie weit er da mit gegangen wäre..habe seine Texte nie für wirklich politisch gehalten.. Halt eher eine generelle Abneigung gegenüber Menschen und solche Texte feiere ich persönlich natürlich ziemlich..

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Jahr

      Kein Ahnung. Diese linksgrünen Tendenzen gab es in kleiner Form schon immer, denke ich, würde halt immer mehr, weil es sich verkauft.
      Wenn man frühe sachen von Leuten aus dem Trailerpark Umfeld hört, waren die auch noch nicht soo explizit und tabubrüchig wie jetzt. Man muss halt immer mehr toppen und extremer werden.
      Bei den Antilopen denke ich, ist dieses linksgrünne, bisweilen fast gutmenschliche so ihre Nische, in der sie sich gut verkaufen können.
      So Trailerpark/weiße scheisse/Hollywood Hank/private Paul
      Ist zu inkorrekt und feindselig ggnü Minderheiten und die Antilopen sind halt lauchs, also können sie nicht diese aggro-pumpen-kickbox-ganzkörpertattoo-gewaltmasche von ruffiction und Umfeld fahren.
      Da haben sie halt gerade ihre Nische gefunden. Musik für Menschen mit sokee-ansichten, denen das BAföG ausging und die nun Billigbier Exen müssen und sich über die Kommilitonen ärgern