laut.de-Kritik

Reden ist Silber, die Beats sind Gold.

Review von

"Schivv hats in den 90s schon gesagt: Wir hören nicht auf." Man hätte ihm glauben sollen. Was sind schon schlappe elf Jahre abseits der Bildfläche? DCS wollen es also noch mal wissen. Mit Neuanfängen kennt sich die gebeutelte Crew ja aus.

Inzwischen interessiert sich sogar der Spiegel für die Truppe, die in den 90ern - zu Unrecht - nie so recht die Aufmerksamkeit bekam, die sie eigentlich verdient hätte. "'Silber ist unser Beweis, dass man mit Hip Hop auch erwachsen werden kann", erklärt Schivv nun gegenüber dem Nachrichtenmagazin die Motivation, noch einmal durchzustarten. "Erwachsen", au weia.

Dem wilden Entschluss, diese Platte schon allein der schönen alten Zeiten wegen zu mögen, setzt gleich das freundlich "Guten Morgen" betitelte Intro schwer zu. "Okay, dann los. Alles auf Los. Reib' den Schlaf aus den Augen, die Welt ist groß." So weit, so gut. Nur möchte ich weder von fremden Frauen aus dem Schlaf gesäuselt noch - und das noch weniger gern - von anderer Leute Brut wachgekreischt werden. Ohne all den begeisterten Vätern da draußen zu nahe treten zu wollen: Derlei intime Einblicke in die Keimzellen des Staates interessieren Außenstehende meist nur sehr bedingt.

In musikalischer Hinsicht hätte der Einstieg allerdings nicht passender ausfallen können. Melodiös, entspannt und noch ein bisschen verschlafen leitet Crada einen Reigen durchwegs überaus tauglicher Beats ein, die die Stimmung der Tracks perfekt einfangen. DJ Adlib pumpt dunkle Synthies durch "Was Du Siehst". Die "Beatz aus der Bude-Dudes" fusionieren darauf Rap mit klassischen Scratches und Gitarrenriffs. "Im Prinzip läuft das so, wie es damals schon lief." Dagegen lässt sich nichts einwenden.

"Wie War Das Noch Mal"? Auch 2012 werfen DCS einen Blick zurück, back in the days. Diesmal spulen sie in Gesellschaft von Sido den Rapfilm, auf dem wir alle zusammen hängen geblieben sind, in Zeitlupe noch einmal ab. Roe Beardie veredelt die nicht übertrieben sentimentale Zeitreise mit perlenden, souligen Klängen.

Auch sonst leisten Crada, Adlib, Beardie und Peer Formance selbst ganze Arbeit. Streicher und ploppende Percussion untermalen "In Die Welt" mit der leisen Melancholie des Fernwehs. Zirpende Insekten und eine Akustikgitarre gesellen sich in "Bis Ich Dich Finde" zu einer wunderbar rhythmischen Basslinie.

Hallende Drums ("Nachtfrost"), eine geloopte Klaviermelodie ("Soundtrack") oder knorriger Bass ("Zwischending") - alles findet, von kundigen Produzentenhänden arrangiert, wie von alleine seinen angestammten Platz und sorgt für Atmosphäre. Instrumental präsentiert sich "Silber" kein bisschen antiquiert, sondern bewegt sich absolut auf der Höhe der Zeit.

Auch die Leistung von Schivv und Kallis am Mikrofon kann sich hören lassen. Eingerostet wirken beide nach all der Zeit im "richtigen Leben" nicht - zumal man ihnen abnimmt, dass ihre Texte von Herzen kommen und tief empfundene Wahrheiten transportieren.

Um so schwerer fällt die Feststellung, dass ich mich von all dem, das ich da mitgeteilt bekomme, allenfalls leidlich unterhalten fühle. Als sei DCS über der Lebensrealität die Phantasie abhanden gekommen, fährt "Silber" keinen einzigen Track auf, den man - so oder mit minimalen inhaltlichen Abweichungen - nicht bereits zigmal gehört hätte.

"Ich glaub' da fest dran, träum' von gestern und freu' mich heute schon auf morgen." Zu den Rückblenden auf die wilden Jahre gesellen sich eine Nummer über absolvierte und geplante Reisen ("In Die Welt"), ein Partyszenario ("Laufen Lassen"), ein Abschiedsbrief an die verstorbene Mutter ("Nachtfrost") und gleich zwei Liebeserklärungen an die Musik ("Bis Ich Dich Finde" und "Soundtrack"). Klingt vertraut? Ja. Klingt originell? Nö.

Zudem singt Schivv wiederholt (am explizitesten in "Eins") das Hohe Lied auf das eigene Familienglück, das Kollegen, unter anderem die Firma, in den letzten Jahren wieder und wieder wiederkäuten. Ich verstehe, dass das Thema einen überzeugten Familienvater umtreibt. Spannend, witzig oder überraschend gestaltet sich derlei aber allenfalls für den engsten Bekanntenkreis. Von außerhalb betrachtet sehen einfach jetzt und immerdar alle Babys gleich aus.

