laut.de-Kritik

Starke Texte, düster-subtiler Groove.

Review von

Fünf Jahre sind seit "Ich Glaub Dir Gar Nichts Und Irgendwie Doch Alles" ins Land gezogen. Kevin Hamann hatte es in der Zwischenzeit nicht wirklich leicht: Der ohnehin eher schon melancholische Musiker fand sich in einer Depression wieder, die eine Menge Fragen im Gepäck hatte, Antworten aber nicht.

Das hat sicher dazu beigetragen, dass "Am Arsch Der Kleinen Aufmerksamkeiten" wie ein musikalisches Notizbuch wirkt, mit Fragmenten statt Texten, mehr für sich selbst als für ein Publikum geschrieben. Schon die Tracklist mutet mitunter seltsam an. "Zwei Klettergerüst" ergibt grammatikalisch keinen Sinn, "Zu Spät Zu Blöd" und "Fast Nie Eigentlich immer" fehlt jeweils ein Komma, und was zur Hölle ist bitte "Mandelika"? Außerdem hat "Bielefeld" erstaunlich wenig mit Bielefeld zu tun.

Das lässt sich aber alles nicht gegen das Album ins Feld führen. Spätestens ab der beschwingt groovenden Beerdingsungsanweisung "Läuft Es Eher Daneben" ist der Widerstand gebrochen. ClickClickDecker liefern einmal mehr, was sie am besten können: intelligente Text mit Identifikationspotenzial zu fein produziertem Indie-Folk-Pop.

Dabei erweitert Album Nummer fünf ("Du Ich Wir Beide Zu Den Fliegenden Bauten" zählt als Livealbum nicht) vor allem das musikalische Spektrum. Die auf "Ich Glaub Dir Gar Nichts Und Irgendwie Doch Alles" begonnene Entwicklung vom naiven Gitarrenfolk hin zum breiteren Bandsound setzt sich fort. Immerhin verstecken sich hinter dem Bandnamen nun nicht mehr einzig Kevin Hamann und seine Gitarre, sondern auch Oliver Stangl, Sebastian Cleemann und ein Sammelsurium von Instrumenten.

Ein ideales Beispiel für diese Opulenz bietet der Opener "Mandelika", der in seiner ersten Minute eine "Wall Of Sound" aus Harmonium, Gitarre, Schlagzeug und diversen Effektgeräten errichtet. Danach geht es zurück in bekannte Gefilde. Der Bombast weicht der wohlbekannten Akustikgitarre, langsam wächst der Sound um Bass, Drums und eine akzentuierte Orgel. Dazu läuft Texter Hamann auch gleich zu Höchstform auf. "Ich weiß einen Scheiß über dich / Das ist bestimmt bedauerlich / Es interessiert mich einfach nicht."

Zeilen wie diese markieren die Glanzmomente des Albums. Immer wieder folgen sie auf Collagen aus Textschnipseln, die eine Atmosphäre kreieren. Wenn in "Zwei Klettergerüst" auf die Strophe" Betonier' diese Umarmung, damit ich / sie nicht mehr durchbrechen kann" der Refrain "Wenn du mich so magst / Warum sagst du es nicht / es gibt dich und mich und uns" folgt, dann ergibt die ganze Nummer auf einmal Sinn.

Der stärkste Song des Albums ist auch der kürzeste. "Schreckmensch" bringt innerhalb von nur 1:33 Minuten und drei Zeilen eine ganze Depression auf den Punkt. "Was ich von mir sagen will / und was ich von mir halte / ich bin der schrecklichste Mensch der Welt."

Weil ClickClickDecker eine kluge Band sind, lassen sie ihren Frontmann damit nicht alleine, etwa in einem pathetisch-traurigen Song, nur untermalt von einer gezupften Akustikgitarre. Stattdessen unterstützt ihn raumgreifender Sound, der zwar düster daherkommt, aber auch einen ganz subtilen Groove besitzt.

Das Zwillingsstück hierzu dauert ebenso keine zwei Minuten. Für "Liebchen" zieht die Band das Tempo an, während der Text vom Weg aus der Depression handelt. "Der lange Marsch zu dir selbst" nach "deinen Wiederbelebungsversuchen unten am Elbstrand".

Die E-Gitarre bekommt in "Am Arsch Der Kleinen Aufmerksamkeiten" immer wieder ihre Auftritte, zum Beispiel direkt nach "Schreckmensch", im Intro zu "Festschwimmen". Wie entfesselt spielt sie auf und spült dabei die Gehörgänge von der schweren Kost davor frei.

