laut.de-Kritik

Das "Yellow Submarine" der exotischsten Band des Britpop.

Review von

Britpop mit indischen Einsprengseln und 'weirden' psychedelischen Zusätzen kneten Cornershop seit den frühen 90ern zu ihrem unverwechselbaren Stil. Große Bekanntheit errang die Band erst, als sie mit der elektronischen Szene flirtete.

Auf "England Is A Garden" zeigt sich die Band aus Wolverhampton derweil recht konsequent akustisch, setzt aber zahllose Effekte ein. Cornershop ziehen vielfältige Percussions, orgelnde Keyboards und eine Flöte in den Mittelpunkt. Das virtuose Spiel profitiert von Experimentierlust und Einfallsreichtum: Viele subtile Spielereien 'on top' machen den Reiz aus, die filigrane Instrumentierung bildet die exzellente Grundlage. Gesprochene Schnippsel, Alltags-Atmo und Instrumental-Skits zieren den Weg durch den englischen Garten, der einem Sound-Dschungel gleicht und in der kreativen Sound-Collage "The Holy Name" gipfelt.

Dass der Bombay Bicycle Club weitaus mehr Ruhm einheimste, wirkt ungerecht, hört man deren ältere Platten und die aktuelle von Cornershop im Direktvergleich. Cornershop, eine Generation älter, klingen astrein wie die Urväter der Musik von Jack, Jamie, Suren und Ed. So entrollen sie Ohrwurm-Melodiekurven, die schon beim ersten Hören im Gehörgang kreisen, wie "Everywhere That Wog Army Roam", von Ferne asiatisch, afrikanisch und karibisch beeinflusst, wo sie den 'rastaman' grüßen und alten Vintage-Psychedelic-Funk der 70er vereinnahmen.

Andererseits tischt die Band aus dem Süßwaren-Kiosk auch trockene Stücke auf, in deren Melodieverlauf wenig passiert, die sich zäh wie Lakritz ziehen und jeglicher Eingängigkeit verwehren. Im Album-Flow erfrischt genau dieses Schroffe, paradoxerweise. Zum Beispiel zeigt der trance'artig repetitive Track "Cash Money" solch rauen Charme.

Dass gerade dieser sprödeste Track trotzdem catchy wirkt, liegt an der Kombination aus zwei essenziellen Cornershop-Markenzeichen: der verschrobenen, verstimmt wirkenden Klangfarbe der Sitar und einer Akkordfolge, die man im indischen Raga geborgt hat. So funktionierte auch der größte Hit der Gruppe, "Brimful Of Asha". Einst rotierte dieser Tune durch die Clubs, dank Allzweck-DJ Norman Cook (a.k.a. Fatboy Slim). Tanzbaren Groove hat auch die heutige Musik, ohne DJ. Richtig fette Beats würde man sich hier zwar mal als Kontrast in ein, zwei Songs doch wünschen, andererseits: Die Band appelliert an die Treue ihrer alten Fans. Es gibt hier wieder Songs und Passagen, die genauso auch in den frühen 90ern auf Cornershop-Alben gepasst hätten.

In "I'm A Wooden Soldier" zwängt sich die Bass-Gitarre-Drums-Grundausstattung durch ein spratzendes Sample-Machine- und Effekte-Feuerwerk. Die staubtrockene Melodie, die bassig transponierte Gesangslinie und die Verstärker-Späße lassen sich sogar auf die Zeit von T. Rex, frühe 70er, datieren. Dank noch einer Rolle rückwärts in der Zeit bedienen manche indische Harmonie-Verzweigungen in diesem Kontext des Britpop eine uralte Sehnsucht: Da kommt die unschuldige Phase der Beatles in den Sinn, als sie, noch harmonisch vereint, mit Kunst den Beat und Rock'n'Roll ablösten.

Songs wie "Norwegian Wood (This Bird Has Flown)" von "Rubber Soul" oder "Love You To", "Doctor Robert" und "Tomorrow Never Knows" aus "Revolver" erleben bei Cornershop nicht nur dank der Sitar eine Reinkarnation in neuem Gewand. "Cash Money" bezieht sich auch im Text auf die Fab Four.

Kommt man in diesem Sixties-Feeling an, so gerät "The Holy Name" auf der neuen Platte zu Cornershops "Yellow Submarine". Der straighte Stomper hat genau die passenden hymnischen Vibes, aber auch den banal geringen Tonumfang, in dem Ringo damals sang, und stimmiges, orchestrales Finetuning. Durch wechselndes Abmischen der Stimme in den Hinter- und Vordergrund, Stimmen- und Effektgewirr entsteht ein verblüffender räumlicher Eindruck mit punktuellen Links-/Rechts-Zuspielungen von Verstärker-Brummen, Summen und Fiepen. Hier spielen Cornershop am deutlichsten auch die hell klingende Tanpura-Laute und die indische röhrenförmige Dholka-Trommel aus. Schon klangtechnisch verlockt der Tune dazu, ihn mehrmals in Dauerschleife bewusst zu hören.

Selbiges gilt für die Reverb-Effekte im Intro von "Slingshot" und einzelne Klarinetten-Akzente, die sich etwa in den pessimistischen, sarkastischen Song "Highly Amplified" mogeln. In britisch-schwarzem Humor beweist sich Tjinder Singh hier auch mal als charismatischer Vokalist und bereitet uns darauf vor, dass die Welt untergeht und die Hölle ihre Tore öffnet, denn "the truth is rolling on". Bis er mitten im Song in Lachen ausbricht und alle Instrumente kurz anhalten.

Im wortspielerischen Song "No Rock: Save In Roll" setzen sich die Indo-Briten programmatisch mit der Musikentwicklung auseinander. Sie referieren darauf, wie Black Sabbath in Black Country bei Birmingham den Heavy Metal aus der Taufe hoben - und lassen es selbst ordentlich krachen. Cornershop sprühen vor Ideen.

Zum super gelungenen Comeback sei bemerkt, dass Vinyl und CD mit langer Lieferzeit an den Start gingen. Es handelt sich um eine Import-Platte, deren Release exakt in die Turbulenzen von Brexit und Corona platzte. Besorgen kann man sich die Platte im stationären Handel und auf den üblichen Plattformen kaum, dafür auf der Label-Website von Ample Play Records und auf Bandcamp, wo sie für HiFi-Nerds in zig Tonformaten auch digital abholbereit steht.

Trackliste

  1. 1. St Marie Under Canon
  2. 2. Slingshot
  3. 3. No Rock: Save In Roll
  4. 4. Everywhere That Wog Army Roam
  5. 5. King Kongs
  6. 6. Highly Amplified
  7. 7. England Is A Garden
  8. 8. Cash Money
  9. 9. Morning Ben
  10. 10. I'm A Wooden Soldier
  11. 11. One Uncareful Lady Owner
  12. 12. The Holy Name

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