laut.de-Kritik

Brutal, dreckig und fiktiv wie ein John Woo-Film.

Review von

Erkenntnisse aus der Trap: Mantraartig beschwört Chief Keef wieder das Leben für und in der Gang herauf, unterlegt von düsterer 808-Marschmusik, die selbst dem letzten hängengebliebenen Realkeeper aus Buxtehude das Genick brechen dürfte. "Bang 3" ist ein wahrgewordener John Woo-Film: brutal, dreckig, unmoralisch, bunt, fiktiv. Ein Action-Thriller im wahrsten Sinne des Wortes. Dass der Chitown-Ghettosuperstar – wie Childish Gambino schon bei Noiseys "Back and Forth"-Format feststellen musste – eine nebulöse und oft nicht zu greifende Person darstellt, macht zu einem großen Teil auch den Reiz seiner Musik aus.

Keef ist O-Dog 2.0, von realistischer Darstellung und moralischer Wertung weit entfernter Wahnsinn aus Chiraq – wo sich Main-Shooter und Main-Bitch gute Nacht sagen. Als O-Dog 1993 im Kinofilm "Menace II Society", den Prototypen des unberechenbaren, aggressiven, schwarzen Jugendlichen am Rande der Gesellschaft in die Welt trug, war Keith Cozart zwar noch nicht geboren. Trotzdem trägt er heute genau jenen Geist in sich, gebündelt in kodierten Schlachtgesängen, die für Normalsterbliche schwer zu verstehen sind.

"Molly" ist eben nicht das nette Nachbarsmädchen sondern pulverisiertes MDMA, und bereits der famose Opener "Laurel Canyon" quillt als düsterer Stoff aus den Maschinen von Dj Chopsquad, den man von Sosas ersten Mixtapes kennt. Roh und unzensiert erklärt er das ganze Land zum Ghetto. Alle sind Gangmember, ob sie wollen oder nicht.

Auf "Superheroes" spult Keef, gefeatured von einem gut aufgelegten A$AP Rocky, den kompletten Backkatalog des Comic-Games runter, und tötet alles und jeden auf einem morbiden Slasher des Produzenten Slam. Nicht nur beim relaxt-rollenden "I Just Wanna" mit Everybodys Darling Mac Miller stellt Sosa unter Beweis, dass er mittlerweile zu einem großen Produzenten gereift ist. Brüdern wie Zaytoven, DP Beats und Chopsquad sei Dank. Eine Träne kullert jedoch aus dem Knopfloch, da Herr Miller kein zweiter Fredo Santana ist. Der kongeniale Partner in Crime fehlt leider gänzlich auf dem zweiten regulären Studioalbum.

Insgesamt kann Keef das Niveau der genannten Tracks oder des – von Zaytoven produzierten - "Charge My Car"-Bretts nicht halten. Dafür gibt es zu viel Mixtape B-Ware. Das Album lebt wie die meisten Releases des Glory Boyz-Paten eher von den immer wieder auftretenden genialen Momenten. Wenn Keef auf "OG Fiji" über seine Vorlieben für Kush und Raumschiffe – natürlich im feinsten Auto-Tune Dialekt, der T-Pain die Freudentränen wie Wasserfälle in die Augen treiben würde - vor sich hin murmelt, vergisst man schnell die Längen, den langweiligen Callcenter-Job oder gar die gesamte Gesellschaft. Mood-Musik aus dem Schaft eines Revolvers.

"Bang 3" ist noch nicht das große Album, das Keef vielleicht irgendwann einmal abliefern wird. Dafür ist es in seiner Gesamtheit zu inkonstant. Vielleicht liegt es daran, dass er mittlerweile ein paar Millionen mehr in den True Religion-Jeanstaschen trägt, die Glory Boyz mittlerweile nicht mehr in der Trap sondern im Vorort hausen und der sagenumwobene lilane Hustensaft nur noch literweise geliefert wird.

Wer sich aber für Drill-Musik begeistern kann und nicht gerade die lyrischen Höhepunkte eines Nasir bin Olu Dara Jones erwartet, wird mit dem Werk des Chicagoer Assassinen eine Menge Spaß haben. Allen anderen sei empfohlen, ihre Euros für das nächste Jeru The Damaja-Konzert in der Dorfdisco ihres Vertrauens zu investieren.

Trackliste

CD 1

  1. 1. Laurel Canyon
  2. 2. Cappin
  3. 3. Unstoppable
  4. 4. Superheroes
  5. 5. Singing to the Cheese
  6. 6. Pick One
  7. 7. New School
  8. 8. Facts
  9. 9. I Just Wanna
  10. 10. Yes
  11. 11. Ain't Missing You
  12. 12. Million$
  13. 13. Go Harder
  14. 14. Green Light

CD 2

  1. 1. Pee Pee'd
  2. 2. Wit It
  3. 3. Bouncin
  4. 4. Charge My Car
  5. 5. Get That Sack
  6. 6. Irri (feat. Lil B)
  7. 7. Racist
  8. 8. Gloin
  9. 9. That Night
  10. 10. It's More
  11. 11. Og Fiji
  12. 12. Tree Tree

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1 Kommentar

  • Vor 7 Jahren

    Na gut, ein oder zwei Filler sind natürlich drin. Hätte dennoch 4/5 gegeben, wenn nicht 5/5, allein wegen solch genialer Zeilen:

    'Something something something, I forgot now
    I was thinking about the guap then pulled my guap out'