"Sex Im Alter" mit kulinarischen Freuden zu substituieren: an sich eine mindestens so gelungene Idee, wie hierfür den bewährten Weggefährten Olli Banjo ins Boot zu holen. Über den leckeren Zeilen macht sich zwar sofort Appetit breit, trotzdem kommt der Text nicht über eine schmackhafte Aufzählung hinaus. Auch "Zwischending" oder "Zuzu" reihen nur Schlagworte aneinander. Von wie auch immer geartetem Storytelling: keine Spur auf weiter Flur.

"Silver" in seiner Gesamtheit animiert dankenswert dazu, wieder einmal Klassiker wie "Back In The Day", "T.R.O.Y" - oder eben "Wie War Das Noch Mal", damals 1996, oder "Ohne Ende" - aus dem Schrank zu ziehen. Familienalltag lass' ich mir aber weiterhin lieber von den Autoren der "Lindenstraße" servieren, sollte an der eigenen Front unvermutet die Langeweile ausbrechen.

Trackliste

  1. 1. Guten Morgen
  2. 2. Was Du Siehst
  3. 3. Wie War Das Noch Mal 2012 feat. Sido
  4. 4. In Die Welt
  5. 5. Weiter
  6. 6. Bis Ich Dich Finde
  7. 7. Les Miserables
  8. 8. Nachtfrost
  9. 9. Jetzt Interlude
  10. 10. Eins
  11. 11. Soundtrack
  12. 12. Zwischending
  13. 13. Sex Im Alter feat. Olli Banjo
  14. 14. Laufen Lassen
  15. 15. Zuzu
  16. 16. Er
  17. 17. Silber

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9 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    Ich geb 4/5. Wie in der Review angesprochen (oder angekratzt) sind die Beats einsame Spitze, die Raps bewegen sich lange nicht auf dem Niveau, wie im Text vorgegaukelt wird. Kombiniert 90s mit der heutigen Zeit unfassbar gut!

  • Vor 10 Jahren

    Zunächst mal Danke für die Zeit, die sich die Autorin Dani Fromm genommen hat und für das Lob für die Arbeit der "kundigen Produzentenhände" auf Silber. Das war's dann aber auch.

    Es macht mich ein bisschen betroffen, wie vordergründig "genau" man sich ein Album anhören kann, um es dann mit einer solchen Oberflächlichkeit zu besprechen, die an Ignoranz grenzt. Das ist fast schon kalt.

    Liebe Dani, dein offenkundiges Problem mit "fremden Frauen" und "anderer Leute Brut" bzw. "Babys, die immerdar (!) alle gleich aussehen" lässt tief blicken - tut mir ganz persönlich auch ein bisschen leid für dich - interessiert in deinem Fall aber wahrscheinlich noch weniger Außenstehende als unser Spaß daran. Das Album-Thema von "Silber" aber dann derart offensiv herablassend auf "Familienalltag" zu reduzieren, halte ich allerdings für eine schlichte Unverschämtheit. Der Kontext von "Silber" ist echtes Leben echter Menschen. Und gerade NICHT das "Storytelling", was es für dich ganz persönlich offenbar sein muss.

    Wir freuen uns jedenfalls daran, dass sich ein paar Menschen, sogar über den "engen Bekanntenkreis" hinaus, mit "Silber" identifizieren können. Für die ist es gemacht.

    Ach ja, "Bis ich dich finde" ist übrigens keine "Liebeserklärung an die Musik", sondern eine abstrakt gehaltene Ode an die "Inspiration", als ein quasi mannigfaltiges, nicht greifbares Wesen, was nicht gesucht, sondern nur gefunden werden kann. Aber dass du das nicht blickst, leuchtet ein.

    Thema verfehlt. Wer nicht zuhören kann, sollte im besten Fall auch nicht so laut sprechen.

    Schivv von der "gebeutelten Crew".

  • Vor 10 Jahren

    @Sodhahn (« hätte jetzt gerne mal die antwort des rezensenten gelesen...ist ja eigentlich ein offenes geheimnis das hier gelegentlich recht "ungewöhnlich" bewertet wird... »):

    och, der rezensent hat doch alles gesagt. dass er die platte ganz schön findet, dass ihn aber die themen langweilen.

  • Vor 10 Jahren

    Naja, die Rezi ist wirklich sehr oberflächlich geschrieben. Es ist ein bisschen Plump die Themen und Instrumente der Beats zu nennen, und dann einfach zu schreiben, dass diese Themen nicht neu sind.

  • Vor 10 Jahren

    Ich finds gut!
    Das erste Album seit HH das aus Köln kommt und direkt umhaut.
    Dazu kompromisslos ehrlich ohne Mitleid heucheln zu wollen, in den Veedeln weht sonst leider nur Battlewind von kleineren Crews, die Platte zeigt das hier noch was geht!