laut.de-Kritik

Zigeuner, Lagerfeuer und wild tanzende Menschen ...

Review von

Mit "Cantus Buranus" haben Corvus Corax letztes Jahr wirklich Großes geschaffen. Daran dürfte und sollte kein Zweifel bestehen, und nach einem so gigantischen Werk steht man normalerweise vor der bangen Frage: Wie soll man das noch toppen?

Die schlichte Antwort: Gar nicht. Oder zumindest haben sich die Spielleute ein Jahr danach noch keine großen Gedanken darüber gemacht. Anstatt erneut auf Bombast und ausufernde Kompositionen zu setzen, besannen sie sich auf "Venus Vina Musica" auf ihre Wurzeln und schrieben ein Konzeptalbum, das sie auch ohne Studiotechnik überall auf der Welt, zu jeder Tages- und Nachtzeit vortragen können.

In zwölf Stücken erzählen sie die Odyssee eines fahrenden Spielmanns, der auf der Suche nach der sagenumwobenen Tänzerin Sanyogita ist. Dabei wandert er durch Europa, Nordafrika und Kleinasien bis in den Fernen Osten. Diese Reise vollziehen Corvus Corax nun 800 Jahre später musikalisch nach und starten mit etwas, das jeder Musiker sein eigen nennen sollte: einem starken Zauber gegen Kopfschmerzen!

"Anti Dolores Capitis" ist nichts anderes als das, und so einfach durchzuführen. Man schreibe die Worte Löwe, Löwin, Stier, Tiger, Rabe und Panther auf ein Stück Papyrus, rolle es zusammen, binde es sich schweigend um den Kopf und brülle die Namen der Reihe nach in die Nacht. Dumm nur, dass Kopfschmerzen meist morgens auftauchen ... Egal, die Kolkraben machen es vor, ob es wirkt, muss jeder selber beurteilen.

Derart vorbereitet legen sie mit "Venus Vina Musica" furios los, man muss sofort an Zigeuner, Lagerfeuer und wild tanzende Menschen denken. Treibende Rhythmen und wild tönende Flöten laden zu ausgelassener Stimmung ein und bilden die persönliche Hymne unseres Helden. Der stößt auf seiner Reise als nächstes auf den Gelehrten Cafin'ddin al "Urmawi", der ihm ein instrumentales Stück Orient mit auf den Weg gibt. Wer hätte gedacht, dass Sackpfeifen so orientalisch klingen können?

Eine Rückkehr zu den Zigeunern steht mit "Tuska" ganz eindeutig an. Vor allem die trillernden Gesänge, die fast wie ein Jagdruf klingen und der wilden Flötenmusik einen besonderen Charme geben, sind neben den Trommeln wichtiger Bestandteil des zweiten Instrumentals. Als totaler Kontrast wirkt da eine Nummer wie "Qui Nous Demaine", die neben Trommeln und französischem Gesang eine Harfe als tragendes Instrument präsentiert.

Das nächste Instrumental steht uns schon mit "Bibet Aleum" ins Haus. Der Spielmann ist auf seiner Reise in Japan angekommen und lernt dort die Macht der Trommeln kennen. Die Dudelsäcke lernen allerdings auch ein paar asiatisch anmutenden Klänge. Das nächste, rein instrumentale Stück folgt sogleich mit "Katrinka", das quasi nahtlos in "Tertio" übergeht. Sind bei erstgenanntem noch musikalische Einflüsse aus dem Balkan zu hören, klingen bei "Tertio" bretonische Wurzeln durch.

Sehr sakral, vor allem wegen des Gesangs, präsentiert sich "Feralis Saltare", das in ruhigen Tönen auf den Höhepunkt der Reise hindeutet. Auf die Erfüllung seiner Träume stößt der reisende Spielmann schließlich mit "Sanyogita", die ihn mit ihrem Tanz ganz in den Bann zieht. Angefeuert von den Rufen der Zuschauer steigert sich das Stück in einen wahren Rausch. "Scotus" mag dabei so etwas wie die Privatvorstellung der Dame sein, die für unseren Spielmann wohl mit einem freudigen Ergebnis endet.

Weniger erfreulich ist das Zusammentreffen mit ein paar Mönchen auf seinem Heimweg. Die sind von seinem ausschweifenden Leben nämlich nicht sehr erfreut, denn zum Thema Fleischeslust fällt denen nur das von Augustinus überlieferte Lied "Lamentatio Coelibatus" ein. Da man sich als Mönch ja auch nicht, ähem, am Riemen reißen darf, greift man lieber zur Peitsche (aua), die man immer wieder knallen hört.

"Venus Vina Musica" ist ein weiteres, sehr gelungenes Album der Berliner geworden. Ein paar länderspezifische Instrumente wären vielleicht noch interessant gewesen, doch auch mit ihren Sackpfeifen findet die Band oft den richtigen Ansatz. Fans der früheren Scheiben werden auf keinen Fall enttäuscht sein.

Trackliste

  1. 1. Anti Dolores Capitis
  2. 2. Venus Vina Musica
  3. 3. Urmawi
  4. 4. Tuska
  5. 5. Qui Nous Demaine
  6. 6. Bibit Aleum
  7. 7. Katrinka
  8. 8. Terzio
  9. 9. Feralis Saltare
  10. 10. Sanyogita
  11. 11. Scotus
  12. 12. Lamentatio Coelibatus

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