laut.de-Kritik

Zu viel Make-Up ruiniert die Aura.

Review von

"Western Stars" ist nicht nur Bruce Springsteens 19. Studioalbum, es ist auch ein besonderes. Diesmal ist alles anders. Bislang konnte man den Boss berechenbar stets als schwitzenden Rocker mit seiner E-Street-Band genießen, oder ihn solo als akustischen Singer/Songwriter verorten. Die vorliegende Platte bricht mit diesem Muster. Hier klingt er, als habe Burt Bacharach eine LP mit Phil Spector fabriziert.

Nostalgie ist Trumpf. Es geht um eine dem Voodoozauber gleichende Erweckung eines fernen Amerikas, dessen spiritueller Mantel bis tief in die Prä-Rock-Ära reicht. Das fängt schon beim Artwork an: Das Plattencover sieht aus, als habe man es einem Howard Hawks/John Wayne-Streifen der Marke "Rio Bravo" entnommen.

Passend zur großen Hollywood-Geste, bleiben Little Steven und Co. diesmal außen vor. Aus der Stammelf schaffte es lediglich Gattin Patti Scialfa für einige Tracks in den Kader. Stattdessen steht Springsteen ein 20 Köpfe zählendes Orchester zur Seite. Wer den urwüchsigen Rocker vermisst, muss sich weiterhin gedulden. Hier springt der Crooner wie ein Kastenteufel aus der Kiste.

Für den Posten des ersten Offiziers greift der Mann aus New Jersey hingegen auf ein bewährtes Gesicht zurück: Ron Aniello setzte neben "High Hopes" und "Wrecking Ball" bereits Scialfa oder Ian Hunter gekonnt in Szene. Auf dem Minuskonto schlagen musikalische Fast Food-Prodkute a la Shania Twain zu Buche.

Genau diese Ambivalenz macht ihn anscheinend zum perfekten Produzenten und Mitspieler (unter anderem an Bass und Keyboard) für dieses Projekt."Western Stars" schwankt ebenso konstant zwischen hoher Intensität und trivialem Kitsch.

"Es ist eine Reihe amerikanischer Themen, von Autobahnen und Wüstenräumen, von Isolation und Gemeinschaft und der Beständigkeit von Heimat und Hoffnung", so Springsteen über die dreizehn Nummern. Ist es das bei ihm nicht immer? Ja und nein. Auf "Nebraska" zeigte er Amerikas finstere Seite samt abgründiger Serienkiller. Mit "The Ghost Of Tom Joad" oder "The River" dekonstruierte er den als zerborsten wahrgenommenen American Dream. Hier jedoch fehlen solch harsche Momente.

Das erscheint rein textlich erst einmal nicht negativ, zeigt sogar eine neue Facette. Sensibel reflektiert Springsteen die brüske Gegenwart seiner Heimat anhand von Figuren, deren beste Zeiten lang zurückliegen. Desillusion und Erlösung, Verbitterung und Romantik, all das liegt so nah beieinander, dass man die widerstreitenden Gefühle der Antihelden nicht entwirren kann. Übrig bleibt eine Handvoll Sehnsucht. "Hello sunshine, won't you stay?"

Auf der musikalischen Ebene herrscht dagegen nicht nur eitel Sonnenschein. Handwerklich zeigt sich durchaus herausragendes Könnertum. Geschickt steht den orchestralen Passagen ein ganzes Sammelsurium verschiedenster Instrumente gegenüber, unter denen sich besonders Jon Brion an Moog-Synthie und Farfisa hervortut.

Der Balanceakt gelingt allerdings nur dort, wo die Beteiligten behutsam mit ihrem Arsenal umgehen. Nummern wie "Hitch Hikin'", "Hello Sunshine" "Moonlight Motel" oder "Somewhere North Of Nashville" verzichten wohltuend auf Opulenz, unterstreichen stattdessen Springsteens grüblerische Melancholie. Damit bilden sie die Bittersüße seiner Zeilen kongenial ab.

Die Mehrheit der Songs ruiniert gleichwohl ihre Aura mit zu dick aufgetragenem Make-Up. "The Wayfarer" etwa funktioniert mit seinem zu Beginn effektiven Piano und der schicken Melodie nur so lange, bis der Song gen Las Vegas abhebt und zur abgetakelten Liberace-Nummer mutiert.

