20. Januar 2011

"Wir haben Jazz-Sessions im Schlafzimmer"

Interview geführt von

Anfang Dezember rockten die Dänen für fünf Konzerte die Republik. Gitarrist Jacob Binzer stellte sich dem laut.de-Interview, dass wegen Lautstärke-Probleme direkt aufs stille Örtchen verlegt werden musste.In der Nacht zuvor war ich noch mit der Band und einem kleinen Mob in Nürnberg feiern, 12 Stunden später stehe ich bei klirrender Kälte und massig Schnee vorm Münchner Backstage-Club. Der Interview-Termin mit Jacob Binzer verschiebt sich um zwei Stunden, der Mann ist einfach viel zu beschäftigt. Als Jacob endlich Zeit für mich hat, startet genau das Set der Vorband Eschenbach und wir stehen im lärmenden Backstage-Bereich. Keine Chance, irgendein Wort zu verstehen. Also suchen wir uns zusammen ein ruhigeres Plätzchen und landen im Vorraum der Künstler-Toiletten. Ziemlich skurril, aber eben mal was anderes.

Im Moment seid ihr ja auf kleiner Deutschland-Tour. Wie waren denn die Reaktionen des Publikums nach den letzten drei Konzerten?

(Auf Deutsch) Wunderschön! Was denkst du? Du warst doch auch da.

Klar. Ich fands toll, aber wie ist die Meinung der Band?

Also das Publikum war schon toll. Sehr enthusiastisch und sie kannten die Songs. Ja, was soll ich da noch sagen? Wir alle hatten eine gute Zeit!

Seit 2009 spielt ihr ja fast schon regelmäßig hier in Deutschland. Warum hat das denn vorher nicht geklappt mit einigen Live-Shows? Da habt ihr euch ja doch ziemlich rar hier gemacht.

Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Eigentlich ist Deutschland ja ein großes Land und es ist leicht einige Male hier im Jahr zu spielen. Was wir ja jetzt auch tun. Aber wir spielen ja auch in anderen Ländern und in Dänemark haben wir zudem eine sehr große Fangemeinde, die uns auch auf Trab hält. Aber ich denke, dass der Grund für unsere momentane Präsenz hier in Deutschland die Tour mit Der W 2009 war, seitdem haben wir echt viel gespielt.

Gibt's eigentlich einen Unterschied zwischen euren dänischen Fans und den Deutschen?

Ja, also in Dänemark haben wir einfach eine andere Position. Hier in Deutschland sind wir irgendwie in der Rolle einer Subculture-Band. In Dänemark sind wir doch ziemlich Mainstream und dadurch eine national bekannte Rockband. Zuhause haben wir ein ziemlich breites Publikum, das aus vielen Generationen besteht.

Wenn ich das mit Deutschland vergleiche, sehe ich hier überwiegend alte langhaarige Metal-Fans.

Ja, und die bringen dann ihre Kinder mit zu den Konzerten. Mir ist das auch auf den deutschen Festivals aufgefallen. Das Publikum ist hier einfach älter als in anderen europäischen Ländern. (lacht) Ich weiß auch nicht wieso. Aber ein Teil der deutschen Fans begleitet uns ja auch schon, seit wir angefangen haben in Deutschland zu spielen.

Wart ihr Anfang der 90er das erste Mal auf Deutschland-Tour?

Nein, wir waren schon vorher mal da. Die erste richtige Show in Deutschland hatten wir, glaube ich, in (überlegt kurz)... 1989.

In Dänemark spielt ihr ja in richtig großen Hallen oder seid mal eben Headliner vom legendären Roskilde-Festival. Hier in Deutschland spielt ihr ja nur in kleinen Clubs. Ist das eigentlich noch cool oder nervt euch das?

Nein, wir mögen hin und wieder auch mal Clubgigs.

Das ist ja auch einfach dreckiger und rock'n'rolliger, oder?