Solche Momente bleiben nach dem ersten Durchlauf aber nicht unbedingt im Ohr kleben, sie fügen sich in diesen warmen Klangteppich aus Akustik-Gitarre, Perkussion und Klavier ein. Erst bei zwei-, dreimaligem Hören lässt sich ganz begreifen, was alles vor sich geht. Rutschende Finger auf den Gitarrenseiten, zum Beispiel, wecken ein analog-warmes Gefühl, wie auf den frühen Sachen.

Der Charme von Nummern wie "Der Ganze Halbe Liter" oder "Wer Hat Mir Auf Die Schuhe Gekotzt" liegt zu einem nicht unbeträchtlichen Teil in deren schlichten, ungekünstelten Produktionsweise. Der Klang der Akustikgitarre wirkt immer lebensnah, ganz als käme sie nicht aus den Boxen, sondern den eigenen vier Wänden.

"Ich Glaub Dir Gar Nichts Und Irgendwie Doch Alles" hatte diese Stärken leider außer Acht gelassen und zugunsten einer dichteren, polierten Produktion über Bord geworfen. "Am Arsch Der Kleinen Aufmerksamkeiten" meistert nun den Spagat, diese zwei Varianten der Produktion zu kombinieren. Einfallsreiche Instrumentarien treffen immer wieder auf Momente rauer Produktion. Dazu zeigt sich Kevin Hamann in bestechender lyrischer Form.

Trackliste

  1. 1. Mandelika
  2. 2. Läuft Es Eher Daneben
  3. 3. Bielefeld
  4. 4. Stoßlüften
  5. 5. Palmaille
  6. 6. Minutenklopfer
  7. 7. Schreckmensch
  8. 8. Festschwimmen
  9. 9. Zwei Klettergerüst
  10. 10. Wie Wenn Du nicht Mitkommst
  11. 11. Liebchen
  12. 12. Zu Spät Zu Blöd
  13. 13. Fast Nie Eigentlich Immer

Preisvergleich

Shop Titel Preis Porto Gesamt
Titel bei http://www.amazon.de kaufen ClickClickDecker - Am Arsch der Kleinen Aufmerksamkeiten €12,99 €3,00 €15,99

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Clickclickdecker

Clickclickdecker ist einer von diesen Typen, zu dessen besten Freunden eine wahrscheinlich alte und halb kaputte Gitarre gehört. Das ist gut, denn so …

1 Kommentar mit 7 Antworten

  • Vor 6 Monaten

    Nebenan beschweren sich selbsternannte Musikfreunde über die hierzulande zu verbreitete generische deutschsprachige Unterhaltungsmusik mit ihren platten Texten und den anbiedernden Airplay-Baukasten-Arrangements. Eine der wenigen verlässlichen und funktionalen Antithesen dazu bleibt gleichzeitig völlig unkommentiert. Do the math.

    • Vor 6 Monaten

      Was vielleicht auch daran liegt, dass der gute Herr Alben veröffentlicht, die man vielleicht öfter hören möchte, bevor man keine sechzig Stunden nach der Veröffentlichung was dazu sagen möchte ;)

      Dein Lob für Clickclickdecker teile ich aber. Einer der besten deutschsprachigen Künstler und vor allem Texter. Ich bin ein bisschen von dem Tempo vieler Songs irrietiert, grade weil der Vorgänger und die erste Single so schöner Einigelpop waren.

    • Vor 6 Monaten

      "Eine der wenigen verlässlichen und funktionalen Antithesen dazu bleibt gleichzeitig völlig unkommentiert."

      sich etwas anhören =/= sich dazu schriftlich äußern.

    • Vor 6 Monaten

      Midlife Crisis Musik der wahlweise eine E-Gitarre oder ein (richtiger) Sänger fehlt (oder beides).

    • Vor 6 Monaten

      "sich etwas anhören =/= sich dazu schriftlich äußern."

      Schwingt doch in meiner Kritik bereits mit. Drüben beim Forzer äußern sich etliche user schriftlich zu etwas, was sie sich - wenn überhaupt - einmalig und ad hoc anhören. Von denen paar, die neben ihrem Gemecker TATSÄCHLICH an guten deutschen Texten (oder zumindest besseren als denen vom Forzer) interessiert sein könnten, liest mensch aber selten bis nie entsprechende Empfehlungen oder wenigstens Belobigungen unter den besseren Beispielen. Schlechte (wenn auch sehr verbreitete) Angewohnheit, imho. Die Kommentar-Ratio spricht da auffällig häufig für sich.

    • Vor 6 Monaten

      Heul leise!!!

    • Vor 6 Monaten

      Hier werden wieder mehr Schellen verteilt als an Karneval durch Kostümfachverkäufer.

    • Vor 6 Monaten

      ...außer halt an diejenigen, die wieder allzu erbärmlich darum betteln, sollte klar sein.