laut.de-Kritik

Die Schwestern messen der Inszenierung genauso viel Wert bei wie der Musik.

Review von

Seit 2003 verfolgen Cocorosie einen eigenen Sound-Entwurf, der vom Kontrast aus dem warmen Pop-Operngesang sowie dem Gitarren-, Harfen- und Klavierspiel Sierra Casadys einerseits und dem Spielzeugkeyboard, der Elektronik sowie den Raps und der hohen Kindchen-Stimme ihrer Schwester Bianca Cassady andererseits lebt. Dabei messen die beiden der Inszenierung genauso viel Wert bei wie der Musik. So lösen sie sich mit ihrem Erscheinungsbild mit Baseballcaps und aufgemalten Bärten von der klassischen Vorstellung von Frau und Mann. Auch mit "Put The Shine On" hält die US-amerikanische Band an ihren bisherigen Tugenden fest. Nur fehlt es der Platte leider größtenteils an mitreißenden Momenten.

"High Road" lässt mit klaren, aber auch nicht sonderlich innovativen Klavier-Tönen und weiträumigen R'n'B-Beats zu Beginn erst einmal ein wenig aufhorchen, geht die Musik doch mehr in die Breite als in der Vergangenheit. In "Mercy" gesellt sich dann noch eine Gitarre dazu, die auch im weiteren Verlauf eine größere Rolle einnimmt als auf den Vorgängern. Jedoch verlaufen die Raps, die souligen Gesangs-Einschübe sowie die verspulten Klang-Experimente dann doch etwas ins Leere, hat man das alles von den Casady-Schwestern früher schon weitaus freakiger vernommen. Da tut das all zu glatte und gefällige Sound-Gerüst nur sein Übriges.

Eine bodenlose Frechheit bildet dann das anschließende "Restless". Dort kopieren Cocorosie nicht nur die Klavier-Motivik und die Melodik, sondern auch die poppige Stimm-Führung einer frühen Lily Allen Eins zu Eins. Das spricht für ihre musikalische Ideenlosigkeit, die vor allem die zweite Hälfte dieses Albums prägt.

Zunächst wird es jedoch mit den folgenden Titeln ein wenig interessanter. "Smash My Head" glänzt zwar auch nicht unbedingt durch Innovation, weiß aber mit seinem harten Industrial-Rock-Gerüst und der unkonventionellen Melodie-Führung durchaus zu überzeugen. Dazu passt ebenso der wütende Text, der darum kreist, wie man mit psychisch Kranken im westlichen Kulturkreis umgeht.

Etwas mehr Ruhe kehrt schließlich mit dem geisterhaften "Where Did All The Soldiers Go" ein, das mit sparsamer Elektronik und fragilem Gesang Biancas kontinuierlich die Spannung Aufrecht hält. Etwas abenteuerlicher gestaltet sich dann "Hell's Gate" mit tanzbaren Indie-Grooves, psychedelischen Keyboard-Einschüben und warmer Stimm-Führung. Allerdings verlieren Cocorosie, je mehr der Track voranschreitet, den roten Faden aus den Augen.

Den sucht man danach in "Did Me Wrong" noch vergeblicher. Das hält zwar eine Menge Tempowechsel bereit, aber wohin die Casady-Schwestern mit dem Track hinwollen, scheinen sie vermutlich selbst nicht zu wissen, wenn sie sich nahezu im Sekundentakt zwischen Opern-Gesang, Raps, klassischem Piano und Industrial-Beats ziellos hin- und herbewegen.

Immerhin schöpfen sie im Anschluss in "Lamb And The Wolf" ihre textlichen Möglichkeiten voll aus, verbindet die Nummer doch Nostalgie mit biblischen Motiven. Nur handelt es sich beim straighten Elektronik-Rhythmus und der Melodie erneut um eine schamlose Kopie, da Parallelen zu Gwen Stefanis "Hollaback Girl" bestehen, die selbst ein Pop-Laie kaum überhört.

So richtig fällt der Band musikalisch auch nichts in "Slow Down Sun Down" ein, das im Downtempo ohne nennenswerte Höhepunkte vor sich hinkriecht. Zur Abwechslung zitiert sie dann in "Burning Down The House" die Talking Heads, ohne sich dabei wieder einmal auf dünnes Eis zu begeben. Die treibende Polyrhythmik und das Catchige in den Melodien der Post-Punker verbinden Cocorosie nämlich auf recht organische und unterhaltsame Weise mit ihrer eigenen klanglichen Welt.

Anschließend geht es mit "Ruby Red" aber erneut ins Nichtssagende, wenn die Beats gemächlich vor sich hinstampfen und durch das permanente Wechselspiel zwischen Raps und opernhafter Stimme kaum eine greifbare Song-Struktur entsteht. Zumindest verdeutlicht "Aloha Friday", wie gut das Album hätte werden können, wenn Cocorosie anstatt auf auf halbgare Ideen und so manch lausige Kopie einfach mal öfters auf Emotionalität gesetzt hätten: da schnüren einem die flirrenden Streicher, die düsteren Beats und das leidvolle Organ Biancas von Sekunde zu Sekunde immer mehr die Kehle zu. Ansonsten findet man dieses Erschütternde auf "Put The Shine On" im Gegensatz zu früher nur noch mit der Lupe.

Trackliste

  1. 1. High Road
  2. 2. Mercy
  3. 3. Restless
  4. 4. Smash My Head
  5. 5. Where Did All The Soldiers Go
  6. 6. Hell's Gate
  7. 7. Did Me Wrong
  8. 8. Lamb And The Wolf
  9. 9. Slow Down Sun Down
  10. 10. Burning Down The House
  11. 11. Ruby Red
  12. 12. Aloha Friday

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