laut.de-Kritik

Mit Ice-T durch die Rap-Hölle. Wer sind Bonez MC und Marteria?

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Da sind sie wieder: Kallejon, die verdorbenen kleinen Brüder Callejons – vollgefressen mit allerlei Popkultur-Sünden und bereit, diese als Metalcore-Galle wieder auszukotzen. Vor fast auf den Tag genau fünf Jahren veröffentlichten sie ihre Interpretation der BRAVO-Jukebox, jetzt ist Hip Hop aller Art dran: SXTN, Marteria, Casper, RIN... Und zur Krönung gastieren Ice-T, K.I.Z., Pilz und Antifuchs auf zwei neukomponierten Stücken. Spaß macht "Hartgeld Im Club" vor allem, weil Callejon genau wissen, wie sie eine fremde Hookline anpacken müssen, um sie in ihr Genre zu verfrachten.

So wird "Palmen Aus Plastik" von Bonez MC und RAF Camora zur gitarrenlastigen Hymne, zu der man sich Roundhouse-Kicks im Moshpit ebenso gut vorstellen kann, wie mitsingende Massen im Stadion. Genüsslich zerkaut BastiBasti die "Ich verbrenne mein Weed"-Lines und verpasst ihnen noch ein wenig mehr Melodie als im Original. Drumherum dekonstruieren Callejon dagegen munter: Die Strophen spucken sie im aggressiven Clubformat, gegen Ende bläst Drummer Kotze mit Blastbeats zum Black Metal-Sturm.

Direkt im Anschluss treffen sich Children Of Bodom, Trivium und Die Ärzte im einst von Bausa verträumt vorgetragenen "Was Du Liebe Nennst". Bei Alligatoahs "Willst Du" wünscht man sich fast, die Band hätten das Stück wie anfangs angetäuscht im Ibiza-Reggeaton-Style à la "Fast And Furious" durchgezogen. Aber auch der finale Mix aus Eurodance, Deutschrock und tiefen Breakdown-Shouts im "Komm wir geh'n-Part hat auf durchgeknallte Weise Hitpotenzial (bzw. bewahrt es).

Leider weniger aufregend geraten Deichkinds "Arbeit Nervt" und Haftbefehls "Ich Rolle Mit Beim Besten". An der stampfenden Monotonie beider Tracks beißen sich Callejon die Goldzähne aus. Das abgefahrene Genre-Hopping der übrigen Stücke bleibt hier auf der Strecke, der jeweils gewählte Trance/Deathcore- bzw. (zu) simple Powerchord-Ansatz ermüdet auf Songlänge.

Dafür entschädigen spätestens die beiden für den Schluss aufgehobenen Eigenkompositionen "Hartgeld Im Club" und "Porn From Spain 3". Callejon pflügen stilistisch nochmal kreuz und quer durch das zuvor Gebotene und zeigen, dass sie auch ohne die Vorarbeit anderer Künstler formidablen Wahnsinn und Melodien hinbekommen – und das trotz aller Liebe zum Nonsens auch mal mit politischem Gruß: Nachdem Pilz und Antifuchs im Titeltrack zwei der einprägsamsten Parts des Albums abliefern, zeigen Basti und Co. "charmant wie die beste Szene aus 'Human Centipede'" der AfD den Mittelfinger – tatkräftig unterstützt von Body Counts Ice-T. Der freut sich nämlich über eine Erektion beim Nazikillen und entlässt uns mit dümmlich-glücklicher Grimasse in der Visage aus der Hip-Hop-Hölle. Vorerst, denn bald gehts auf Clubtour. Bringt Hartgeld mit!

Trackliste

  1. 1. Von Party Zu Party
  2. 2. Schlechtes Vorbild
  3. 3. Kids (2 Finger An Den Kopf)
  4. 4. Palmen Aus Plastik
  5. 5. Was Du Liebe Nennst
  6. 6. Willst Du
  7. 7. Arbeit Nervt
  8. 8. Urlaub Fürs Gehirn
  9. 9. So Perfekt
  10. 10. Bros
  11. 11. Ich Rolle Mit Meim Besten
  12. 12. Hartgeld Im Club
  13. 13. Porn From Spain 3

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5 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 7 Monaten

    Mit 3 Punkten hätte ich hier ja gar nicht gerechnet. Vor ab: von mir würde es wohl 3,5 Punkte geben, wobei ja drei schon über Durchschnitt sind.

    Das Album macht mal wieder mega Laune und unterhält ganz hervorragend, wenn man mit dieser Art von Musik was anfangen kann. Aber auch, wenn man die Vorlagen kennt und mag, ist es mal ganz spannend sich die Umsetzung anzuhören.

    Pilz und Antifuchs fand ich jetzt als Feature ok. Die sind mir zu homogen, da hätte der zweite Gastpart ruhig von wem anders kommen können. KIZ Feature ist halt wieder Standard für PfS, aber natürlich solide.

    Insbesondere "Was du Liebe nennst" finde ich sehr gelungen. Kannnte den Track vorher gar nicht und würde ihn mir der Bausa Version auch sicherlich nicht geben. So ist der aber wunderbar catchy und trotzdem auf die Fresse.

    "Bros" und "Schlechtes Vorbild" hätte ich jetzt nicht gebraucht, aber ist schon ok im Kontext. Zu erwähnen wäre noch, dass auf der Bonus Edition auch "Türlich türlich" verwurstet wurde - Daumen hoch dafür.

    Im Großen und Ganzen fällt aber auf, dass es quais keine "Klassiker" des Deutschrap gibt. Wäre noch ganz spannend gewesen, hätten die was von ASD genommen und den Afrob Part von Sushi (Eskimo Callboy) oder so singen/rappen lassen.

  • Vor 7 Monaten

    alter...musik für alle, die am ende der rampe nacht rechts müssen

    ich hab mal reingehört. bis auf das titellied echt nid gut.

    dann doch lieber butcher sisters, die mit Tony Ds 100 metaz, KIZs Pogen wirklich geile tracks gecovert haben und bei denen version von haftbefehls rolle kein fremdscham ausgelöst wird

  • Vor 7 Monaten

    Kennt noch wer Megalomaniax?

  • Vor 7 Monaten

    Die letzte Platte fand' ich mutig und größtenteils - also abgesehen von ein paar wenigen Fillern - sehr gut gelungen. "Man spricht Deutsch" war hingegen schon völliger Unfug und dasselbe gilt auch für "Hartgeld im Club". Nicht unbedingt deshalb, weil sie genrefremde Lieder covern, sondern eher wegen der Songauswahl. Hinzu kommt bei diesem neuerlichen Covermurks allerdings noch erschwerend, dass Produktion, Mix und Mastering durchweg ungeheuerlich schlecht klingen.

  • Vor 6 Monaten

    Wenige interessante Interpretationen (Was du Liebe nennst, Kids), sonst eher belanglos oder schwach (z.B. Arbeit Nervt)