laut.de-Kritik

Beethoven nickt zu Old School-Hip Hop.

Review von

Charlie Winston und "Running Still" sind zwei musikalische Phantome: will man Musiker oder Album irgendwie dingfest machen, gilt es spätestens mit dem nächsten Titel, sämtliche Einordnungsversuche gleich wieder in die Tonne zu werfen. Winston bleibt nie stehen, entschlüpft gewandt allen Vereinnahmungs-Versuchen und schickt stets starke Songs ins Rennen.

"Hello Again" startet wohlgefällig mit Akustik-Gitarre und Charlies ausdrucksstarkem und modulationsreichen Organ. In betulichen Troubadour-Gefilden bleibt die Nummer nicht stehen. Dafür sorgen ausgefeilte Percussion, gut gesetzte Tempo-Wechsel und ein stetig wachsender Drive im weiteren Verlauf. Für einen kompletten Break sorgt anschließend "Speak To Me".

Harte Drums dominieren. Der Brite macht Stop an der Rap-Haltestelle. Unterstützt von reichlich Loops und Scratches wildert er gekonnt und kraftvoll im Haus des Old School-Hip Hop. "I got a feelin / there's a freak in me" bekennt Charlie kurz und treffend, und begibt sich danach schnurstracks weiter auf Beutezug durch die Musik-Historie.

Persönliche "Happiness" entdeckt er beim lustvollen Toben im tanzbaren Sixties-Soul. Sein Songwriting steckt voller Energie, vermeidet aber ungestümes Vorgehen. Immer geht der Brite überlegt zur Sache, doch nie verkopft. "Speak To Me" erfreut mit der sarkastisch-ironischen Feststellung: "I heard a story of a man called christ / and to celebrate his birthday / everybodys pays a high price."

"The Great Conversation" überrrascht mit dem Intro "Guten Abend, hier Beethoven", und entwickelt sich zur ebenso hintersinnigen wie feingeistigen Gegenüberstellung gestriger und heutiger Lebens-Prioritäten. Gedanken über die sogenannte "techno age" unterlegt Charlie mit Elementen aus Ludwigs ehrwürdiger Mondscheinsonate. Was in seinen Händen nicht etwa halbgares Stückwerk ergibt, sondern einen absolut in sich stimmigen und runden Song. Charlie überzeugt als eifriger Puzzlespieler, der traumwandlerisch die passenden Teile zusammenfügt.

Bereits mit den ersten vier Titeln präsentiert Winston mehr Pfiff, mehr Witz und Klasse als manch angestrengter Kollege auf einem ganzen Album. Das Schafen seines Mentors Peter Gabriel schwingt in einigen Tracks mit. Aber nur zu Beginn der jeweiligen Songs. Auf den Rat großer Überväter hört er gern. "Leonard Cohen hat einmal gesagt: 'Es sind die Risse in der Mauer, die das Licht hineinlassen.'" Dafür wählt der Engländer stets das richtige Stemm-Werkzeug.

Winston ist ein Künstler, der angesagten Trends bewusst den Stinkefinger hinhält. Er versucht nicht, klassische Stilrichtungen bemüht in die Jetztzeit zu transferieren - er interpretiert, modelliert und setzt neu zusammen. Textlich gibt sich der Musik-Hobo nicht mit abgegriffenen Schablonen ab. Seine Storys und Beobachtungen sind reich an ungewohnten Betrachtungsweisen, und eigenwilligen Umsetzungen.

Das funktioniert immer wieder mit originellen Ergebnissen. Der Disco-Funk auf "Until You're Satisfied" bekommt eine kräftige Injektion aus Jazz-Frischzellen, und verliert dabei niemals seine Tanzbarkeit. Die Drums der "Wild Ones" rocken staubtrocken geradeaus, an den Flanken unterstützt von wild wirbelnder Synthie-Orgel und grummelnder E-Gitarre. "Summertime Here All The Year" überzeugt mit griffigem Pop-Refrain und tummelt sich dennoch weitab jeglicher Charts-Kompatibilitäts-Steinbrüche.

"There I go again / like a fool / trying to paint the perfect picture" bekennt Charlie auf "Making Yourself So Lonely", und leistet sich damit charmantes Understatement. "Running Still" ist ein Album gänzlich ohne hervorstechenden Hit, dafür randvoll mit prächtig und originell inszenierten Songs.

Trackliste

  1. 1. Hello Alone
  2. 2. Speak To Me
  3. 3. Happiness
  4. 4. Great Conversation
  5. 5. She Went Quietly
  6. 6. Unlike Me
  7. 7. Until You're Satisfied
  8. 8. Wild Ones
  9. 9. Making Yourself So Lonely
  10. 10. Rockin' In The Suburbs
  11. 11. Summertime Here All The Year
  12. 12. Lift Me Gently

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