laut.de-Kritik

Märchen mag doch irgendwie jeder.

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Aus vier mach eins und eins: Nach zehn Jahren Bandgeschichte sind Clap Your Hands Say Yeah um die Hälfte geschrumpft. Tyler Sargent und Robbie Guertin verließen im Juli 2012 die Band. Die zurückgebliebenen Alec Ounsworth und Sean Greenhalgh leben nicht einmal in den gleichen Städten. "Only Run" entstand quasi unter Ounsworths alleiniger Feder.

Es ist also anzunehmen, dass dieses Album genauso ausgefallen ist, wie Ounsworth es haben wollte. Ihm scheint offenbar ziemlich egal, ob es einen ähnlichen Hype auslöst wie die Anfangsalben, da dieser Hype sowieso nie geplant oder gar gewollt war.

Dementsprechend schwierig gestaltet sich "Only Run" auch. Den Zugang bekommt man nicht gerade auf dem Silbertablett serviert. Die Songs fließen oft ohne wirkliches Highlight oder überhaupt ohne Steigerung vor sich hin. Herr Ounsworth lallt traurige Zeilen. Ob all das am Computer entstand, oder ob doch Instrumente zum Einsatz kamen, hört man nicht so leicht heraus. Dennoch: Hat man die Anfangs-Reaktion - Hä? Puh! - erst einmal überwunden, entdeckt man durchaus charmante Titel.

"Your Advise" liefert ein Beispiel. Es beginnt mit Gelächter, fast eine Minute dauert das Intro. Es folgt melodischer Gesang zu elektronischen Klangteppichen, ohne Höhepunkt oder größeren Spannungsbogen plätschert es dahin. Dennoch: Es klingt wie ein vertontes Märchen, und Märchen mag doch irgendwie jeder.

Stärkere Beats bietet unter anderem "Beyond Illusion". Alec tut mit seinem Stimme, wofür diese so bekannt ist: gefühlt immer eine Minisequenz daneben liegen und nicht immer ganz im Takt bleiben. Zugegeben, das muss man mögen. Dann aber erscheint "Beyond Illusion" wohl als eines der herausragendsten Stücke des Albums. Denn trotz des "We were born to ride alone"-Depri-Textes vermittelt es ein Gefühl von Glück und Euphorie.

"Impossible Request" gibt es gleich in zwei Versionen: In der alternativen Variante am Ende des Albums verzichten CYHSY auf einen Großteil der Instrumentierung, wodurch es sehr viel ruhiger daherkommt und Ounsworth' Stimme voll in den Vordergrund rückt. "Only Run" beginnt mit dem Satz "It's a beautiful world", besingt dann jedoch eher negativ: "I don't need to be strong, I don't care anymore." Mitten im Stück gibt es plötzlich einen Cut. Es folgt so etwas wie ein kleiner Song im Song, ein sehr ruhiges Zwischenspiel mit Orgelklängen, das sich im Vierviertel-Takt ausgeht.

Über den Verlust der zwei Bandmitglieder scheint Ounsworth hinweggekommen zu sein. Zumindest hat er sich würdigen Ersatz gesucht. Für das Down Beat-Stück "Cover Up" steht Kid Koala hinter den Turntables. In "Coming Down" hat The National-Sänger Matt Berninger einen Gastauftritt. Übernimmt er anfangs eher eine Sprech- als Gesangsrolle, ergibt sich gegen Ende ein Zusammenspiel zweier außergewöhnlicher Stimmfarben, bis der Song im buchstäblich seinen letzten Atemzug macht.

Ounsworth war irgendwie schon immer ein etwas komischer Kauz. Verschlossen und mit nöliger Stimme lieferte er introvertierte Bühnenauftritte. Ein sympathisch schräger Vogel, und gleichzeitig ein kleines musikalisches Genie. Mit diesem Fronter taten Clap Your Hands Say Yeah nie, was jemand von ihnen erwartete oder verlangte. Sie zelebrierten Lo-Fi im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Label, Heimaufnahmen, selbst organisierte Touren und selbst verschickte Platten.

"Only Run" erscheint nun wie die logische Weiterentwicklung eines Künstlers, der aus seinen Erfahrungen der letzten Jahre einiges mitgenommen hat, sich entfaltet hat, reifer und vielleicht auch etwas ruhiger wurde. So ist "Only Run" nicht mehr ganz so wundervoll ungestüm, wild und verschroben wie "Some Loud Thunder" - aber an die Brillanz dieses Albums noch einmal heranzukommen, wäre sowieso fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Trackliste

  1. 1. As Always
  2. 2. Blameless
  3. 3. Coming Down
  4. 4. Little Moments
  5. 5. Only Run
  6. 6. Your Advice
  7. 7. Beyond Illusion
  8. 8. Impossible Request
  9. 9. Cover Up
  10. 10. Impossible Request (Alternate Version)

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