laut.de-Kritik

Die Synth-lastigen Popsongs sind hier nur noch Altlast.

Review von

Was kann man noch von den Schotten erwarten? Im Laufe der Zeit ging die Qualität sukzessive runter, man verlor generell die Leichtigkeit und das Händchen für mitreißende Melodien der Anfangstage. Besonders "Love Is Dead" stand für mit abstinente Inspiration und aufbauschende Effekthascherei. Drei Jahre später folgt unter Pandemie-Bedingungen das vierte Studioalbum "Screen Violence", bei dem man einen anderen Ansatz verfolgt und sich auch etwas traut. Chvrches sind auf dem Weg der Besserung.

Die schlimme Zeit, die noch immer das Weltgeschehen prägt, veranlasste das Trio dazu, ihre Darbietung roher und drückender zu gestalten. Der Grundgedanke speist sich aus der Überlegung, dass wir uns durch den überbordenden Einfluss von Bildschirmen mehr von der Realität entfernen und es uns deshalb schwerfällt, uns mit eben dieser zu konfrontieren. Lyrisch offeriert Mayberry den größten Schritt und erzählt überzeugend von Ängsten, Trauer, Abschied, Tod, Sehnsucht, Eskapismus und leisen Hoffnungsschimmern. Eine starke Emanzipation!

Die Zeilen weben sich in das teils neue musikalische Gewand gekonnt ein. Ian Cook und Martin Doherty betreten neue Ufer und versuchen sich am Alternative-Rock, was mit den eher düsteren Geschichten perfekt harmoniert. "Violent Delights" beherbergt noch einen cineastischen Breitbild-Anstrich, samt unruhigem Schlagzeug und einem verzweifelten Refrain. Große Emotionen und Gänsehaut sind garantiert.

Dabei überfrachten die beiden Instrumentalisten ihre Songs nicht oder ertränken sie in brachialen Synthies, sondern zeichnen Melodien mit dem feinen Pinsel. Sie finden zurück zu ihrem Gespür für pittoreske Melancholie, spielen gekonnt die leisen Töne und geben Lauras Stimme den nötigen Raum, wunderbar zu hören im traurigen "California", bei dem E-Gitarren das erste Mal aufhorchen lassen. Leichtgängiger Indie-Rock in "Final Girl" schlägt hingegen versöhnlichere Töne an.

Sogar richtig wütend und fies poltern Chvrches in "Nightmares" und geben eine nie gesehene Seite von sich preis. Mit viel Distortion, einer furiosen Laura am Mikrofon und beengender Soundkulisse beschwören sie die dunkelste Atmosphäre des Albums herauf.

Das Glanzstück, bei dem all die neuen Stärken zusammenlaufen, findet sich beim einzigen Gast des Albums: "How Not To Drown" mit The Cure-Sänger Robert Smith überstrahlt in den fünf Minuten Spiellänge alles Dagewesene. Clever gelooptes Piano, einnehmender Refrain, kernige Gitarren, smarte Rhythmuswechsel und Smiths unverkennbares Organ sorgen für ein ganz besonderes Erlebnis, speziell durch das verhallte und träumerische Outro.

Die Vergangenheit und wofür die Chvrches stehen, streifen sie nichtsdestotrotz nicht ganz ab, denn Synthiepop gibt es auch auf "Screen Violence" zu finden. Meist allerdings als Schwachstelle: "Asking For A Friend" gerät zu lang und schleppend, "Good Girls" wächst nicht über süßlichen Elektro-Pop hinaus, das zähe und liebliche "Lullabies" bleibt auf der Strecke und das hibbelige "He Said She Said" passt zwar zu einem Anime, entpuppt sich leider als nicht spannend genug und nichtssagend. Ein verwässernder Brei, der die Spielfreude und das Risiko nicht in den Pop überträgt - eine vertane Chance.

