laut.de-Kritik

Larmoyanz in Höchstform.

Review von

Schöner Bube mit schöner Gitarre spielt schönste Melodien. Von so aufgebauten Singer-Songwriter-Universen wimmelt es nicht nur dieser Tage in Radio und Charts. Damien Rice darf aber zu Recht wenigstens einen Fürstenthron im Palast dieser Musiksparte für sich beanspruchen. Denn schon vor drei Jahren beglückte der Ire Ohr und Herz mit seinem Debüt "O" und trieb mit "The Blower's Daughter" im Film "Hautnah" Sturzbäche aus des Zuschauers Tränendrüsen.

Ebenso kurz betitelt ist sein neues Werk, namentlich "9". Mit ihm demonstriert er den James Morrisons, Paolo Nutinis und James Blunts, wie man auf einen einzigen Silberling ordentlich Treibhauseffekt pressen kann: Schließlich setzt schon mit dem Opener "9 Crimes" eine bedenkliche lokale Herzschmelze ein. Der klatscht einem nämlich bereits eine patzig süße Packung Schmacht vor die Ohren: Von der Seite kuscheln zärtlich Streicher, vorne streichelt Rice das Piano und von irgendwoher dringt etwas Percussion. Im Gesang hauchen Lisa Hannigan und der Meister selbst.

Gleich nebenan, in "The Animals Were Gone" bäckt dieser einen ähnlichen Trauerkloß: Lisa ist nicht mehr dabei und das Klavier ging mit ihr. Stattdessen darf Damiens anderer Kumpel, die Gitarre, akustisch, ihren Einstand feiern. Überhaupt setzt Rice nicht wie beispielsweise James Blunt auf imposante Wildbach-Refrainmelodien, sondern mehr auf seine Stimme. Die ist so brüchig wie auf "Elephant" und man verschluckt sich am Gefühl, dass man dem Barden sein Beileid ausdrücken und ihn bitten möchte, jetzt doch nicht zu weinen.

Nachdem man ihn und seine Gitarre dann durch fast drei Minuten Jammertal begleitet hat, packt Rice dann – Streicher kommen ihm noch zu Hülf’ – die Arie aus: In wiederum kräftigstem Organ zeigt er, was er wirklich auf dem Kehlkopf hat und springt dann mühelos wieder zum kleinen Damien, der sich bei Mama über das aufgeschürfte Herz ausheult. "Elephant" mündet schließlich radikal gänsehauträchtig in ein drumunterlegtes Finale: "This has got to stop", singt er. "Nein, doch bitte noch nicht", möchte man zurückrufen!

Rices "Na gut" kommt in Gestalt von "Rootless Tree". Hier langt er schließlich auch beim Refrain einmal ordentlich zu: "Fuck You / Leave It", verlangt er - wohl von einer Dame (genauere Textauskunft liefert die künstlerisch wertvolle Hülle der Promo-CD mangels Booklet leider nicht). Oft klingt Rice ohnehin, wenn er nicht gerade durch ein finsteres Tal wandert, im Gesang fast ein bisschen wie Herr Bob Dylan. Dennoch ist er dann am besten, wenn er sein Herz dem Laser des CD-Player bar gibt und nicht, wie bei "Coconut Skins" sich nett, aber viel zu sehr wie easy-peasy Jack Johnson durch die knapp vier Minuten klampft. Da fällt "Me, My Yoke And I" hübscher aus dem Rahmen.

Hier spielt Rice schon zu Beginn mal deutlich an einer Gitarre samt Regler herum. Auch die Wangen bleiben von Beginn an trocken und die Trauer weicht einem hörbaren, hoch intonierten – sagen wir mal Ärgernis. Zwei Minuten später setzen dann auch die erwarteten Drums ein und Rice hangelt sich die restlichen knapp vier Minuten durch einen textarmen Wutausbruch, der seinen Schlusspunkt in einem dichten, selbstverständlich ordentlich Singer-Songwriter-weichgespülten Krach- und Kreischorgasmus findet.

Rices vielem Leiden könnte man irgendwann leid werden. Aber indem er fast jedes seiner ähnlich beginnenden Stücke mit einer anderen Mittel- und Schlusswendung versieht und sie dadurch mit einer herrlich überraschen Schicht Spannung überzieht, hört man immer weiter und weiter. Vorausgesetzt, man hat nicht ohnehin eine gewisse Abneigung gegen tränentriefende Töne. Larmoyanz in Höchstform. Danke, Damien.

Trackliste

  1. 1. 9 Crimes
  2. 2. The Animals Were Gone
  3. 3. Elephant
  4. 4. Rootless Tree
  5. 5. Dogs
  6. 6. Coconut Skins
  7. 7. Me, My Yoke And I
  8. 8. Grey Room
  9. 9. Accidental Babies
  10. 10. Sleep Don't Weep

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