laut.de-Kritik

"Ich lass mein Hodensack verkabeln und sag: Yes, ich hab ein Ei-Phone!"

Review von

"Meine Stimme ist Gold, ich kann nie verlieren." Statt an Gold erinnert sein Organ zwar eher an Stahlwolle. Abgesehen davon darf Chakuza mit dem Pfund in seiner Kehle gerne wuchern: Sein grimmig grollender Vortrag sucht nicht nur österreichweit seinesgleichen.

Nervte zu "City Cobra"-Zeiten noch die Monotonie im Vortrag, umschifft Chakuza diese Klippe diesmal recht geschickt. Was er als "mein letztes reines Rap-Album" ankündigt, verzichtet - nicht ganz, aber über weite Strecken - auf thematische Vielfalt, sondern setzt weitgehend auf derbe Battle-Styles.

"Fickt, wen ihr wollt, aber nicht mit mir / Ihr habt gewollt, dass das Biest randaliert." Letztmalig lässt Chakuza das Monster in sich von der Leine. "So arm: Hier macht selbst ein halbes Hemd auf dicke Hose", diagnostiziert er den Status Quo in Hip Hop-Hausen.

Der Eindruck, dass Chakuza selbst das alles nur noch an Rande betrifft, durchzieht "Monster In Mir" von vorne bis hinten. "Ich geb'n Fick drauf, was die Affen sagen", heißt es in "Wolken". Chakuza wirkt, als habe er dem Sandkasten der Kleinlichkeiten abgeschworen, als sei er tatsächlich längst "Nicht Mehr Hier".

"Mir geht es gut, ich flieg' in eine Zukunft voller Glück." Keineswegs "Blind, Stumm, Abgefucked" hat ein hörbar den Kinderschuhen entwachsener Rapper erkannt, dass die dicksten Eier meist nicht derjenige trägt, der sie in der dicksten Karre spazieren schaukelt.

"Kuck, ich regel' grad mein Leben. Was machst du?", hält er seinen Hatern entgegen, verabschiedet sich in "Cowboy" von Kindheitsträumen und ersinnt statt dessen lieber in Gesellschaft Sera Finales - wo hat er denn den ausgegraben? - ein herrlich beklopptes "Wunderland": "Keine Waffen, kein Ghetto, nur noch Highlights".

Erwachsen geworden - das klingt nach gruseliger Um- und Einkehr. Keine Sorge. Krasse Stilwechsel, wie sie der ein oder andere Kollege hingelegt hat, stehen in diesem Fall - zumindest was das vorliegende Album betrifft - noch nicht zu befürchten: "Ich leg' los wie ein Monsun und heb' die Donau aus den Ufern".

"Alarmsignal! Chakuza brennt heißer als man ihn kennt" - und erfreut ganz nebenbei die nostalgischen Herzen der 80er-Kinder mit stimmigem Peter-Schilling-Sample. Statt sich zu mäßigen, keilt er noch einmal amtlich um sich. Als der größte Storyteller setzt sich Chakuza dabei immer noch nicht in Szene. "Ich schreibe, was ich will, es werden einfache Geschichten bleiben."

Das könnte nach hinten losgehen, verfügte er nicht über besagte Charakter-Stimme und zudem einen feinen Fundus selten bis nie zuvor gehörter Bilder, die einen auch auf bei Battle-Styles auf Albumlänge wirk- wie unterhaltsam vor der Langeweile bewahren. "Ich lass' mein' Hodensack verkabeln und sag': Yesss, ich hab' ein Ei-Phone!": Da landet schon mal Kaffee in der Tastatur.

Neben dem ausgiebigen Abfrühstücken imaginärer Gegner - um Namen zu nennen, ist man in unserem Nachbarland viel zu zivilisiert - lässt Chakuza hie und da tiefer blicken und sich das diesmal auch in seinem Vortrag anmerken. In "Welt Auf Meinen Schultern" intoniert er den "ersten Blues ohne Gitarre".

Am persönlichsten gerät "Schwarzer Mann", in dem sich Chakuza, diesmal mit Gitarre, Percussion und Melancholie-schweren Synthies mit Ereignissen in seiner jüngsten Vergangenheit auseinandersetzt. In der Kombination aus dominierender Härte und gelegentlicher Deepness erinnert der Linzer an Azad - auch wenn ihm eine deutlich positivere Grundstimmung gegeben scheint.

Das Beatfundament gestaltet sich bei beiden ähnlich solide: Wie zu erwarten war, zeichnet Chakuza zusammen mit DJ Stickle unter dem Banner Beatlefield für den Löwenanteil der Beats verantwortlich. RAF Camora ist mit von der Partie ("Wolken", "Randalieren", "Junglestadt"). "Nicht Mehr Hier" trägt das Siegel Gee Futuristic.

