laut.de-Kritik

Vier Noiserock-Autisten nach dem Kunstunterricht.

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Was die vier britischen Debütanten mit der Gattung Gitarrenmusik anstellen, lässt sich am besten mit "Dekonstruktivismus" beschreiben: Charlottefield nehmen den Noiserock-Motor der Pixies, zerbröseln ihn in scharfkantige Einzelteile und würfeln anschließend alles wieder zu einem kohärenten Hybriden zusammen. Am Ende der Flickschusterei bleibt neben einigen lockeren Schrauben so manche Melodie übrig. Die Soundmechaniker verzichten aber darauf, alles wieder an seinen Platz zu verfrachten, und drücken lieber direkt auf den Record-Knopf ihres Tape-Decks.

Das Ergebnis: acht kaputte Tracks in 28 irrsinnigen Minuten. Die Stücke auf "How Long Are You Staying" tragen keinen Ballast mit sich herum. Nachvollziehbarer Songaufbau? Filigranität? Brauchen Charlottefield nicht. Lärm, Spröde und Energie füllen die entstehenden Leerstellen in der Musik. Wo andere Bands einen "richtigen" Sänger haben, steht bei den Brightoner Jungspunden Thomas House. Im deliriösen Stil von Mcluskys Andy Falkous hyperventiliert er am wattierten Mikro von der ersten Sekunde an bis zur Bewusstlosigkeit. Sein Aufprall auf dem Nagelkissen aus zerfurchten Lofi-Gitarren und spitzen Stolperdrums dürfte äußerst schmerzhaft geraten.

Bei "A>>B" ist House' Stimme präsenter, dank Cockney-Akzent aber kaum verständlicher. Nichtsdestotrotz befindet sich auch dieses Sammelsurium aus Anarcho-Fellklopferei, perkussiver und Zwei-Riff-Gitarre meilenweit vom Songformat entfernt. Der Viersaiter ist es, der sich in dieser Skizze noch am ehesten als latenter Melodienlieferant profiliert. Das darauf folgende "Again" schließt daran direkt an - bloß lauter, schneller und manischer.

Verhältnismäßig kompakt rockt "Clipper", das mit düsterer Slidegitarre den Proberaum für instrumentale Abgründe öffnet. Das Titelstück verzichtet dann völlig auf Stimme, ergibt sich für einige Momente tatsächlich der Harmonie und klingt friedlich aus. Selbstredend nur, um der schieren Verzweiflung von "The Eleventh Day" die Extraportion Dynamik zu verleihen. Shellac klingen durch, genauso wie das ganze Album einen Steve Albini auf dem Produzentensessel vermuten lässt. Der hatte die Finger aber weder bei diesem apokalyptischen Inferno im Spiel noch sonst wo auf der Platte.

Charlottefield verschmelzen staubtrockene Nüchternheit und epische Theatralik. Während vorne immer wieder Stimmbänder zu zerreißen drohen, geben repetitive Gitarre, Bass und synkopiertes Schlagzeug den bitter nötigen Halt. Leider hält das Quartett nicht überall die Dualität von Zerstörung und Wiederaufbau ein. Seine künstlerischen Mittel stoßen manchmal zu schnell an eine Grenze, um zu kitten, was vorher zu Bruch gegangen ist. "How Long Are You Staying" zeigt vier Autisten mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom nach dem Kunstunterricht. Sehr spezielle Avantgarde.

Trackliste

  1. 1. Nine Tails
  2. 2. A >> B
  3. 3. Again
  4. 4. Clipper
  5. 5. How Long
  6. 6. The Eleventh Day
  7. 7. Paper Dart
  8. 8. Weevils

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