Ähnlich ergeht es den meisten Liedern. Jene seltene Gabe, pompösen US-Pop der frühen 60er mit Schwermut zu koppeln, ohne beides in den Präriesand zu setzen, gelang letztendlich nur einer Band: The Walker Brothers. Springsteen klingt dort, wo er auf Burt Bacharach macht, wie eine Satire, die die eigenen Worte ad absurdum führt.

Richtig schlimm wird es, sobald der Boss sich vom Folk gen volkstümliche Folklore verschwendet. "Sleepy Joe's Cafe" mischt betulichen Country mit klebrigem Schifferklavier und pumpt grauenhaft halbherzigen Rock'n'Roll hinein. Man mag kaum glauben, hier denselben Künstler vor sich zu haben, der große Lieder wie "The River" oder "Because The Night" schrieb.

Ebenso tötet er das zunächst vielversprechende "Chasin' Wild Horses" mit einem muffigem Stallburschen-Arrangement, das sogar abgefeimten Schlagercountrybarden wie Truck Stop oder Gunter Gabriel die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte.

So verdirbt die Mehrheit der Stücke jenes Hochgefühl, Springsteen als Texter und Chronisten weiterhin in Hochform zu wissen. Man kann nur hoffen, dass seine E-Street-Band den Boss demnächst wieder auf Kurs bringt.

Trackliste

  1. 1. Hitch Hikin'
  2. 2. The Wayfarer
  3. 3. Tucson Train
  4. 4. Western Stars
  5. 5. Sleepy Joe's Cafe
  6. 6. Drive Fast (The Stuntman)
  7. 7. Chasin' Wild Horses
  8. 8. Sundown
  9. 9. Somewhere North Of Nashville
  10. 10. Stones
  11. 11. There Goes My Miracle
  12. 12. Hello Sunshine
  13. 13. Moonlight Motel

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9 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor einem Tag

    Hundert Prozent Zustimmung... Schade....

  • Vor einem Tag

    ich hab heute morgen völlig frustriert auf Amazon quasi genau das Gleiche geschrieben. Was sich der Boss bei dieser Schnulznummer gedacht hat... der Schlagzeuger und der, der für diesen Streicher und Keyboardmüll verantwortlich zeichnet, der gehört auf diesen Gaul geschnallt und irgendwo Richtung Mohave geprügelt....

  • Vor einem Tag

    Also ich persönlich finde den Start der Platte super gelungen. Der Opener macht richtig Laune, "Tucson Train" hat mich sowieso schon beim Release gecatched. Erst der Mittelteil fällt deutlich ab, wird mir dann auch zu sehr Hollywood. Die letzten beiden Tracks hingegen sorgen dann nochmal für Gänsehaut. 2 Sterne sind 1,5 zu wenig, finde ich. Definitiv kein Album für die Großstadt, eher Landstraße ;-)

  • Vor 18 Stunden

    Wenn hier die Jonas Brothers von der Redaktion eine bessere Bewertung als der Boss bekommen, dann hab ich hier echt nichts mehr zu suchen. Das neue Album von ihm ist anders und nicht das was man erwartet und kennt. Ich hab nach 2mal hören auf jeden Fall Lust auf noch einmal und dann bestimmt zwischendurch.. von mir erst einmal so 3.5/5

  • Vor 13 Stunden

    4/5
    Ich war positiv überrascht. Er transportiert die Melancholie, und die Sehnsucht nach Freiheit wieder richtig gut.

    Das Album wird allgemein auch nicht so negativ gesehen wie hier. Vielleicht hat dem Autor auch nur ein ne Trump-Anspielung oder anderes SJW-Gesabbel für eine höhere Wertung gefehlt. :)

    • Vor 11 Stunden

      "Vielleicht hat dem Autor auch nur ein ne Trump-Anspielung oder anderes SJW-Gesabbel für eine höhere Wertung gefehlt."22222222

      du meinst, weil "der autor" besonders die textliche ebene ausdrücklich gelobt hat?

  • Vor 13 Stunden

    Das Phil Spector dieses Album produziert haben könnte, Schoß mir auch nach dem ersten Hördurchgang in den Kopf. Besonders das Keyboard passt einfach nicht. Vielleicht würde dem Album ein Re-Release als Western Stars (Naked, siehe auch „Let ist be“) ganz gut stehen.

    Nach der Netflix-Sendung hatte ich mehr die Hoffnung, dass er ein zweites „Nebraska“ aufnehmen wird.

    Trotzdem finde ich 2/5 nicht passend. Ein Punkt mehr hätte er verdient.