8. März 2012

"Caligola und Mando Diao bleiben strikt getrennt"

Interview geführt von

Verwirrte Blicke machten vergangenes Jahr im Rock am Ring-Aftershow-Partyzelt die Runde, als plötzlich mehrere in dunkle Capes gehüllte Gestalten die Bühne entern und die Anwesenden VIPs in der Folge mit Beat-lastigem Elektro-Rock-Pop-Crossover beschallen. Unter den düsteren Kutten verstecken sich unter anderem die beiden Mando Dia-Frontmänner Björn Dixgård und Gustaf Norén. It's time for Caligola!Was viele an jenem Abend noch für einen unterhaltsamen Party Gag hielten, entpuppte sich alsbald als weitaus mehr, als ein einmaliges Kostüm-Spektakel der sonderbaren Art. Wie einst die Stasi-Akten unterliegt Näheres in Bezug auf das Projekt mit Namen Caligola der strengsten Geheimhaltung, ehe sich die Musik-Illuminaten Anfang Februar mit Sack, Pack und Kutten in einem Berliner Nobelhotel breitmachen, um die angereiste Journaille-Meute endlich aufzuklären.

Was ist Caligola? Warum diese Inszenierung? Wir schließen uns der Neugierde an und begrüßen die Verantwortlichen in einem feudalen Gemach, inklusive DJ-Set, einladendem Fünf-Sterne-Catering und semiprofessionellem Malerei-Equipment. Von den ungefähr zehn Anwesenden erweisen sich letztlich Björn und Gustaf als Rädelsführer und geben sich in der Folge Mühe, das Geheimnis um Caligola zu lüften.

Hallo Björn, hallo Gustaf. Das ist ja mal ein Empfang.

Gustaf: Fühl dich wie zu Hause, mein Freund. Alles was du hier siehst, ist Caligola.

Also, ich sehe ziemlich viele Leute, so um die zehn, glaube ich. Einige stehen am DJ-Pult, einige lassen sich die präsentierten Köstlichkeiten schmecken und andere malen ein Bild an die Wand. Ihr zwei sitzt hier ziemlich entspannt in einer Couch. Das erinnert ein wenig an einen friedlichen Aufstand freischaffender Künstler. Ist dem so?

Gustaf: Einen Aufstand würde ich es nicht nennen. Es ist eher die Zusammenführung jeglicher Kunstformen. Caligola bringt alles unter ein Dach, egal ob Musiker, Fotograf, Maler oder Produzent.

Seit wann gibt es Caligola?

Björn: Gustaf und ich sind seit knapp vier Jahren dabei. Das ganze Kollektiv besteht aber schon wesentlich länger.

Gustaf: In den siebziger Jahren hatte eine Frau namens Violetta, wir nennen sie liebevoll unsere Bienenkönigin (lacht), die Nase voll von den eingefahrenen und gängigen Kunststrukturen. All die Kategorisierungen und verschiedenen Genres waren ihr zuwider; also rief sie eine Gemeinschaft ins Leben und nannte diese Caligola. Es ging ihr darum, Grenzen zu öffnen und Kunstformen zusammenzuführen, die bis dato eher getrennt voneinander fungierten.

Es sollte eine Verbindung entstehen zwischen Musik, Malerei, Fotografie und anderen Kunstformen. Das Ganze sollte allerdings nicht publik gemacht werden, so dass sich die Beteiligten voll und ganz auf ihre Arbeit konzentrieren konnten. In den letzten drei Jahrzehnten ruhte das Konzept, obgleich es nie völlig verschwand. Vor vier Jahren trafen Björn und ich dann in New York auf Freunde von uns, die uns von Caligola berichteten. Seitdem sind wir dabei.

Was reizt euch persönlich an dieser Gemeinschaft?

Gustaf: Es ist vor allem dieser Gegensatz zwischen dem, was Mando Diao ausmacht, und dem, was Caligola repräsentiert. Mando Dia funktioniert über die Egos der einzelnen Mitglieder. Bei Caligola fügt sich jeder dem Gesamtbild unter. Es geht um die Gemeinschaft, nicht um einzelne Personen. Jeder kann sich Caligola anschließen. Das ist das Faszinierende, verstehst du?

Es gibt keine Frontmänner, keine Hierarchien oder Rangfolgen. Daher auch die Kutten. Alle sind gleich. Und genau dadurch entwickeln sich unglaubliche künstlerische Horizonte bei jedem Einzelnen von Caligola. Das funktioniert, weil sich keiner zu sehr mit sich selbst und seinem Ego beschäftigen muss, sondern nur das Gesamtbild im Vordergrund steht.

"Du kannst auf dem Times Square einen Haufen setzen und ihn mit Farbe besprühen"


Du erwähntest vorhin, dass der Grundgedanke von Violetta eher der war, Caligola abseits der öffentlichen Wahrnehmung wachsen zu lassen. Nun erscheint dieser Tage euer Album "Back To Earth". Wie passt das zusammen?

Gustaf: Wir sind jetzt mittlerweile an einen Punkt angelangt, wo wir die Welt an Caligola teilhaben lassen wollen. Das Album, wir, alles was du hier siehst, ist nur ein Projekt unter vielen. Es gibt beispielsweise Kooperationen in Stockholm und große Konzepte in Bangkok. Caligola operiert weltweit und wird stetig größer. Mit den Salazar Bothers, uns beiden und all den anderen Involvierten haben wir nun das momentan für uns perfekte Spiegelbild der Gemeinschaft erschaffen. Das sollen die Leute jetzt sehen, fühlen und hören.

Die Leute sehen aber nur mit Kutten behangene Künstler. Was werden sie aber hören?

