laut.de-Kritik

Kollektive Evolution bei der Band aus München.

Review von

Verfolgt man die brodelnde Stoner Rock-Bewegung in Europa, dann stolpert man früher oder später unweigerlich über Colour Haze. Seit Dekaden zählt die Münchner Heavy-Psychedelic-Institution hierzulande zur Speerspitze eines Genres, das sie mit der Veröffentlichung ihres Debüts 1995 selbst aus der Taufe hob.

Anfänglich Sabbath und dem gewaltigen, staubtrockenen Sound von Kyuss huldigend, erweitern Colour Haze im Laufe der Zeit ihr Klangspektrum zu einem ganz eigenen, stilistisch mannigfaltigen Kosmos aus fragil gewebten, fast schwerelos durch den Raum mäandernden Melodieteppichen und erdig warmen Riffs im hippieskem 70er Jahre Stil. Das Credo, das die Band von vielen ihrer Genrekollegen unterscheidet? Kollektive Evolution im Dienste songdienlicher, tonaler Explorationen statt stumpfer, verkiffter Wiederholungen der immer gleichen Riffs. Mit "We Are" legen die Bayern nun ihr bärenstarkes 13. Album vor.

Dass die Herrschaften um Gitarrist und Sänger Stefan Koglek trotz der Vorliebe zur ausgedehnten Verspieltheit nach wie vor Bock auf starke und direkt zündende Rocknummern haben, machen sie mit dem eruptiven Opener und Titeltrack "We Are" klar. Der mit einer Spielzeit von lediglich dreieinhalb Minuten kürzeste und am stärksten in traditionellen Songstrukturen verhaftete Song der Platte knallt von der ersten Sekunde an nur so aus den Boxen und bügelt erst einmal alles glatt.

In den überlangen, von improvisatorisch aufgebauten Instrumentalparts lebenden "The Real" und "Life" spielen Colour Haze vollständig ihre überwältigende Bandbreite an Dynamik und kompositorischer Tiefe aus. Meisterhaft treffen Kogleks verträumt schwebende Melodien auf Schlagzeuger Manfred Merwalds ausgefeiltes, progressiv-jazziges Drumming, die meditativ treibenden Bassläufe von Tieftöner Philipp Rasthofer und das farbenreiche Spiel von Tastenmann Jan Faszbender.

Besonders das getragen melancholische "Life" nimmt den Hörer mit seinen erhabenen Melodien sofort in Beschlag und lässt ihn so schnell nicht mehr los. Überaus lebendig entwickelt das Quartett hier ein fließendes, bis zu seinem finalen Klimax stetig wachsendes und rhythmisch außerordentlich organisches, fast schon synästhetisch wirkendes Gefüge. Der hypnotische Groove dieses bittersüßen Neunminüters dürfte gerade live im Zusammenspiel mit der zu jedem Gig gehörenden analogen Lightshow im Geiste des Psychedelic Rock der späten 1960er seine Wirkung voll entfalten.

Beginnend mit dem im Intro von akustischen, spanischen Klängen umspielten "Material Drive" kommt auch das experimentelle, klanglich belebende Potential des erst 2017 zur Band gestoßenen Organisten und Keyboarders Jan Faszbender zum Tragen. Zwar spielt er bereits auf dem Vorgängeralbum "In Her Garden" mit, doch tritt er erst auf dem aktuellen Album mit seinem leichtfüßigen Kolorit prominent in Erscheinung. Das ergänzt den Colour Haze-Sound bestens und lässt erahnen, was hier zukünftig noch möglich ist.

Der Hang zum Großen beschränkt sich bei Colour Haze allerdings nicht nur auf die unfehlbare Vorliebe für wirkmächtige, vor Schönheit strotzende Melodien und Harmonien. Auch in seinen Lyrics widmet sich Frontmann Koglek über den Verlauf des Albums gerne großen humanistisch-existentiellen Sujets – insbesondere der Vergänglichkeit und Verbundenheit allen Lebens und natürlich der Liebe zum Leben als kosmische Konstante. Vor allem letztere thematisiert er in der trippigen Stoner-Wohlfühloase "I'm With You" mit knappen Worten wie "Where will you be when you're gone? / how will the things you've done carry on? / what will you leave when you die? / only works of love forever shine."

Da Koglek seinen Gesang lediglich als unterstützendes Melodieinstrument innerhalb der Architektur einer Komposition versteht, genügen ihm solch knappe, unmittelbare Worte. Es braucht nicht mehr, um den Liedern einen griffigen Inhalt zu geben. Was andere Bands dabei an Worten in nur eine Strophe packen, reicht bei Colour Haze für einen kompletten Song.

Nach einem kurzen Ausflug in krautige, an Neu! erinnernde Gefilde mit dem von lebhaften Flöten und einem motorischen Beat dominierten "Be With Me" ziehen die Neo-Psychedeliker im instrumentalen "Freude III" ein letztes Mal alle Register ihres Könnens. Mehr noch, mit diesem Finale fassen Colour Haze in eindrucksvoller Art alle Merkmale des Albums in einem Song zusammen. Das vielleicht wichtigste Merkmal von "Freude III" jedoch: Keyboarder Faszbender eröffnet und beendet den Song. Im dramaturgischen Gesamtkonzept der Platte schließt er damit den Bogen zwischen dem an ältere Platten erinnernden Sound des Openers und dem tastenlastigen, zukunftsweisenden neuen Klanggewand.

Mit "We Are" liefern Colour Haze ihr bestes Werk seit "Temple" (2006) ab und zeigen sich als virtuose, organisch operierende Einheit mit einem feinsinnigen Gespür für dramatische, hervorragend ausgearbeitete Spannungsbögen abseits gewöhnlicher Songstrukturen. Wer sich auf das bestens produzierte Album einlässt, dem eröffnen sich mit jedem Hördurchgang neue musikalische Schichten. Die Münchner verstehen es anno 2020 wie keine andere Band ihres Genres, mit Musik imaginäre Bilder zu malen und klanggewordene Landschaften vom Feinsten zu entwerfen.

Trackliste

  1. 1. We Are
  2. 2. The Real
  3. 3. Life
  4. 4. Material Drive
  5. 5. I'm With You
  6. 6. Be With Me
  7. 7. Freude III

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1 Kommentar mit einer Antwort

  • Vor 17 Tagen

    Tatsächlich wieder ein gutes Album geworden. Auch wenn es nicht ganz an das erwähnte "temple" ran kommt. Hat Potential, es auf Platz 2 des gesamten Outputs zu schaffen, trotz tendenziell hoher Qualität aller Alben. Aber schön zu sehen, dass sie hier mal Erwähnung finden. MMn neben Samsara Blues Experiment eine der besten Bands aus unseren Gefilden in dieser Musikrichtung.

    • Vor 10 Tagen

      Dem kann ich absolut nur zustimmen. Es gibt in dieser Szene zwar auch hierzulande echt viele Bands, doch über den Status die Kopie der Kopie der Kopie zu sein kommen nur wenige hinaus. Colour Haze und Samsara Blues Experiment heben sich ds deutlich von der Masse ab und liefern einfach geile Mukke! My Sleeping Karma muss man in diesem Atemzug aber auch nennen.