laut.de-Kritik

Der Boss in Höchstform: Ein legendärer Gig.

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Er nennt es seinen "magic trick": Wenn Bruce Springsteen auf einer Bühne steht und vor abertausenden staunenden Gesichtern aus einem Raum voll Fremden eine begeisterte Gemeinschaft formt. Nacht für Nacht, Bühne für Bühne. Seit nun über 50 Jahren zieht er etwas Magisches aus der Luft und unterhält die Massen. Für die Nachwelt festgehalten ist dieser magic trick jedoch verhältnismäßig selten. Besonders in der Anfangsphase seiner Karriere sind die filmischen Live-Dokumente an einer Hand abzuzählen. Gut, dass jetzt "The Legendary No Nukes Concerts" aus dem Jahr 1979 diese Lücke füllt und sound- und bildgewaltig ein Konzert Springsteens und der famosen E Street Band auf der Höhe ihrer explosiven Fähigkeiten zeigt.

"No Nukes" war ein All-Star-Benefit im New Yorker Madison Square Garden und ein früher Vorläufer von musikalischen Großereignissen für Charityzwecke, die mit Farm Aid und vor allem Live Aid wenige Jahre später ungleich gigantischere Events wurden. Ein beinahe geschehenes Atom-Unglück an der amerikanischen Ostküste führte zur Gründung der Musicians for Safe Energy unter Jackson Browne, Graham Nash, Bonnie Raitt und weiteren angesagten Künstlerinnen und Künstlern der Zeit. Das Konzert sollte die öffentliche Lupe stärker auf das Thema der sicheren Energie setzen. Von Browne überzeugt, unterbrach Springsteen die Aufnahmen zu seinem nächsten Album und setzte den Garden zweimal mit eineinhalbstündigen Sets voller Hits und Rock'n'Roll in Brand.

Fernsehkameras hielten die Show für einen subsequenten Konzertfilm und ein Charity-Album fest. Wiederum ein Glück für uns, denn anders als bei vielen anderen Aufnahmen der Ära ersäuft das Bild nicht im Dunkeln und die Kameraführung ist nah dran an den Musikern und dem Geschehen. Im Vergleich mit den spärlich gesäten restlichen Aufzeichnungen aus dieser Springsteen-Ära ist Bild- und Tonqualität erste Sahne.

Die Performance und Spiellust der Band ist selbst 40 Jahre später noch beeindruckend. Kein Hit der Meilenstein-Alben "Born To Run" und "Darkness On The Edge Of Town" fehlt, wenn die E Streeter hier beherzt und gestählt von harten Touren und monatelangen Aufnahmesessions ihrem Tagwerk nachgehen. Steven Van Zandt liefert beherzte Backing Vocals, Max Weinberg trommelt wie ein koffeingetränktes Schweizer Uhrwerk, Pianist Roy Bittan legt das Fundament für den E Street Sound, ob mitsingbare Hook oder feinsinnige, atmosphärische Schicht.

"Prove It All Night" klatscht zu Beginn ordentlich föhnend aus den Boxen und rüttelt den ganzen MSG auf, "Badlands" stapft schnell und zornig voran. Das epische "Jungleland" mit dem ikonischen Saxophon-Solo von "Big Man" Clarence Clemons zeigt den Boss in seiner besten Preacher-Stimmung, bei "Rosalita (Come Out Tonight)" ist es Rock'n'Roll-Theater par excellence, mit ihm als lustigem, Klavier-bespringenden Entertainer.

Kult- und Legendenstatus erhält das Konzert, an dem Springsteen übrigens 30 Jahre alt wurde, in der Fanbase unter anderem auch dadurch, dass er hier den Song "The River" zum ersten Mal live spielt. Einer der ergreifendsten Springsteen-Songs, der perfekt das Delta zwischen dem amerikanischen Traum und der amerikanischen Realität anhand einer persönlichen Familiengeschichte erzählt.

Seine eigene enigmatische Bühnenpersona hält mit dem Dampfwalzen-Spiel der Band locker mit, und lehnt sich selbst bei Achterbahnfahrten der Setlist ordentlich weit raus. Denn nach dem nüchternen "The River" klappt mit dem ebenso noch unveröffentlichten "Sherry Darling" der Schalter unmittelbar auf Party, die Telecaster-Gitarre als fünfte Gliedmaße, die wahlweise als richtiges Schwert geschwungen oder auch einfach auf den Rücken geworfen wird, um am Bühnenrand mit dem Publikum auf Tuchfühlung zu gehen.

In der zweiten Konzerthälfte gibt sich Springsteen generell als großer Dompteur und Showman. Und ist sich dann auch nicht zu schade, die letzte halbe Stunde des Konzerts mit Coversongs zu beschließen: Der Doo-Wop Klassiker "Stay" und "Rave On" von Buddy Holly gehören zu seltenen Gästen auf der E Street. Hingegen waren das "Detroit Medley" und das rasante "Quarter To Three" in den Siebzigern längst Fixpunkte in einem Springsteen-Konzert und auch bei "No Nukes" herrscht absolute Highlight-Garantie. Dabei darf auch die augenzwinkernde Bühnentheatralik einem James Brown huldigen, wenn Bruce in der Zugabe immer und immer wieder bis an den "gespielten" Erschöpfungszustand kommt, aber den kraftspendenden Rock'n'Roll beschwört und dann immer noch ein Chorus mehr Platz hat. Da rückt der sehr ernste Grund für das Konzert schon mal leicht in den Hintergrund, wenn der Boss vor den eigenen Augen ein mitreißendes Rock'n'Roll-Feuerwerk abbrennt.

"The Legendary No Nukes Concerts" bietet kurzweilige, wahnwitzige Spielfreude mit vollem Körpereinsatz eines Künstlers zur Hochphase seiner (frühen) Schaffensperiode, im bestmöglich entstaubten Bild- und Tongewand. Dass es keine epische, dreistündige Show oder Teil eines größeren Album-Packages ist, schmälert den Spaß keineswegs. Es ist das, was Bruce Springsteen seit 50 Jahren macht: Menschen zu unterhalten, zu berühren und sie für ein paar Stunden alles andere um sich herum vergessen zu lassen. Das ist auch heute noch magisch.

Trackliste

  1. 1. Prove It All Night
  2. 2. Badlands
  3. 3. The Promised Land
  4. 4. The River
  5. 5. Sherry Darling
  6. 6. Thunder Road
  7. 7. Jungleland
  8. 8. Rosalita (Come Out Tonight)
  9. 9. Born To Run
  10. 10. Stay
  11. 11. Detroit Medley
  12. 12. Quarter To Three
  13. 13. Rave On

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