Björn: Genau das, wofür Caligola steht: alles ist erlaubt, es gibt keine Grenzen. Auf dem Album kommt alles zum Tragen, was die Beteiligten ausmacht: Rock, Pop, Jazz, Soul, Hip Hop, Elektro, einfach alles.

Der ultimative Crossover?

Gustaf: Ja, so ungefähr (lacht). Es ist doch so: Die Leute sollen ihr Denken erweitern und Gefühle zulassen, auch wenn sie noch so düster sind. Alles muss raus, nur so kommst du an die Quelle deines Ichs. Barrieren und Grenzen sind Müll und blockieren. In den Siebzigern und Achtzigern waren gerade im Musikbereich viele Künstler wesentlich offener, als heutzutage.

Jetzt gibt es überall feste Genres und keiner will mit dem anderen etwas zu tun haben. Wenn 50 Cent heute in England auf einem Rock- oder Pop-Festival auftreten würde, wäre er wahrscheinlich dem Tode geweiht, weil ihn irgendein blockierter und festgefahrener Geist von der Bühne schießen würde. Ich meine, was soll das?

Und genau hier setzt Caligola an. Verbünde dich mit anderen, lass deiner Kreativität freien Lauf und positionier dich. Es spielt keine Rolle, was letztlich entsteht. Du kannst auf dem Times Square einen Haufen setzen und ihn mit Farbe besprühen. Wir sorgen für den Caligola-Stempel und schützen dich und deine Identität. Denn Caligola steht über den einzelnen Individuen. Es ist wie ein Deckmantel, wie ein Schutzschild, der es dir ermöglicht völlig frei deinem Schaffen nachzugehen und dich künstlerisch zu entfalten.

Das Album erscheint, wie gesagt, dieser Tage. Wird es eine Tour geben? Und wenn ja, auf was können sich die Leute gefasst machen?

Gustaf: Es wird definitiv eine Tour geben, und es wird eine Menge zu sehen geben. Dabei kommt es aber weniger darauf an, was auf der Bühne passiert, sondern vielmehr, was in der Gesamtheit geschieht. Ziel ist es, jede Location in ein Ganzes zu verwandeln, verstehst du?

Ich nenn dir ein Beispiel: Ich war vor einigen Jahren auf einem Festival und habe die Chemical Brothers dort spielen sehen. Niemanden interessierte, was auf der Bühne passierte. Alle waren komplett gefangen in der Musik. Die meisten standen sogar mit dem Rücken zur Bühne und tanzten sich die Seele aus dem Leib.

Es war wie ein riesengroßer Club unter freiem Himmel. Das streben auch wir für die Zukunft an. Die Leute sollen sich mit sich selbst und vor allem mit der Musik beschäftigen und nicht mit den Leuten, die auf der Bühne stehen. Denn die sind unwichtig, auch wenn ich nicht bestreiten will, dass es auch schön sein kann, bewundert und begafft zu werden (lacht). Aber darum geht es bei Caligola nicht.

"Durch Caligola sind wir motivierter, besessener und kreativer als je zuvor"


Wer wird sich letzten Endes alles auf der Bühne einfinden?

Gustaf: Wir sind noch am Anfang. Aber das Ziel ist es, mit so vielen Leuten wie nur möglich zusammenzuarbeiten, auch live. Es gibt zum Beispiel den Plan, Film-Produzenten in die Live-Arbeit mit einzubeziehen, um das Ganze zu einem richtigen Spektakel werden zu lassen. Es gibt Unmengen an Möglichkeiten, die wir in der Zukunft nutzen wollen. In unseren Videos werden beispielsweise Leute involviert, die abseits der Musik ihren künstlerischen Beitrag leisten. Produzenten, Maler, Fotografen: Es ist die perfekte Möglichkeit, alle Formen in ein gesamtes Werk einzubinden.

Live wird es mittelfristig in dieselbe Richtung gehen. Momentan haben wir eine Band, die Salazar Brothers, einige Tänzer und uns beide. Doch, wie gesagt, das Szenario soll sich nicht ausnahmslos auf die Bühne fokussieren. Hier entsteht nur der Impuls. Viel wichtiger ist, was am Ende in der Gesamtheit entsteht.

Muss man als Mando Diao-Fan eigentlich Angst um den Fortbestand seiner Heroen haben?

Björn: Oh, nein. Beides wird strikt getrennt. Wir werden uns nicht in die Quere kommen. Da haben wir schon genug Leute für, die das alles sauber planen, keine Angst.

Gustaf: Außerdem sind wir absolute Workaholics. Wir können ohne Probleme 300 Tage im Jahr arbeiten, das macht uns nichts. Ganz im Gegenteil: Durch Caligola sind wir motivierter, besessener und kreativer als je zuvor. Ich denke, dass letztlich auch Mando Diao davon profitieren wird.

Ihr habt einmal in einem Interview gesagt, dass Mando Diao mehr als nur eine Band für euch sei. Ihr spracht von Lebensinhalt und Alltagsübergreifendem. Was bedeutet euch Caligola?

Gustaf: Beides hat seinen Reiz und auch eine ganz eigene Bedeutung für uns. Bei Mando Dia geht es darum, Spaß zu haben, sein Ego auszuleben und den Rock'n'Roll-Lifestyle zu leben und natürlich auch zu genießen. Caligola ist vollkommen anders. Hier geht es um eine Botschaft an die Welt.

Es geht darum, dass Innerste nach außen zu kehren, ohne Angst haben zu müssen, dafür verantwortlich gemacht zu werden. Denn am Ende stellt sich die Gemeinschaft allen aufkommenden Fragen. Beides ist wichtig für uns, auch wenn es unterschiedlicher kaum sein könnte. Vielleicht aber gerade auch deswegen.

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