Vielschichtig und abwechslungsreich präsentiert sich "Welt Auf Meinen Schultern". "Assozial & Fame" gestattet sich Anleihen beim Dirty South, setzt aber zugleich auf die seit Carpenters "Halloween"-Thema bestens funktionierende Kluft zwischen hoch klimpernder Melodie und knarrender Basis.

Die Hooklines ("Monster" oder "Alles Zu Spät"): ausbaufähig. "Emails Für Dich" will, ähnlich wie die Kollabo mit RAF Camora, "Gold Und Silber", nicht auf den Punkt kommen. Darüber lässt sich schon mal hinwegsehen, da man ohnehin noch gackert: "Eure Schwänze spielen Western, Jungs. / Hängen soll, was hängen muss."

Zur Lieblingsplatte fehlt "Monster In Mir" nach wie Abwechslung in Inhalt und Darreichungsform. Zur Lieblings-Chakuza-Platte reicht es, als sich Chakuza mit den Worten "Gute Nacht, Kinder. Mein Bus fährt." verabschiedet, ganz mühelos.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Wolken
  3. 3. Alarmsignal
  4. 4. Blind, Stumm, Abgefucked feat. Bizzy Montana
  5. 5. Assozial & Fame
  6. 6. Ich Hör Sie Reden
  7. 7. Der Tag An Dem Du Gehst feat. Nazar
  8. 8. Welt Auf Meinen Schultern feat. Max
  9. 9. Monster feat. Konshens
  10. 10. Cowboy
  11. 11. Randalieren
  12. 12. Wunderland feat. Sera Finale
  13. 13. Junglestadt
  14. 14. Email Für Dich
  15. 15. Alles Zu Spät feat. DJ Stickle
  16. 16. Nicht Mehr Hier
  17. 17. Gold Und Silber feat. Raf Camora
  18. 18. Schwarzer Mann
  19. 19. Outro

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11 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    Bisher das beste, was ich dieses Jahr gehört hab. Kommt mühelos an der John Bello Story vorbei, umschifft auch Artkore und lässt letzten Endes auch Maeckes hinter sich - weil die Platte dann doch nicht so depressiv geraten ist, dass man sie nicht durchhören kann.

    P.S.: "Alarmsignal", "Schwarzer Mann" und das "Alarmsignal" sind ganz, ganz groß!

  • Vor 10 Jahren

    Alarmsignal ist auch nich übel.

  • Vor 10 Jahren

    Du hast dem werten Herrn Camora ein 'r' zu viel spendiert, Mme Fromm.

    Die Platte selbst find ich sehr geil. Die rollende Punchline-Dampfwalze wirkt fast mächtiger als ein Azad aber auch die deepen Sachen wissen zu gefallen, da Chakuza jeglichen Kitsch mit Härte und Stimmpräsenz zu umgehen weiß.
    Für mich ein absolutes Highlight.

  • Vor 10 Jahren

    @chob: ums mit hiphop zu sagen "WORD!"

  • Vor 10 Jahren

    also ich finde, die viele Kritik in der Rezension ist teilweise ungerechtfertigt. Rap ist halt anders aufgebaut, als z.B Pop songs, die mit ihren 3 akkorden und Texten, die meistens nur gesunden werden, um Lücken zu füllen.
    Da sowohl Chakuza, als auch die überwiegende Mehrheit der Hörer keine Akademiker sind, lässt sich auch nur bedingt über die texte streiten. Ich denke, der Sinn in einigen Reimen, die auch oben schon angesprochen wurden, liegt darin, ein bisschen Unterhaltung zu bieten.
    Dazu, dass "Gold und Silber", so wie "Email an dich" angeblich zu lang ist, würde ich dagegenhalten, dass durch die teils eingängigen musikalischen Untermalungen eine angenehme Stimmung verbreitet wird... Was man in Pop- oder Rocksongs als ewiges Intro oder fadeout hat, äußert sich hier eben zwischen den strophen

  • Vor 10 Jahren

    Wahnsinnsalbum, für mich das beste nach "Deluxe Soundsystem" und vllt. "Halloziehnation". Ich hör's seit Release fast jeden Tag und kann nichtmal genau sagen, was ich so genial daran find'. Kommt einfach 'ne krasse Atmosphäre rüber.
    PS: Ich weiß, nicht wirklich ein qualifizierter Beitrag, ich wollte einfach nur loswerden wie grandios ich das Album finde ;)