laut.de-Kritik

Reinhard Mey? Hildegard Knef? DJ Hell auf Abwegen?

Review von

Es gibt wohl kaum einen DJ in Deutschland, der länger am Mixer steht als der gebürtige Münchner Helmut Josef Geier. Besser bekannt natürlich unter seinem Pseudonym DJ Hell. Zahlreiche Mix-CDs hat er in seiner inzwischen mehr als 40-jährigen Karriere eingespielt, von House, Techno und Electro über Acid-House bis hin zu Italo-Disco. Dennoch betritt er mit "Coming Home" Neuland. Dieses Mal holt Hell vor allen Dingen NDW, Disco und Punk aus seinem Plattencase, überrascht gleichzeitig aber auch mit Hildegard Knef. Hauptsache deutsch.

Es scheint ganz so, als hätte Hell jahrelang auf ein Angebot wie dieses gewartet. Endlich mal abseits der ansonsten stets geschmackvoll ausgesuchten Tanzflächenperlen die riesige Plattensammlung durchwühlen zu dürfen. Bereits vor fünf Jahren, als Hell das Groove Magazin zur Stippvisite empfing, umfasste seine Musikbibliothek 30.000 Vinyl-Scheiben. Seither sind sicherlich nochmal einige tausend hinzu gekommen. Entsprechend hart dürften die Auswahlkriterien für "Coming Home" ausgefallen sein.

Umso erstaunlicher gerät seine Auswahl: den Liedermacher Reinhard Mey hatte wohl ebenso wie die 80s Popper von Fischer-Z oder Lieblingspsychopath Klaus Kinski sicher niemand auf der Rechnung. Weniger Aufsehen erregen dagegen Stücke von Bands, die sich nahtloser in die Vita von DJ Hell einfügen. Die Einstürzenden Neubauten kommen mit ihrem frühen Stück "Kalte Sterne" zu Ehren, DAF singen von "Der Räuber und der Prinz" und Ideal lassen ihre Heimatstadt "Berlin" hochleben.

Ein DJ-Set, das in herkömmlicher Weise zum Tanzen einlädt, kann bei einer solchen Musikauswahl natürlich nicht die Folge sein. Mit "Coming Home" wird die DJ-Persönlichkeit Hell jedoch um eine Facette bereichert, die in der Öffentlichkeit bislang weitgehend ausgeblendet war. Zum vollen Genuss entwickeln sich die 18 Songs des Albums aber nur, wenn die Hörer einen ähnlich eklektizistischen Musikgeschmack wie der Schöpfer selbst mitbringen.

In die "Coming Home"-Compilations reinzuhören lohnt sich in jedem Fall. Das hat sich schon vor zwei Jahren gezeigt, als Nightmares On Wax-Mastermind George Evelyn sein Plattenköfferchen öffnete und für ihn prägende Tracks daraus hervorholte. Genau das macht auch DJ Hells "Coming Home"-Auswahl so sympathisch und hörenswert.

Trackliste

  1. 1. Kraftwerk – Ohm Sweet Ohm
  2. 2. Rheingold – Dreiklangsdimensionen
  3. 3. Nina Hagen Band – Auf’m Friedhof
  4. 4. Einstürzende Neubauten – Kalte Sterne
  5. 5. City – Am Fenster
  6. 6. Hildegard Knef – Tapetenwechsel
  7. 7. DAF – Der Räuber und der Prinz
  8. 8. Klaus Nomi – Cold Song
  9. 9. Gilla – Der Strom der Zeit
  10. 10. Blumfeld & DJ Koze – Tausend Tränen tief
  11. 11. Fehlfarben – Paul ist tot
  12. 12. Der Plan – Zurück in die Atmosphäre
  13. 13. Eberhard Schoener feat. Hazel O’Connor – Why don’t you answer
  14. 14. Fischer Z – Berlin
  15. 15. Ideal – Berlin
  16. 16. Ricky Shayne – Mamy Blue
  17. 17. Reinhard Mey – Gute Nacht Freunde
  18. 18. Klaus Kinski – Hausverbote/Abbruch

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LAUT.DE-PORTRÄT DJ Hell

Er ist eine Institution in der deutschen DJ-Szene. Neben Sven Väth und Monika Kruse wird er jährlich immer wieder in die deutschen DJ-Top-Drei gewählt.

2 Kommentare

  • Vor 9 Jahren

    Ja ich weiß, in letzter Zeit wird häufig über die Divergenz zwischen textlicher Kritik und endgültiger Wertung gemault, an dieser Stelle muss ich da jedoch einstimmen.
    Verstehe nicht, wie nach diesem Text nur 3 Pünktchen stehen bleiben. Weil Hr. Geiger sich abseits seines üblichen Reviers rum treibt? Diese Sammlung ist definitiv wertvoller und aussagekräftiger als so mancher konzept- und kopflose Mix des Hrn. Geiger!

  • Vor 9 Jahren

    Klingt sehr gut, die Auswahl ist ebenfalls gelungen!
    Das kommt auf die "White-List", prima Hr. Geiger!