Mit "Better If You Don't" spielen die Chvrches ihren eigenen Abspann-Song. Mäanderne, trockene Gitarren und Lauras Gesang über Resignation und Selbstzweifel bilden einen gelungenen Abschluss für "Screen Violence". Ein mutiges Album, das überfällige und frische Impulse durch den Genrewechsel hin zu rockigeren Alternative-Gefilden erhält und ihren Sound diversifizierter und feinsinniger gestaltet. Man muss ihnen zugute halten, dass sie sich treu bleiben wollten mit den Synth-lastigen Popsongs, doch gerät gerade dies zu einer unliebsamen Altlast, weil sie die neu gewonnene Kreativität nicht in ihre gewohnte Klangkulisse integrieren. Sei's drum: Mit Album Nummer vier geht es wieder bergauf!

Trackliste

  1. 1. Asking For A Friend
  2. 2. He Said She Said
  3. 3. California
  4. 4. Violent Delights
  5. 5. How Not To Drown (feat. Robert Smith)
  6. 6. Final Girl
  7. 7. Good Girls
  8. 8. Lullabies
  9. 9. Nightmares
  10. 10. Better If You Don't

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LAUT.DE-PORTRÄT Chvrches

Chvrches aus Schottland stehen für melancholischen, dennoch tanzbaren Synthie-Pop mit schönen Melodien und einer sympathischen Frontsängerin. Dabei …

7 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor einem Monat

    Leider nicht die erhoffte Rückkehr zu alten Stärken. Zwar ist kein Star-Producer mehr an Bord, der die Band kreuz und quer durch amerikanische Studios scheucht und Plastikpop singen lässt, aber es ist trotzdem keine große Steigerung zum verhunzten "Love Is Dead". Klingt einfach zu ziellos und generisch. Chvrches konnte mal hymnische Banger schreiben, aber die kreative Inspiration war offensichtlich nach dem zweiten Album aufgebraucht.

  • Vor einem Monat

    Wie hat sich denn der Robert in diesen Song verirrt? Das passt ja nun gar nicht zusammen.

    • Vor einem Monat

      Bei "Gorillaz"zB., da passt der gute Mann nicht rein, aber hier passt die Stimme von Herrn Smith perfekt! Ein seltsamer Post, Northern Fanboy....

    • Vor einem Monat

      Stil- und Geschmacksfrage, MiWo.
      Der Openingtrack gefällt mir z.B. im Gegensatz zum Rezensenten am besten. Bei "How not to drown" ist für mich das Auftreten von Smith nicht schlüssig. Abgesehen davon finde ich das Stück sehr stark, aber für mich harmoniert's eben nicht. Ich sehe in den Gitarreneinsprengseln auch keine wirkliche Weiterentwicklung, insgesamt gibt es für mich bisher vier gute Tracks. Der Rest ist eher skipbar.

  • Vor einem Monat

    Bin seit dem ersten Album Fan der Band, mochte jedoch das dritte gar nicht, bis auf die Auskopplungen aus den Hansa-Sessions. Dieses Album finde ich insgesaamt gelungen, auch wenn einige Songs etwas zu lang sind. Violent Delights fällt mir da leider besonders auf.

    Meine Lieblinge vom Album sind: California, How not to drown und Nightmares.

  • Vor einem Monat

    Möglicherweise bin ich einer der wenigen, die auch das letzte Album ziemlich gut fanden. Im Vergleich hierzu allerdings dann doch etwas glatt.
    Screen Violence ist dagegen deutlich interessanter und abwechslungsreicher, ohne weniger große Melodien im Köcher zu haben. Allein "How not to drown" ist für mich ein Meisterwerk. Darüber hinaus kickt mich aktuell "Violent Delights" am meisten. Bin gespannt, wie die Halbwertszeit der Songs ist, bin aber guter Dinge - 4,5/5 von mir.

  • Vor einem Monat

    Ich weiß nicht ob der Typ betrunken wart oder andere Sachen zu sich nimmt. Wer diese Musik nicht mag soll kein Kommentar dazu abgeben. Ich hab alle Alben und alle auch schon deutlich über 100 mal gehört das neue Album suchte ich derzeit. Love is Dead war ein richtig gutes Album mit einer etwas anderen richtung als die ersten die Abwechslung war bzw ist immernoch gelungen.

  • Vor einem Monat

    Die ersten zwei Alben sind beide 5/5er. Aber irgendwie klickt es seitdem so gar nicht mehr bei mir.