laut.de-Kritik

Schrammelige Sounds aus dem Autoradio-Kassettendeck.

Review von

Der eigenartige Bandname "Autositznackenstütze" klänge auf Deutsch noch seltsamer, aber wenn man wie Band-Mastermind Will Toledo seine ersten Songs auf der Rückbank eines Autos produzierte, verbindet das wohl. So Lo-Fi und DIY wie zur Zeit seiner Entstehung klingt "Twin Fantasy" nicht mehr - damals wurde dieses Werk noch in Eigenregie und kostenlos veröffentlicht. Nun folgt also eine Art rauschfreies Re-Release auf einem ordentlichen Label und mit überarbeitetem Sound.

Wenn man als Indie-Wunderkind gilt und sich sieben Jahre alte Bedroom-Songs noch einmal vornimmt, klingt das Ergebnis dann wie ein gemachtes Bett? Car Seat Headrest hat auf "Twin Fantasy" nur ein wenig die Kissen aufgeschüttelt und den vertrauten Geruch im Bettzeug gelassen.

Dennoch klingt die Band immer noch roh und rebellisch, mal wie eine dreckige Anfangsversion von R.E.M, mal schrammlig-verschroben wie Dinosaur Jr. oder Slackerlike wie der frühe Beck. Auch textlich erforderte die Neuauflage offenbar ein paar Anpassungen, denn im Mini-Hit "Cute Thing" will Toledo nicht mehr wie Dan Bejar alias Destroyer klingen, sondern nun wie John Ocean. Der Wunsch bleibt allerdings auch einer, an Ocean erinnert kaum etwas.

Immerhin, das Promi-Power-Couple Beyoncé und Jay-Z besuchte bereits ein Konzert der Band. Ob das für die Coachellaisierung des Indie-Rock steht oder für die Rückkehr der Gitarre, nachdem Hip Hop und R'n'B Rock inzwischen als beliebtestes Genre bei der Jugend abgelöst hat, wie der Branchendienst Nielsen kürzlich feststellte – es ist eigentlich egal.

Car Seat Headrest reizt die Grenzen zwischen Lo-Fi und Indie-Schrammel-Pop mit großer Lust am Spielen aus. Eine Zwillingsfantasie umrahmt das Album, der erste Song "My Boy (Twin Fantasy)" und der letzte namens "Twin Fantasy (Those Boys)" bilden die zarte Umrandung, innerhalb derer sich Songs tummeln, die sich mal scheinbar ernst gemeint Sorgen um unsere Gesundheit machen ("Stop Smoking (We Love You)"), aber auch über Gesundheitsfanatismus ("Sober To Death") lästern.

Da finden sich schwelgerische Indie-Hymnen wie "Nervous Young Inhumans" mit flüsternder Sprechgesang-Einlage, und "Bodys" überrascht mit einer elektronisch-energetischen Anfangsphase, um dann in einen euphorischen Noise-Track überzugehen: Musik für eine staubige Autofahrt durch Virginia, im Radio sucht man den Sender mit dem Neunziger-Jahre Indie-College-Rock, während neben einem der Partner auf einem muffigen Kissen und der Autositznackenstütze dahindöst.

Trackliste

  1. 1. My Boy (Twin Fantasy)
  2. 2. Beach-Life-In-Death
  3. 3. Stop Smoking (We Love You)
  4. 4. Sober To Death
  5. 5. Nervous Young Inhumans
  6. 6. Bodys
  7. 7. Cute Thing
  8. 8. High To Death
  9. 9. Famous Prophets (Stars)
  10. 10. Twin Fantasy (Those Boys)

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LAUT.DE-PORTRÄT Car Seat Headrest

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2 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    warum das so krass gen Himmel gelobt wird ist mir schleierhaft. geht überhaupt nicht rein. bei indie mukke greif ich nur noch nach arcade fire.

  • Vor 2 Jahren

    So richtig zu ihrem Sound gefunden haben sie mMn erst mit dem letzten Album "Teens of Denial". Noch dessen Vorgänger "Teens of Style" konnte mich nicht ausreichend überzeugen. Beim noch älteren Material erkennt man zwar auch schon Potenzial, aber ich seh' mich nicht das zu Hause wiederholt auflegen. Auf ein "richtiges" neues Album wäre ich aber sehr gespannt, weil "Teens of Denial" war schon sehr genial.