laut.de-Kritik

Heimlich im Proberaum statt in der Christmette.

Review von

Die Broilers lehnen sich mit dem Titel ihres Weihnachtsdebüts "Santa Claus" an ihr zehn Jahre altes Durchbruchsalbum "Santa Muerte" an. Außer dem Namen und diverser "Oi!"-Rufe quer durch die Tracklist haben die beiden Platten aber herzlich wenig gemeinsam.

"Santa Claus" stellt eine vermeintlich innovative Zusammenstellung von Weihnachtssongs-Covern dar. Innovativ, weil ein eigener Track und eine Neuinterpretation dabei sind, weil nicht ausschließlich die altbekannten Aggressions-befördernden Weihnachts-Classics bespielt werden. Und weil der Dudelei auf jeden Fall ein eigener Touch verliehen wird. Vermeintlich aber, weil sich dieser Touch dann doch in exakt gleicher Form auf fast alle 14 Tracks bezieht, und das Gesamtwerk eher wie ein einziger, knapp 40-minütiger Song klingt.

Der Opener "Carol Of The Bells" ist mit seinen gut 40 Sekunden noch am spannendsten. Er kündigt mit einem dissonanten, nach Harry Potter klingendem Glockenspielriff und einem dramatischen "Oi!"-Chor den folgenden Song "Feliz Navidad" an. Sammy Amaras spanische Vocals wirken, als sollte es ein Witz sein, umrahmt werden sie von recht langweiligen E-Gitarren, treibenden Drums, klassischen Oi-Punk-Trompeten und natürlich ein bisschen Klingeling. Auch der später folgende englischsprachige Gesang reißt das Ruder nicht herum. Das gilt ebenso für "Christmas Time (Again)", bei dem der Groove so erzwungen klingt, als wäre er eine Lösegeldforderung.

"Grauer Schnee" ist neben dem Closer der einzige deutschsprachige Song und gleichzeitig das einzige Broilers-Original. Die Authentizität erreicht Level 1! "Es sind dieselben drei Platten jedes Mal / Dieselben Lieder, wie es schon immer war / Die gleichen Speisen und der gute alte Streit / Dieselbe Liebe und viel zu wenig Zeit" heißt es dort. Gehts noch einfallsloser? Wirkt wie ein Meme - während die immer gleiche Leier bemängelt wird, findet auf dem Album genau das beschriebene Phänomen statt.

Stets tönen weihnachtliche Glocken, Streicher und Flöten vor sich hin. Im Unterschied zu herkömmlichen Weihnachtsliedern wird der Schabernack um ein paar BPM mehr, prägnantere Percussion, rauere Vocals und ein ordentliches Jaukerl aus dem Oi-Punk-Rock-Ska-Reggae-Potpourri aufgepumpt.

Aber hey, so wie Die Prinzen oder Zugezogen Maskulin schon einst beschwörten: Es war nicht alles schlecht. So ist positiv anzumerken, dass sich die Gruppe einige unbekanntere Weihnachtssongs herausgesucht und sie zu ihren eigenen gemacht hat. "Mele Kalikimaka" oder "Father Christmas" zum Beispiel. Auch die deutsche Neuinterpretation von Auld Lang Syne ("Vor Mitternacht"), das Irish Pub-Karaoke-Stück "Fairytale Of New York" oder das nach "Disneys Große Pause"-Soundtrack klingende "Christmas Vacation" regen zum Schmunzeln an.

"Santa Claus" fühlt sich an wie eine Gruppe alter Schulfreunde, die mittlerweile selbst Familie haben, sich an Heiligabend aber gegen später abseilen, um die Christmette allein zu besuchen. So sagen sie zumindest. In Wirklichkeit trifft man sich aber heimlich im alten Proberaum und startet halb angesoffen eine Jam-Session. Es gibt unerträglichere Weihnachts-Coveralben.

Trackliste

  1. 1. Carol Of The Bells
  2. 2. Feliz Navidad
  3. 3. Christmas Time (Again)
  4. 4. Grauer Schnee
  5. 5. Driving Home For Christmas
  6. 6. Fairytale Of New York
  7. 7. Santa Claus Is Comin’ To Town
  8. 8. Christmas (Baby Please Come Home)
  9. 9. Christmas Vacation
  10. 10. Merry Christmas (I Don‘t Want To Fight Tonight)
  11. 11. Mele Kalikimaka
  12. 12. Oi! To The World
  13. 13. Father Christmas
  14. 14. Vor Mitternacht (Auld Lang Syne)

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