Ja klar, aber auch wenn wir in anderen Ländern spielen, versuchen wie so nah wie möglich an den Leuten zu sein. Ich denke, es ist eine schöne Option beides spielen zu können. Kleine dreckige Clubgigs und große Shows oder Festivals.

"Wir schlafen in großen, luxuriösen Hotels!"


Habt ihr mal eine Club-Tour in Dänemark für eure Fans gespielt? Das wäre ja bestimmt auch ein nettes Gimmick für eure Die-Hard-Fans dort?

Ja, wir haben das vor acht Jahren mal gemacht. Wir haben damals einfach unter einem anderen Namen gespielt: "The Soulbenders".

Und eure Fans wussten über den Namen bescheid? Habt ihr das damals öffentlich publiziert?

Ja, wir haben es damals auf die Website gestellt und auch in der Presse wurde dann darüber berichtet. Ach ja, und es gab Plakate. Wir hätten das nicht gebraucht, aber wir wollten unbedingt solche Poster machen. Also, zur Hölle damit. (lacht)

Verstehe. Wie ist das denn jetzt im Moment eigentlich auf Tour? Fahrt ihr mit eurer kleinen Crew im Nightliner mit oder schlaft ihr in Hotels?

Wir schlafen in großen, luxuriösen Hotels! (grinst total überzeugend)

Jacob, das ist doch nicht wahr. Verarsch' mich doch nicht!

(lacht) Verdammt, woher weißt du das?

Ist ja egal. Letztes Jahr habe ich euch im Colos Saal in Aschaffenburg gesehen. Da seid ihr dann alle vier nach der Show eben NICHT mit dem Nightliner weggefahren, sondern in einem alten Auto vom Manager von Der W. Das sah erstens ziemlich lustig aus und zweitens wirkte das sehr sympathisch und bodenständig. Eben keine Limousine vor der Halle.

Ja, ich bevorzuge es wirklich immer selbst zu fahren. Ich fühle mich manchmal nicht so sicher bei anderen Fahrern.

Kommen wir mal zur Musik. Euer letztes Album "Monster Philosophy" erschien 2008. Gibt es Pläne für eine neue CD in naher Zukunft?

Ja, wir wollen nächstes Jahr ein neues Album veröffentlichen. Wahrscheinlich aber erst im Herbst. Wir haben gerade mit den Aufnahmen begonnen und ich denke, dass wir damit im Sommer dann auch fertig sind und dann vielleicht im Oktober 2011 das Album veröffentlichen können.

Und in welche Richtung geht die Musik? So wie "Monster Philosophy"?

Nein, komplett neu! Es wird sehr spannend!

Experimentell? Oder straighter Rock?

Also für uns schon irgendwie experimentell, es klingt schon anders als der momentane D-A-D-Sound. Aber am Ende wird es natürlich schon irgendwie nach D-A-D klingen. Dieses Mal eben ein klein wenig anders.

Und wo macht ihr die Aufnahmen? Wieder in New York wie beim Vorgänger Album?

In Deutschland. Wir haben schon angefangen in Frankfurt aufzunehmen, da haben wir einen ziemlich guten Studio-Deal bekommen. Wir mögen es, woanders zu recorden, da kann man sich immer besser konzentrieren.

"Das Paket muss einfach passen: Guter Sound und eine gute Show"


Wie wichtig ist dir eine gute Bühnenshow neben einem guten Musiksound auf der Bühne? Dein Bruder Jesper agiert als Sänger viel mit dem Publikum. Euer Bassist Stig fällt mit seinen extravaganten Kostümen und Bässen auf und auch du trägst deinen Zylinder auf der Bühne. Ist das wichtig für die Show? Warum macht ihr das?

Ich denke, dass einfach das Gesamtpaket bei so was stimmen muss. Ich würde sagen, dass ich einfach eine interessante Erscheinung auf der Bühne sein muss und eine Art von Drama muss da auch irgendwie drin stecken. Das Publikum lebt in seinem routinierten Alltag, geht zur Arbeit oder in die Schule. Die wollen dann bei einem Konzert einfach mal was anderes sehen. Das Paket muss einfach passen: Guter Sound, eine gute Show, eine gute Lichtshow und...

