laut.de-Kritik

Lebenslänglich Disco!

Review von

Auftritt Christian Kreuz: "Für den Funk, für den Soul, Anarchie und Rock'n'Roll, wir sind bereit". Dabei konnte niemand, nicht einmal diejenigen, die seine alte Band Dakar & Grinser kannten, darauf gefasst sein, was hier kommen würde. Während Ex-Kollege Kuhn aka Grinser mit Grom seine Liebe zu prätentiösem Synthie-Pop im Leoparden-Chic mehr als deutlich machte, skandiert Kreuz auf "Diktatur des Kapitals" lauthals und eher lederjacken-ummantelt "Danger, Danger! High Voltage!" oder wahlweise "Lebenslänglich Disco".

Den Hörer erwartet ein polarisierendes, heftig zuckendes Elektro-Kardiogramm in dreizehnfacher Ausführung mit Kreuz als nölendem Party-König. Die ersten Falco-Vergleiche hat er schon über sich ergehen lassen müssen, und richtig ist, dass auch die lässige Kodderschnauze des Dakars ziemlich einzigartig, zugleich dekadent und mit Augenzwinkern daher kommt. Kulturpessimismus im Gucci-Sakko, mit Bourbon in der Hand und Weed in der Tüte.

Dabei geriert er sich jedoch nicht als neuer Staatsfeind Nummer 1, der marxistische Thesen rezitiert. Vielmehr propagiert Kreuz das Leben im Jetzt, auch wenn wir uns 2003 in einer Welt der Wirtschaftskrisen und der harten Kämpfe um Absatzmärkte befinden, und so mancher dadurch von Stress und Existenzängsten heimgesucht wird. Zur Beruhigung nimmt uns Hedonismus-Papst Kreuz an die Hand und stapft durch sein ganz persönliches Glamorama: D&G sind Vergangenheit, doch über Marken weiß der Freizeit-Revoluzzer mehr denn je: "Koks und Prada für die gaga Intifada", ein Slogan mit der Wucht eines Arbeiteraufstands. Everybody dance now!

Auf musikalischem Sektor tritt Kreuz die rockende Elektro-Attitüde seiner Ex-Band breit, injiziert dem Ganzen eine Energie-Spritze, die die International Noise Conspiracy zum Leben braucht, und scheut im Extremfall auch keine proletarischen Stadionrock-Gitarren ("Freunde Der Sonne"), schon gar nicht über stampfenden EBM-Beats ("Koks & Prada"). Falcos schönes Statement "Das Hirn voll Heavy Metal und die Leber ist hin" darf hier durchaus programmatisch gesehen werden.

Als schicker Lady Lover weiß er vom anderen Geschlecht nicht weniger zu berichten als von Münchens Schickeria, am intensivsten in "Verrückt nach Liebe", ein auf den Punkt gedichtetes Stück Beziehungsprosa mit Zeilen wie "Sie ist das Paradies, zumindest war sie dies, bis das herzlose Biest mich verließ". Was ihm ebenso meisterlich von der Hand geht, ist die Überführung seines Styles in den Reggae-Kontext: "Sie irren umher" und "Küss Mich" sind amtliche Groover, die einem gerade ohne Peter Tosh-Sozialisation schlüssig reinlaufen, "Pfeile In Mein Herz" dubbt sogar herrlich elektroid.

Auch in Sound- und Arrangement-Fragen lässt er kein Fingerspitzengefühl vermissen und verbindet verschiedenste Einflüsse wie Breakbeats oder "Saturday Night Live"-Streicher ("Lebenslänglich Disco") zu einem groovenden Ganzen. Gegen Ende verarbeitet er in treffenden Worten noch ein wenig Kapitalismuskritik ("Es Führt Kein Weg Zurück"), bevor das halluzinogene "Wenn Das Letzte Licht Erloschen Ist" den Deckel auf die Elektroplatte des Jahres neben Zoot Woman draufsetzt. Kein Aber.

Trackliste

  1. 1. Wir Sind Bereit
  2. 2. Verrückt Nach Liebe
  3. 3. Koks & Prada
  4. 4. Lebenslänglich Disco
  5. 5. Sie Irren Umher
  6. 6. Freunde Der Sonne
  7. 7. Reiten Durch Die Nacht
  8. 8. Pfeile In Mein Herz
  9. 9. Küss Mich
  10. 10. Nur Geträumt
  11. 11. Diktatur Des Kapitals
  12. 12. Es Führt Kein Weg Zurück
  13. 13. Wenn Das Letzte Licht Erloschen Ist

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