Bassist Stig platzt durch die Tür rein und schreit hysterisch...(allgemeines Lachen, Jacob schaut ihm verwundert nach.)

Weiter im Text. Laust, euer Drummer erzählte mir mal, dass er, wenn er nicht gerade bei D-A-D spielt, an einem Solo-Projekt in Sachen elektronischer Musik arbeitet. Wie sieht's bei dir aus?

Ja, ich mache noch Jazz. Ich spiele Jazz mit ein paar guten Freunden von mir.

Macht ihr das vor einem Publikum oder nur für euch privat?

Privat. Sehr privat.

Im Schlafzimmer oder wie?

Ja, im Schlafzimmer! Sehr privat, sag ich doch... (grinst). Nur mit meinen liebsten und nächsten Freunden. Wir haben Jazz-Sessions im Schlafzimmer. Jam-Sessions! (grinst)

Okay, da frage ich jetzt nicht weiter. Jacob, dein Deutsch ist ja doch ziemlich gut. Hast du das mal in der Schule gelernt?

Ja, wir hatten Deutsch in der Schule, weil Deutschland der größte Exportmarkt für Dänemark ist. Deswegen hatten wir fünf Jahre lang Deutsch in der Schule und sind somit als effiziente Export-Dienstleister von dänischen Waren geschult worden.

Was gefällt dir denn an Deutschland so?

Also ich mag "Schweinehaxen" (mit leicht dänischem Akzent). Und ich mag natürlich deutsches Bier. Das ist besser als das dänische Bier.

Kennst du auch deutsche Künstler?

Nina Hagen! Ich war ein großer Nina Hagen-Fan.

In den 80ern, als sie Punk machte?

Ja, sie war auch mal in Kopenhagen. Kennst du das Album "The Spliff Radio Show"?

Nein, leider nicht.

Nein? Dann solltest du schleunigst nach Hause gehen und mal etwas nachforschen. Das ist eine CD von der Nina Hagen Band, nachdem sie für Nina gearbeitet hatten. Ein ziemlich lustiges Album.

Und "Ich hab den Farbfilm vergessen"?

"Der Farbfilm vergessen"? Nein, kenne ich nicht. Oder ich erinnere mich nicht. (lacht) Aber ich kenne natürlich noch die Toten Hosen. Die sind lustig. Wir haben sie mal vor Jahren bei Rock am Ring getroffen.

D-A-D existiert ja nun fast 30 Jahre...

26 Jahre!

...denkt man da mal über ein mögliches Ende nach?

(philosophierend) Das Ende ist immer nah. Weißt du, das Ende ist immer da.

Aber der D-A-D-Zug rollt ja jetzt noch. Da kommen doch noch ein paar Alben und Touren?

Ja, es hat aber keinen Sinn über Album Nummer 25 zu spekulieren, wir machen immer nur ein Projekt. Schritt für Schritt. Ein Album oder eine Tour zur richtigen Zeit. Es läuft einfach.

Habt ihr denn noch irgendwelche Pläne für die Zukunft? Vielleicht noch mal in Amerika spielen? Oder vielleicht Musik mit anderen Künstlern machen?

Aktuell haben wir sogar darüber gesprochen, noch mal nach Amerika zu gehen. Wir haben ein paar Freunde dort und hatten auch einen Plattenvertrag ein paar Jahre lang. Zwei Alben haben wir damals in Amerika rausgebracht. Jetzt würden wir gerne noch mal zurück gehen, um ein paar Clubgigs zu spielen. Mal sehen was passiert. Wir erwarten jetzt keinen neuen Plattenvertrag dort drüben.

Also einfach nur aus Spaß an der Freude?

Ja, warum nicht.

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